Ungelesene Bücher 2014: Das erste Vierteljahr

Schlagwörter

, , , , , , ,

Warum kauft ihr eigentlich so viele Bücher?

… und wie es zu dieser Frage kam…

Erste Hürden

Normalerweise finde ich in der örtlichen Buchhandlung nur wenige Bücher von meinem Wunschzettel, sofern es sich nicht um Bestseller handelt. Im Februar war das jedoch anders. Ich weiß nicht, ob es an dem Projekt liegt. Vielleicht entsprechen meine Wünsche momentan auch nur dem, was die meisten Leser haben wollen. Fakt ist jedoch, besagte Buchhandlung hatte noch nie so viele gewünschte Bücher vorrätig wie in den letzten Wochen. Eine nicht zu unterschätzende Hürde für jemanden, der mit Bedacht und Maß auswählen möchte!

Es fing alles damit an, dass ein Freund auf der Suche nach einem bestimmten Hörbuch war. Sicher und hochmotiviert wie ich mich fühlte, sah ich es nicht als Herausforderung an, ihn zu begleiten und während seiner gezielten Suche etwas zu stöbern. Da Hochmut aber bekanntlich vor dem Fall kommt, durfte ich diesen prompt am eigenen Leib spüren: Unzählige bereits erschienene Bücher von meiner Wunschliste strahlten mich von den Tischen und Regalen an. Sie waren fast alle da! Nicht nur eins im hintersten Winkel oder eins, das ich mal halbherzig interessant fand, sondern tatsächlich genau die Bücher, die ich mit Sorgfalt ausgewählt hatte.
Wenige Tage später wagte ich einen erneuten Besuch und das Resultat war ähnlich: Noch mehr Wunschbücher, die ich entdeckte und in meinen Händen hin und her drehte. Ich war kurz davor, sie mitzunehmen, habe sie letztlich aber wieder zurückgelegt – mit großem Zögern und kleinen Seufzern. Das schlechte Gewissen, meine Regeln zu brechen und der Ehrgeiz, mein Ziel zu erreichen, hielten mich davon ab.

Das frustrierte mich zwar nicht langfristig und es tat auch nicht wirklich weh, aber schwer gefallen ist es mir trotzdem. Nur warum? Warum ist die Versuchung ein Buch zu kaufen so groß, obwohl ich doch schon Unmengen davon besitze? Diese Frage habe ich mir nach den beiden Besuchen gestellt.

Ursachenforschung: Warum möchte ich eigentlich so viele Bücher kaufen?

Ich könnte jetzt eine eher gefühlsbetonte Antwort geben: Bücher sind auf immaterielle Weise wertvoll. Sie bereichern mich durch die in ihnen enthaltenen Geschichten, erweitern meinen Horizont, sind Luxus, indem sie mir nahezu uneingeschränkt Zugang zu Wissen und somit Bildung bieten und stellen zugleich treue Begleiter meiner Fantasie dar.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn auch wenn all diese Punkte meiner Sichtweise entsprechen, liegt der Grund des Bücherkaufes doch eigentlich woanders: Ich bin ein Belohnungskäufer.
Der Tag war anstrengend? Der Wunsch nach Entspannung macht sich breit? Ich habe etwas geschafft, was ich schon lange vor mir herschiebe? Zeit für eine Belohnung! Und welche Form der Belohnung liegt bei einem Büchermenschen nahe? Genau, ein Buch! Eines das sich spannend anliest, schön aussieht, nagelneu ist und gut in meine Sammlung passt. Ein Buch, von dem ich mir Entspannung und Unterhaltung gleichermaßen verspreche. Vielleicht ein Roman, der mich den anstrengenden Alltag vergessen lässt und auf andere Gedanken bringt. Oder ein Kinderbuch, das mich staunen lässt und daran erinnert, wie die Welt früher mal aussah – aus einer anderen Perspektive mit anderen Erfahrungen und Gefühlen als heute. Vor allem jedoch: Ein Buch, das ich mir gönne! Das habe ich mir verdient und deshalb kann ich jetzt auch mal Geld für etwas Schönes ausgeben.

Diesen Mechanismus zu durchbrechen, ist gar nicht so einfach, denn Belohnungen sorgen in gewisser Weise dafür, dass man durchhält. Sie sind die Anerkennung dafür, dass man etwas Anstrengendes geschafft hat, etwas, das Disziplin erfordert. Belohnungen fühlen sich einfach gut an.
Doch es gibt auch eine Kehrseite, denn wenn man sich zu oft mit etwas Bestimmtem belohnt, verliert die Belohnung irgendwann an Wert. Zwar schätze ich nach wie vor neue Bücher, doch ich weiß mittlerweile, dass die Freude darüber von kürzerer Dauer ist als erhofft. Zu viele Bücher stehen bereits ungelesen in meinem Regal, sodass jedes weitere zwar ebenso interessant auf mich wirkt wie die anderen, doch leider auch genauso schnell in der Masse untergeht, sofern ich es nicht zeitnah zur Hand nehme und lese.

Das Gefühl im Buchladen ist zunächst großartig! Das stundenlange Stöbern, die Suche nach der richtigen Geschichte, die Auswahl, die ich zur Verfügung habe und schließlich die neue Errungenschaft, die ich mit einem guten Gefühl zuhause auspacke. Herrlich!
Doch ein paar Stunden später ist dieses Gefühl bereits verflogen – weil ich nicht zum Lesen komme, weil ich andere Aufgaben erledigen muss oder noch eine angefangene Lektüre auf dem Nachttisch liegen habe.

Problem erkannt, Problem gebannt?

Ich versuche es und zumindest bis jetzt klappt es trotz der kleinen Stolpersteine noch sehr gut. In den letzten beiden Monaten habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass mein Vorhaben manchmal etwas ins Wanken geraten kann, doch alles in allem bin ich gut vorangekommen. Zwei Bücher habe ich mir gekauft: In Gedenken an den Indiebookday “Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb” von Sue Townsend und als Fortführung einer Kinderbuchreihe “Das Geheimnis von Ashton Place – Die Jagd ist eröffnet” von Maryrose Wood. Außerdem habe ich “Lindbergh” von Torben Kuhlmann geschenkt bekommen.
Gelesen habe ich hingegen 14 Bücher seit Projektbeginn, sodass mein Stapel nun 154 Bücher (ursprünglich 160) umfasst. Das ist zwar noch kein allzu großer Sprung, doch um Sprünge geht es schließlich auch nicht, sondern vorrangig um die Freude am Lesen und die Gedanken, die ins Rollen kommen.

P.S.: Ein neues Lesetagebuch

Reading JournalIch habe endlich ein ansprechendes Lesetagebuch für mich gefunden! Wie ihr in den letzten Wochen herauslesen konntet, war ich mit meinem aktuellen Buch aufgrund der vielen Seiten, die leer blieben, nicht so glücklich. Nach langer Suche habe ich dann einen Versuch mit dem Reading Journal von Potter Style gewagt und landete prompt einen Glückstreffer! Über das Design der Seiten kann man streiten, doch das Lesetagebuch umfasst inhaltlich alle für mich wichtigen Punkte und bietet zudem Platz für Themen, auf die das gelesene Buch neugierig gemacht hat. Außerdem beinhaltet es vereinzelte Graphiken und Fragen zum eigenen Leseverhalten und den Lieblingsautoren sowie am Ende einige Listen großer Zeitungen mit Empfehlungen der Weltliteratur. Eingestreute Zitate sind auch mit dabei. Alles in allem ein Lesetagebuch, das sich auf das Wesentliche konzentriert und selbiges um kleine, nett aufgemachte Spielereien ergänzt.

Innenansicht

 

Michael Winterhoff ~ SOS Kinderseele

Schlagwörter

, , , , ,

SOS KinderseeleNormalerweise lese ich selten Sachbücher zum Thema Pädagogik. Da ich jedoch in meinem Bekannten- und Freundeskreis mit Eltern zu tun habe und dadurch einiges mitbekomme, befasse ich mich je nach Schwerpunkt gerne damit, um die Strukturen besser zu verstehen oder meine Ansichten ggf. zu überprüfen und erweitern.

Vor einiger Zeit saß ich bei einem Fest mit einem Elternpaar zusammen. Wir unterhielten uns über dies und das, bis irgendwann das Thema Schule an der Reihe war. Der kleine Sohn des Paares besucht seit kurzem die Grundschule und das dort vorherrschende Konzept sieht unter anderem vor, dass die Schüler in der ersten Zeit so schreiben dürfen, wie sie sprechen. Fehler werden nicht korrigiert, da die Kinder ein Gefühl für Sprache entwickeln und das Gehörte auf ihre Weise in Schriftform umsetzen sollen. Diese Methode nennt sich „Lesen durch Schreiben“ und geht auf den Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen zurück. Ihr Sinn besteht darin, dass sich die Kinder auf diese Weise die Schriftsprache nach und nach selbstständig erarbeiten und dadurch unter anderem lernen, besser und freier mit Sprache umzugehen.

Als ich davon hörte, konnte ich es kaum glauben. Zwar bin ich weder Pädagogin, noch habe ich ein Kind im Grundschulalter, doch die Tatsache, dass Kinder heutzutage bereits im ersten Schuljahr absichtlich Fehler verinnerlichen sollen, schien mir mehr als absurd.
Warum nutzt man gerade die Anfangszeit des Schulweges, also den Zeitpunkt, an dem Kinder noch neugierig und lernbegierig sind, nicht dafür, ihnen die wichtigsten Grundlagen unserer Kulturtechniken beizubringen? Bzw. warum lässt man sie stattdessen erstmal alles falsch lernen, nur um es ihnen danach, wenn es eigentlich schon zu spät ist, wieder neu und vor allem anders beizubringen? Der Sinn erschließt sich mir nicht.

Dies ist nur eines von vielen neuen Konzepten, die im Bildungswesen angewandt werden. Es scheint, als seien herkömmliche Methoden derart verpönt, dass stetig etwas Neues verordnet wird – scheinbar zum Wohle des Kindes und zur Förderung der freien Entfaltung. Cafés in Kindergärten, wo sich die Kinder selbst bedienen können, wenn sie Hunger oder Durst haben, Lerntheken, wo sich Schüler ihre Bücher und Materialen nach Bedarf abholen und Spielecken im Klassenzimmer, die jederzeit während des Unterrichts aufgesucht werden dürfen, sind nur ein paar Ideen, die Kindern dabei helfen sollen, selbstständige und freie Menschen zu werden.

Dass dies eher schadet als hilft, legt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff in seinem neuesten Buch „SOS Kinderseele“ dar. Sein Augenmerk liegt vor allem auf der Entwicklungspsychologie, da seiner Meinung nach eine dem Alter angemessen entwickelte soziale und emotionale Psyche die Grundlage allen Lernens, aber auch des Miteinanders sei.

Immer mehr Kinder und Jugendliche seien heutzutage nicht mehr in der Lage, gesunde Beziehungen zu führen und im Schul- sowie Berufsleben klarzukommen. Ihre Frustrationsgrenze sei extrem niedrig, Tugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin suchen Arbeitgeber vergebens und das Gespür für Recht und Unrecht verkümmere zusehends.
Ursache sei nicht etwa Böswilligkeit oder Faulheit, sondern mangelnde Reife, da die Kinder aus verschiedenen Gründen nicht mehr auf einer dem Alter angemessenen Entwicklungsebene gefördert würden, sondern auf einer wesentlich niedrigeren Stufe stehen blieben.

Emotionale und soziale Reife erfordere ein Gegenüber, an dem sich das Kind orientieren kann. Dieses Gegenüber fehle jedoch dadurch, dass viele Eltern ihre Kinder als Teil des eigenen Ichs empfinden und kaum noch willens seien, das eigene Kind Belastungen auszusetzen. (Groß-)Eltern wollen geliebt werden und vermeiden dadurch Nein zu sagen. Das Kind solle sich entfalten, also bekommt es umgehend, was es braucht bzw. möchte. Die mangelnde Fähigkeit still zu sitzen und konzentriert zu lernen, verhindere den ursprünglich vorgesehenen Unterricht, wodurch das Niveau herabgesenkt werde, um die Schüler wenigstens durchzubringen. Der Fokus liege nicht mehr auf dem Lehrer als Bezugsperson, sondern auf der möglichst selbstbestimmten Aneignungsform des Stoffes.

Das sind nur die hervorspringenden Thesen aus dem vorliegenden Buch. Winterhoff untermauert sie durch Interviews mit Betroffenen, Forschungsergebnissen sowie Gesprächen nach Vorträgen und Beispielen aus dem Praxisalltag. Sein Ziel ist es, die Gesellschaft wachzurütteln und er fordert, nicht allen neuen Theorien und Konzepten blind zu folgen, sondern diese auch mal kritisch zu hinterfragen. Kinder sollen als solche behandelt werden. Sie brauchen Regeln und Orientierung (nicht zu verwechseln mit Strenge), um sich entwickeln zu können. Sie müssen erst lernen, wie man sich in der Welt zurechtfindet, bevor sie entscheiden können, wie etwas gemacht wird und das – entgegen vieler neuer Konzepte – am besten durch die Interaktion mit und Orientierung an einem bzw. mehreren menschlichen Gegenübern.

Dieser Inhalt erreichte mich während des Lesens auf zweierlei Weise: Zum einen schreibt Winterhoff sehr verständlich. Er vermeidet Fachbegriffe insoweit, dass jeder Laie verstehen kann, was er zu erklären versucht. Das Buch liest sich also trotz des fachspezifischen Inhalts mühelos.

Zum anderen gehe ich mit seiner Meinung größtenteils konform.
Dass ich oben beschriebene Methode zum Erlernen der Rechtschreibung absurd finde, habe ich bereits kundgetan. Doch auch andere Punkte, die Winterhoff aufgreift, sind mir nicht fremd. Ich kenne Eltern, die ihre Kinder wie Erwachsene behandeln und sie gleichzeitig behüten möchten wie ein rohes Ei.
Auf der einen Seite sollen diese Kinder Entscheidungen treffen, die sie aufgrund ihrer Entwicklung und des fehlenden Bewusstseins für die Umstände und Konsequenzen noch gar nicht treffen können (Stichwort: „Sie sind alt genug, selbst zu entscheiden, wo sie hingehen möchten und wo nicht. Wenn sie nicht in den Kindergarten/die Schule/zum Sport/zur Verwandtschaft wollen, müssen sie nicht.“). Auf der anderen Seite wird ihnen jeder Wunsch von den Augen abgelesen und das am besten sofort und ohne Einschränkung, was wiederum dazu führt, dass das Geschrei groß ist, wenn mal etwas nicht so läuft, wie sie es gewohnt sind.

Diese niedrige Frustrationsgrenze erkenne ich wieder, während ich „SOS Kinderseele“ lese. Ebenso die zunehmende Unfähigkeit, eine Zeit lang still zu sitzen, sich in eine Situation einzufinden und auch mal etwas auszuhalten, ohne direkt etwas einzufordern oder in Wutgebrüll auszubrechen.

Ich rede hier nicht von Kindern, die wie Roboter auf Knopfdruck schweigen oder reden, rumlaufen oder stillsitzen sollen. Ich rede von ganz alltäglichen Situationen, wie wir sie alle als Kinder kannten: Manchmal muss man Dinge tun, auf die man keine Lust hat. Manchmal sitzt man länger an den Hausaufgaben, obwohl man sie nicht gerne macht. Manchmal bekommt man die neue Playstation eben nicht, obwohl man sie so gerne hätte. Und manchmal muss man eben am Tisch sitzen, um mit allen gemeinsam zu essen, obwohl man lieber spielen oder vorm Fernseher hocken würde.

Das galt damals wie heute und doch hat sich im Laufe der Jahrzehnte etwas verändert, denn wenn ich mich umschaue, scheint vieles davon schwieriger geworden zu sein: Das Nein sagen, das Zeitnehmen, das Aushalten, das Einfühlen, das Verzichten und das Befolgen einfachster Regeln – aber auch genau die Selbstständigkeit, die durch neue Konzepte erreicht werden soll. Um ein Beispiel zu nennen: Ich war in meinem Leben an drei Schulen, zum Teil verzögert, sodass ich wesentlich älter als meine Mitschüler war. Aus Gesprächen weiß ich, dass sich die Unterrichtsmethoden im Laufe des Jahrzehnts verändert haben – weniger Frontalunterricht, mehr eigenständiges Arbeiten usw. Obwohl man da mehr Selbstständigkeit erwarten könnte, waren meine (auf dem Papier bereits erwachsenen) Mitschüler zum Teil schon vollkommen verunsichert, wenn sie nicht wussten, was GENAU in einer Klassenarbeit dran kam. Die Aussage “Alles, was wir seit der letzten Arbeit durchgenommen haben” reichte nicht, stattdessen sollte jedes Thema, das drankommen wird, benannt werden (und zehnmal wiederholt zum Mitschreiben). Das besagte “Alles” (drei bis vier Themen) war zuviel, da würde man ja ewig lernen müssen…
Statt eine einfache (keine fragwürdige) Regel zu akzeptieren, wurde mehr als einmal diskutiert und je nachdem welcher Lehrer sprach, sah er oft nur den Rücken eines am PC spielenden Schülers.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich war sicherlich auch nicht immer die perfekte Schülerin, aber gewisse Anstandsformen habe ich von klein auf gelernt und für mich sind viele Dinge aufgrund meiner Schulzeit einfach selbstverständlich, weswegen es mir manchmal schwer fiel, die Situationsproblematik nachzuvollziehen.

Das ist sicher nicht in jeder Klasse oder Familie so und in einem gewissen Maße auch vollkommen normal hinsichtlich der Alterklasse, wenn man es jedoch so direkt vor Augen geführt bekommt wie durch Winterhoffs Buch, beginnt man Parallelen zu erkennen, die einen zum Nachdenken anregen. Ein Kind soll sich wohl und sicher fühlen, doch das schließt nicht aus, dass es lernt, Regeln zu befolgen und sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Freie Entfaltung ist wichtig, doch Anleitung und Orientierung wirken unterstützender als das (kleine) Kind in allen Entscheidungen sich selbst zu überlassen. Wird eine Entwicklungsstufe übersprungen, kostet es nachher Zeit und Mühe sie wieder aufzuholen oder es endet so, wie oben beschrieben.

Man versteht den Hintergrund aus psychologischer Sicht etwas besser und kann für sich entscheiden, ob an dem Gelesenen etwas dran ist oder nicht. Für mich ist es das, weswegen ich die dargelegten Thesen durchaus nachvollziehen kann und größtenteils stimmig finde. Einzig die Lösungswege fehlen mir, denn diesbezüglich hält sich Winterhoff sehr allgemein. Konkrete Ratschläge für Eltern oder Erzieher/Lehrer findet man in „SOS Kinderseele“ nicht, dafür jedoch einen Denkanstoß, der einen dazu bringt, seine Ansichten und Methoden zu überdenken und ggf. neu auszurichten.

>> Interview mit dem Autor auf tagesanzeiger.ch

4 Sterne

© Ada Mitsou

224 Seiten / 17,99 € ~ Bertelsmann (September 2013) ~ ISBN: 357010172X

Ungelesene Bücher 2014: Der erste Monat

Schlagwörter

, , , ,

Mein Projekt läuft gerade mal seit 31 Tagen, was im Vergleich zur vorgenommenen Zeitspanne von 365 Tagen nicht viel ist, und trotzdem kann ich zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen, dass es mir gut tut. Es entspannt mich, mich ganz auf meine ungelesenen Bücher zu konzentrieren und ich merke, wie ich während des Lesens einen Gang zurückschalte.

Gerade im letzten Jahr, wo die Zeit oft so knapp bemessen war, bin ich nur so über die Seiten hinweg geflogen – meistens ohne mich groß damit zu beschäftigen, was ich da eigentlich lese. Nun erfordert nicht jedes Buch viel Aufmerksamkeit, denn einige haben vorrangig Unterhaltungswert ganz ohne tieferen Sinn, über den man stundenlang philosophieren könnte oder müsste. Und doch war ich immer eine Leserin, die gerne über den Inhalt eines Buches nachgedacht hat, um sich abschließend eine Meinung bilden zu können.

Im letzten Jahr war das anders: Weniger Zeit, weniger Bücher, weniger Gedanken, weniger Rezensionen.
Schlimm? Im Grunde nicht, denn die Welt geht davon nicht unter. Aber ein bisschen traurig hat es mich schon gemacht, weil ich eine von mir geliebte Gewohnheit nicht so pflegen konnte, wie ich es wollte und weil es mich geärgert hat, dass nichts in meinem Kopf bleiben oder sich zu Sätzen formen wollte. Ich wollte all das, aber ich konnte nicht und wenn ich mal die Zeit hatte, hatte ich keine Lust, weil es anderes zu erledigen galt oder ich einfach müde war.

Wenn das über einen längeren Zeitraum so ist, beginnt man seine Gewohnheiten – solange sie nicht zu den schlechten oder viel mehr lästigen gehören – zu vermissen. Ich begann mich danach zu sehnen, wieder mehr Zeit zum Lesen zu haben und auch wieder darüber schreiben zu können. Dass das Problem nicht unbedingt in der mangelnden Zeit liegt, sondern viel mehr darin, wie man seine Zeit verbringt, habe ich erst jetzt gemerkt und das obwohl diese vermeintliche Weisheit schon so abgegriffen ist wie ein alter Hut. Nutze den Tag, mach das Beste daraus, organisiere deine Zeit, DU entscheidest wie du deine Zeit nutzt und nicht dein Job usw. usf. … man kennt das. Diese Sprüche gehen bei mir ins linke Ohr rein und zum rechten wieder raus.

Anders verhält es sich jedoch, wenn ich am eigenen Leib spüre, wie gut mir die Umsetzung tut. Ich muss erfahren, wie sich etwas verändert, anstatt bloß die Theorie wiederzukäuen. Und genau das passiert gerade.
Wenn ich ein Buch zur Hand nehme, dann muss ich das nicht in zwei Tagen durchgelesen haben. Es kann warten, weil es reicht, genau soviel zu lesen, wie ich möchte. Ich habe seit langem wieder Spaß daran langsam zu lesen, was nicht heißt, dass ich mich nicht darüber freue, wenn die Zahl meines SuBs verhältnismäßig schnell schrumpft. Allerdings hat sich die Gewichtung verschoben. Ich muss nicht schneller und mehr lesen, schneller und mehr bloggen oder einem Termin nach dem anderen hinterherhinken, was nur noch mehr Zeitnot und Druck erzeugt.
Stattdessen lehne ich mich zurück, tauche in die Geschichten meiner Bücher ein und fühle mich wohl, wenn durch das Gelesene Bilder entstehen, die ich in aller Ruhe vor meinem inneren Auge malen und betrachten kann.

Reaktionen, die Gedanken auslösen

Als ich das Projekt zum ersten Mal auf meinem Blog erwähnte, sprachen manche  davon, dass sie sich nicht gerne einschränken möchten und hinsichtlich des Lesens und auch des Bücherkaufes ihre freie Wahl schätzen, weswegen ein derartiges Projekt nichts für sie sei. Für mich bedeutete mein Vorhaben keine schmerzliche Einschränkung, weil ich mich darauf freute und doch konnte ich verstehen, was die Kommentatoren damit meinten. Natürlich schränkt man sich in gewisser Weise ein, wenn man versucht, etwas zu unterlassen, was man zuvor so gerne gemacht hat. Doch schwierig wird das erst, wenn man sich dabei quält oder unwohl fühlt.

Ich glaube, es macht einen großen Unterschied, ob man selber beschließt, seine Konzentration auf etwas zu legen, was einem sinnvoll erscheint oder ob einem von außen vorgeschrieben wird, was man zu tun oder zu lassen hat.
Hätte mir jemand gesagt “Ada, es reicht! Ab sofort verbiete ich dir mehr als ein Buch pro Monat zu kaufen und wehe du hältst dich nicht daran!”, dann hätte ich demjenigen entweder einen Vogel gezeigt oder wäre aufgrund der angekündigten Konsequenzen sehr unglücklich gewesen, weil ich etwas, das ich mag, nicht mehr tun dürfte. So jedoch fühle ich mich frei in meiner Entscheidung. Ich möchte es so. Sollte dies irgendwann nicht mehr der Fall sein, kann ich die Vorsätze über Bord werfen und zugeben “Das geht so nicht. Ich komme mit dieser Verschiebung nicht klar und bin eher unglücklich als glücklich damit, weswegen ich so nicht weitermachen möchte.”.

Ein weiterer Punkt, über den ich mir im Vorfeld Gedanken gemacht hatte, war, dass ich mich möglicherweise noch unachtsamer und schneller durch die Bücherberge wühlen würde, um meinen SuB möglichst schnell loszuwerden, denn nüchtern betrachtet haben solche Vorhaben doch oft etwas von einem Wettbewerb: Ich nehme mir was vor, trete damit an die “Öffentlichkeit” und möchte dementsprechend auch erfolgreich sein – frei nach der Devise: Je schneller ich lese, desto schneller schrumpft mein Sub und umso größer wird die Anerkennung sein. Blödsinn! Aber nicht zu unterschätzen, denn manchmal tappt man in solche Verhaltensmuster, ohne es so genau wahrzunehmen. Umso überraschter bin ich nun, dass ausgerechnet der Verzicht einer liebgewonnenen Gewohnheit dazu führt, dass ich das langsame Lesen und auch das Bloggen wieder zu schätzen lerne.

Aktuelle Zahlen

Für mich ist es eine erstaunliche Erfahrung, wie viele Gegensätze dieses Projekt hervorbringt: Ich möchte meinen SuB deutlich reduzieren, schätze dabei jedoch das langsame Vorgehen und lese letztendlich trotzdem viel schneller und mehr als in den ganzen letzten Monaten. Im Januar waren es acht Bücher. Eines davon hatte ich noch vom letzten Jahr aus der Bibliothek hier liegen, weshalb es statistisch untergegangen ist, also auch jetzt nicht zur SuB-Rechnung gezählt wird. Mit den vier Büchern, die ich gegen den gewonnenen Gutschein eingelöst habe, liegt die Zahl meiner ungelesenen Bücher nun bei 157.

Über das Vermissen

Ob ich bis jetzt etwas vermisse? Nein. Möglicherweise liegt das an dem Gutschein, doch auch jetzt, wo ich einen neuen Monat vor mir liegen habe, in dem ich etwas kaufen könnte, kribbelt es mir nicht in den Fingern.
Die Neuerscheinungen des aktuellen Jahres, die ich mir in den letzten Tagen angeschaut habe, machen mich nicht nervös. Ich habe sie einfach auf meinem Wunschzettel vermerkt und werde sehen, was mir davon zum Zeitpunkt des Erscheinens wirklich wichtig ist oder was noch warten kann.
Bis jetzt vermisse ich also nichts. Ich fühle mich nicht eingeschränkt und leide nicht. Ich fühle mich rundum wohl und das wiederum macht es leicht, nicht einzuknicken. Ob das in einem halben Jahr immer noch so ist, weiß ich nicht, doch im Moment ist es so.

Reaktionen im Netz

Schön zu sehen ist dabei auch, dass mein Vorhaben geteilt wird. Auf “Was liest du?” – einer verhältnismäßig neuen Buchcommunity, die ich ihren Anfängen nach zu urteilen sehr ansprechend finde – wurde mein Vorhaben im Neujahrsbericht erwähnt. In dem Zuge habe ich nicht nur gemerkt, wie viele Leser in diesem Jahr ihren SuB in Angriff nehmen möchten, sondern auch Post von einer noch jungen Bloggerin bekommen, die sich mit dem Thema befassen möchte. Ich bin gespannt, wie sich Lemaris Blog entwickeln wird und freue mich, dass ich dadurch mit ihr in Kontakt getreten bin.

Kef von Zeilensprünge hat sich eine neue, in meinen Augen schöne Strategie für die Herangehensweise an ihren SuB ausgedacht.

Evelyn hat das Thema “Verzicht” in einem Blogbeitrag aufgegriffen und passend dazu Blogs gesammelt, die sich damit auf ganz unterschiedliche Weise beschäftigen.

Der Betreiber von Lesen macht glücklich wirft die Frage in die Runde, wie so ein hoher SuB überhaupt entstehen kann.

Und zu guter letzt spinnt buchstabentraeume den Faden weiter und fragt, ob wir uns vorstellen können, nie wieder ein Buch zu kaufen.

Viel Spaß beim Stöbern!