Johan Theorin ~ Blutstein

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Während Elfen und Trolle bei uns als reine Fantasiegestalten gelten, sind sie in den nordischen Ländern fest in deren Geschichte verankert. Unzählige Sagen ranken sich um die Naturgestalten, die in Hügeln und Steinen wohnen und sich nur selten den Menschen zeigen. Wer die Grenzen ihres Landes überschreitet oder gar zerstört, hat mit Konsequenzen zu rechnen, doch um dies zu vermeiden, besteht die Möglichkeit, Kurse zu belegen, in denen man alles über diese Wesen erfährt und am Ende sogar ein Elfen-Diplom ablegen kann.

Diesen Glauben an das Mystische greift der schwedische Krimiautor Johan Theorin in seinem neuesten Roman „Blutstein“ auf und verleiht dem Geschriebenen dadurch etwas Geheimnisvolles, das für einen Krimi nicht ganz typisch ist. Zwar geht es auch um einen realen Mord, doch die Grenzen zwischen Glaube, Familiendrama und Verbrechen sind fließend, sodass die Zuordnung eines einzigen Genres nicht eindeutig zu bestimmen ist.
Diese Vielfalt an Themen zögert den Fortgang der Ermittlungen hinaus, was einerseits interessant zu lesen ist, andererseits jedoch die Spannung abmildert.

Wie in allen Romanen von Theorin befinden wir uns auf der schwedischen Insel Öland. Der Frühling hält Einzug in die Alvar und bringt neue Inselbewohner mit sich. Während unser alter Bekannter Gerlof (wir kennen ihn bereits aus den ersten beiden Öland-Krimis) seinen Lebensabend im kleinen Haus der Familie verbringt, sind auf der anderen Seite des Steinbruchs große Villen entstanden. In einer davon wohnt Vendela. Sie ist auf Öland aufgewachsen und möchte nun zurück zu ihren Wurzeln, aber vor allen Dingen zurück zu den Elfen. Sie glaubt fest daran, dass diese ihre Wünsche erfüllen und verbringt viel Zeit bei dem alten Elfenstein, der ihr Kraft und Trost spendet.

Schon bald freundet sich Vendela mit Per Mörner an, der ebenfalls neu auf der Insel ist und das alte Häuschen von Gerlofs Freund Ernst geerbt hat. Der geschiedene Familienvater sorgt sich sehr um seine Tochter Nilla, deren Gesundheit sich aus zunächst unerfindlichen Gründen rapide verschlechtert. Als wäre dieser Umstand nicht schon belastend genug, sieht er sich bald mit einem neuen Problem konfrontiert. Das Haus seines Vaters Jerry, ehemals erfolgreicher Pornoproduzent, wurde in Brand gesteckt. Per hat kein gutes Verhältnis zu ihm, sieht sich nun jedoch dazu gezwungen, Jerry bei sich aufzunehmen, da sich dieser nach einem Schlaganfall nicht mehr selbst schützen kann.

Per vermutet hinter dem Brand ein Verbrechen, doch sein Vater kann die Zusammenhänge aufgrund seiner Krankheit nicht aufklären. Lediglich zwei Namen erwähnt er unermüdlich: Hans Bremer und Markus Lukas. Per macht sich auf die Suche und gerät zwischen Ermittlung und Krankenhaus ans Ende seiner Kräfte. Wer versucht Jerry umzubringen? Welche Rolle spielt der ehemalige Beruf seines Vaters dabei? Und wie weit möchte Per in dieses Metier, für das er Zeit seines Lebens Abscheu und Scham empfand, vordringen?

All diese Fragen beantwortet Theorin im Laufe der Handlung, wobei er jeder der genannten Figuren Raum zur Entfaltung gibt. Manche lernt man als Leser sehr gut kennen, von anderen erfährt man nur das nötigste. Doch im Ganzen verfransen mir diese Ausflüge den roten Faden zu sehr. Pers Ermittlungen kommen durch gewinnbringende Zufälle zwar stetig voran, doch im großen Zusammenhang geraten sie ein wenig ins Hintertreff.
Zudem ist „Blutstein“ atmosphärisch weit weniger dicht als die beiden Vorgängerromane. Es gibt geheimnisvolle, düstere Momente, doch die konnten mich einfach nicht richtig gefangen nehmen.

„Blutstein“ ist kein Buch für dämmrige Abende mit pfeifendem Wind und die Handlung jagt mir auch keine Schauer über den Rücken. Sie hat mich zwar recht angenehm unterhalten, doch am Ende bleibt nicht viel übrig, da der Krimi im Vergleich zu Theorins anderen Romanen sehr verwässert daherkommt.

Wer Theorin noch nicht kennt, könnte „Blutstein“ vielleicht mehr Positives abgewinnen, doch für mich war das Buch ein wenig enttäuschend und ich hoffe sehr, dass der letzte Teil der Öland-Krimis wieder genauso fesselnd und atmosphärisch dicht geschrieben ist wie die beiden ersten Teile.

Teil 1 / Teil 2

© Ada Mitsou

448 Seiten / 19,95 € ~ Piper (Januar 2011) ~ ISBN: 3492054188

Mirjam Pressler ~ Ein Buch für Hanna

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Ich habe neulich eine Unterhaltung geführt, in der es darum ging, dass ich es ein wenig aus den Augen verloren habe, während des Lesens mitzufühlen. Ein Buch kann mich fesseln, berühren, traurig oder fröhlich stimmen, doch im Laufe der vielen Bücher, die ich gelesen und rezensiert habe, ist mir die Zeit, mich intensiv in die Figuren hineinzuversetzen, abhanden gekommen. Meine Art zu lesen ist analytischer geworden, denn ich fühle mit dem Abstand, den ein gewisses Maß an Objektivität einfordert.

Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass ich ausgerechnet jetzt, wenige Tage nach dieser Unterhaltung, „Ein Buch für Hanna“ gelesen habe, denn eben jenes Buch hat mir gezeigt, dass mir das Mitfühlen noch nicht abhanden gekommen ist. „Ein Buch für Hanna“ ließ mich sogar so sehr mitfühlen, dass ich auch jetzt noch aufgewühlt bin, wenn ich in darin blättere und an die damit verbundenen Bilder zurückdenke.

Deutschland, 1938: Die vierzehnjährige Hannelore lebt und arbeitet in Ahrensdorf, wo sie darauf vorbereitet wird nach Palästina auszuwandern. Die Schwester des jüdischen Mädchens ist bereits vor zwei Jahren nach Palästina gegangen und jetzt, wo die Nationalsozialisten gezielt gegen die jüdische Bevölkerung vorgehen, soll Hannelore ihr folgen.

Eines Tages ist es soweit: Zusammen mit einer Gruppe anderer jüdischer Mädchen bricht Hannelore in das Verheißene Land auf. Doch der Weg dorthin erfordert Geduld und Kraft. Die Mädchen landen zunächst in Dänemark, wo sie in unterschiedlichen Familien untergebracht werden und sich in deren Alltag einfügen. Obwohl sie ihr Ziel noch nicht erreicht haben, fühlen sie sich erstmal sicher. Hannelore, die fortan Hanna genannt wird, ist nach anfänglichen Problemen zufrieden in ihrer neuen Umgebung. Die Arbeit auf dem Bauernhof bereitet ihr Freude und nach und nach begegnen ihr Menschen, die sie ins Herz schließt.

Doch ihr Glück währt nicht lange: Die Deutschen marschieren in Dänemark ein. 1943 wird Hanna zusammen mit fast 500 dänischen Juden nach Theresienstadt deportiert, wo sie glücklicherweise ihre Freundinnen aus Ahrensdorf wieder findet. Fortan kämpfen die Mädchen gemeinsam ums Überleben…

Besagtes Theresienstadt ist vielen Lesern bestimmt ein Begriff. Auch ich hatte den Namen schon mal gehört, wenn gleich er auch nicht so präsent ist wie Auschwitz, Buchenwald oder Dachau.

152 000 Juden wurden in Theresienstadt, wo vorher 7000 Bürger lebten, zusammengepfercht. Sie litten nicht nur unter dem Platzmangel, sondern vor allen Dingen unter den Schikanen der Offiziere, dem nagenden Hunger, dem Ungeziefer und den Krankheiten, die sich aufgrund der mangelnden Hygiene und der schlechten medizinischen Versorgung ungehindert ausbreiten konnten. Alte und kranke Menschen starben aufgrund dessen, tausende andere wurden deportiert und vergast. Niemand wusste, wer als nächstes an der Reihe sein würde, wodurch die Angst ein ständiger Begleiter wurde.

Diese Zustände findet man auch in anderen Konzentrations- und Arbeitslagern, doch Theresienstadt unterscheidet sich in einem Punkt von ihnen: Das Lager galt als Musterlager zur Täuschung der ausländischen Öffentlichkeit.
Ausgewählte, bis auf die Knochen abgemagerte Juden wurden wochenlang mit besserem Essen aufgepäppelt, man zog ihnen wie Marionetten gute Kleidung an, reinigte die verdreckten Straßen und richtete vereinzelte Räume her, durch die die Besucher geführt werden sollten.

Während die anderen Inhaftierten still in den Kasernen ausharren mussten, spielten die Nazis den ausländischen Besuchern eine heile Welt vor, in der die Juden angeblich zufrieden ihrer Arbeit nachgingen, Kinder von dem guten Essen, dass es dort gab, übersättigt waren und alle in einem friedlichen Miteinander lebten.
Nachdem die ahnungslosen Besucher wieder abgereist waren, wurden die Juden, die bei dieser Farce mitspielen mussten, unverzüglich umgebracht, damit sie niemandem davon erzählen konnten und die Verlogenheit der Nazis nicht aufflog.

Wenn ich daran denke, flammt der Zorn in mir auf! Ich möchte diese Unmenschen schütteln und anschreien und ekle mich vor ihrer Verlogenheit, vor dem, was der Machtrausch aus ihnen machte. Es ist mir unbegreiflich und zugleich schnürt mir die Traurigkeit die Kehle zu.

Diese Wirkung ist anstrengend, weil sie mir unter die Haut geht und intensiver ist als die, die andere Bücher über die Judenverfolgung in mir ausgelöst haben. Mir waren die historischen Ereignisse schon immer unbegreiflich und die Schilderungen haben mich schon immer bewegt, allerdings nicht in diesem Maße.

Während ich im Zug sitze und in dem Buch lese, blende ich meine Umgebung aus. Der Kontrast zwischen dem Geschriebenen und dem Arbeitsalltag der Pendler fühlt sich hart an, wie zwei Welten, von denen die eine so normal und belanglos wirkt und die andere mich innerlich zerrüttet. Wie geht das zusammen?
Wie kann sich ein Mädchen vor 70 Jahren dicht an dicht mit vielen anderen Menschen in einem dunklen Viehwagon gefürchtet haben, während ich mich bequem in den Sessel drücke und froh über die behagliche Wärme in dem Abteil bin? Ich versuche mir vorzustellen, wie ich Hannas Situation empfunden hätte und stelle fest, dass ich es mir kaum vorstellen kann.

Gleichzeitig kriecht die Angst in mir hoch, je länger ich darüber nachdenke. Was wäre, wenn sie mich heute abholen würden? Wenn ich nicht wüsste, was mit meiner Familie passiert ist? Wenn mir ein Mann in Uniform mit seinem Knüppel ins Gesicht schlägt und ich vor Angst und Hunger nicht schlafen kann, zwischen all diesen fremden Menschen und Gerüchen?

Presslers Beschreibungen sind nicht offensichtlich schockierend. Viel mehr konzentriert sie sich während des Erzählens ganz auf das Leben und die Empfindungen der vierzehnjährigen Hanna. Das Mädchen ist schüchtern, sie hat Angst vor Veränderungen, flüchtet sich in die Märchen von Hans Christian Andersen und macht doch alles mit, was man von ihr verlangt. Schon früh hat sie von ihrer Mutter eingebläut bekommen, dass ein jüdisches Mädchen nicht auffallen darf und daran hält sie sich.
Hanna ist eigentlich nicht anders als andere Mädchen, doch sie erlebt andere Dinge, die sie dazu zwingen, sich zu verändern, sowohl im Positiven als auch im Negativen.

Es ist spannend, diesen Prozess mitzuverfolgen. Trotz der Schwere des Themas war es mir ein Vergnügen, mich von der poetischen Sprache gefangen nehmen zu lassen, sodass nicht nur die Schrecken der damaligen Zeit dominieren, sondern auch ein zartes, melancholisches Gefühl, das mich sehr beeindruckt und berührt hat.

„Ein Buch für Hanna“ ist für mich eine persönliche Angelegenheit geworden. Ich weiß nicht, ob es andere Leser genau so erreichen wird wie mich, doch ich hoffe sehr, dass es noch viele Leser findet, die sich das Geschriebene zu Herzen nehmen und in Ruhe darüber nachdenken.

Altersempfehlung: ab 13 Jahren

© Ada Mitsou

348 Seiten / 17,95 € ~ Beltz (1. April 2011) ~ ISBN: 3407810792

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