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Heute geht es um ein Buch, das zwar anstrengend sein kann, aber auch eine Bereicherung im Bücherregal darstellt. Es geht um „Orlando. Eine Biographie“ von Virginia Woolf.

Virginia Woolf

~ Die Autorin ~

Virginia Woolf wurde 1882 in London geboren und war die Tochter des erfolgreichen Schriftstellers Leslie Stephen („Dictionary of National Biography“). Als sie 13 Jahre alt war, starb ihre Mutter und kurze Zeit darauf auch ihr Vater und ein Bruder. Jeder dieser Tode machte ihr schwer zu schaffen und versetzte sie immer wieder in psychische Krisen, aus denen sie nur schwer wieder herausfand. Nichts desto trotz führte sie ein fast gewöhnliches Leben: In ihrer Jugendzeit schrieb sie Tagebuch und Essays und 1901 lernte sie Leonard Woolf kennen, den sie später heiratete. Mit ihm zusammen gründete sie den Hogarth Press Verlag, bei welchem auch 1928 „Orlando“, einer der ersten großen literarischen Erfolge der britischen Schriftstellerin, erschien. Weitaus bekannter dürften jedoch die Werke „Mrs. Dalloway“ oder „Die Wellen“ sein.

Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1941, kam Virginia gegen ihre Ängste und Depressionen nicht mehr an und nahm sich das Leben, indem sie einen großen Stein in ihre Tasche steckte und damit in einen Fluss stieg. (Diese Szene dürfte einigen vielleicht aus dem Film „The Hours“ bekannt sein.)
Allerdings bedeutete ihr Freitod nicht, dass sie im Laufe der Zeit in Vergessenheit geriet. Auch heute noch kann man ihre Werke in Buchhandlungen oder deren Verfilmungen in Videotheken finden, so auch den Roman „Orlando. Eine Biographie“, der 1992 mit Tilda Swinton in der Hauptrolle verfilmt wurde.
Doch worum geht es darin überhaupt?

Orlando

~ Die Handlung ~

Die Handlung erstreckt sich über vier Jahrhunderte. Angefangen im 16. Jahrhundert erwirbt der schöne Jüngling Orlando die Gunst von Königin Elisabeth I. und wird zu ihrem Schatz- und Hofmeister ernannt. Kurze Zeit darauf begegnet er der russischen Prinzessin Sascha, mit der er zusammen ein neues Leben anfangen möchte, doch sie lässt ihn im letzten Moment sitzen.
Tief verletzt zieht sich Orlando zurück und fällt in einen 7-tägigen Schlaf. In seiner nun selbst gewählten Einsamkeit widmet er sich seiner großen Leidenschaft: der Literatur. Voller Tatendrang gibt er dem verehrten Schriftsteller Nicholas Green eines seiner Werke, doch dieser verbrät Orlandos Gedanken in einer Satire. Erneut zutiefst enttäuscht, beschließt der nun zum Mann gereifte Jüngling als Gesandter nach Konstantinopel zu gehen. Er möchte sowohl der Liebe als auch der Literatur den Rücken kehren.
Nach einer weiteren Schlafphase erwacht er plötzlich als Frau. Er – oder vielmehr sie – lebt einige Zeit bei den Zigeunern in der Wüste, bevor sie nach England zurückkehrt und dort ihren zukünftigen Ehemann Shelmerdine kennen lernt. Erst nach der Hochzeit ist Orlando fähig, an einem ihrer Werke weiter zu arbeiten, wodurch sie schließlich im 20. Jahrhundert einen großen literarischen Erfolg verzeichnen kann.
Trotz, dass sich die Handlung über vier Jahrhunderte erstreckt, ist Orlando am Ende des Romans nicht älter als 36. Wo zu Beginn ein schöner, leidenschaftlicher Jüngling stand, steht nun eine etwas ernstere, doch immer noch leidenschaftliche Frau. Ein Wandel, der Aufsehen erregt?

~ Die Vielfalt der aufgegriffenen Themen ~

Rollenklisches

Nein, dieser Wandel erregt erstaunlich wenig Aufsehen, denn er vollzieht sich zwar auf märchenhafte Weise, wird aber von Orlando und seinen Vertrauten wie selbstverständlich aufgefasst. Der Leser hat somit kaum Zeit, sich darüber zu wundern, da nicht das Thema der Wandlung zentralisiert wird, sondern der Umgang mit den Geschlechterrollen.
Als Mann war Orlando mutig, leidenschaftlich und verwegen. Als Frau ist sie nun sensibler und fügt sich in die ihr vorbestimmten Verhaltensweisen ein. Sie richtet Feste aus, spielt die perfekte Gastgeberin und zeigt in den richtigen Momenten das erwartete Feingefühl.
Trotzdem beschränkt sich ihr Charakter nicht auf die Rollenklischees, denn sie spielt mit den Geschlechtern. So verkleidet sie sich hin und wieder als Mann und streift abenteuerlustig durch die Stadt.
Neben diesem spielerischen, ja amüsanten Aspekt, gibt es jedoch auch nachdenkliche Monologe, die verdeutlichen wie absurd es eigentlich ist, Mann und Frau in solche Rollen zu drängen. Die Ansichten und das Wesen Orlandos bleiben gleich, doch die Hülle verändert sich und damit auch die Reaktionen ihrer Mitmenschen.
Allein aufgrund dessen würde ich den Roman jedoch nicht in die Sparte des Feminismus einordnen, denn dafür ist der Umgang mit den Rollen zu spielerisch. Woolf prangert die Klischees nicht an. Vielmehr zieht sie sie ins Lächerliche und handelt sie mit einem ironischen Augenzwinkern ab.

Im Vordergrund steht wohl der Wunsch nach Vervollständigung. Erst nachdem Orlando die Welt aus allen Perspektiven betrachten konnte, ist sie fähig ihr literarisches Werk zu beenden und damit Ruhm zu erlangen. Genau wie sie wünschte sich auch Virginia Woolf eine Art „geschlechtsloses“ Schriftstellerdasein. Sie wollte schreiben, ohne dass das Geschriebene an ihrem Geschlecht festgemacht wurde. Es ging ihr um eine unversehrte, vorurteilslose Wahrnehmung.

Historie

Eigentlich rückt das oben genannte große Thema alles andere in den Hintergrund. Trotzdem ist es jedoch auffällig, dass sich die Autorin mit den geschichtlichen Hintergründen befasst hat, nicht zuletzt auch wegen der vier Jahrhunderte, über die sich die Handlung erstreckt.
Woolf passt sich sowohl stilistisch als auch inhaltlich den Epochen an.

So steht zu Beginn das elisabethanische Zeitalter (1558-1603), in welchem das fidele England im Vordergrund steht. Pompöse Feste werden gegeben, die englische Literatur erlebt ihre Blütezeit und Dramen wie die von Shakespeare stehen hoch im Kurs. Damit eng verbunden ist die Renaissance mit ihrer kulturellen Hochzeit.
Darauf folgt der Neoklassizismus, in welchem antike Schriftsteller verehrt wurden und die damaligen Schreiber nicht mehr nur den Hof, sondern auch den Markt bedienten. Nicholas Green prangert diesen Wandel sehr deutlich in einer seiner Reden über das derzeitige Schriftstellertum an. Er beklagt das schwindende Niveau der Literatur, da nunmehr bloß noch geschrieben wird, um damit Geld zu machen.
Die Romantik äußert sich in Woolfs ausschweifenden Beschreibungen der Natur und Orlandos Vorliebe für die Einsamkeit und das Unberührte. Er hält sich gerne im Freien auf, versteht sich mit Tieren und ist vertieft in die Betrachtung seiner Innenwelt und Gedanken.
Und zu guter letzt bekommt der Leser einen Einblick in das viktorianische Zeitalter (1837-1901), in welchem die industrielle Revolution auf Hochtouren läuft und Frauen noch kein Recht auf Eigentum hatten. Dieser letzt genannte Aspekt wird u.a. dadurch deutlich, dass in einem Gerichtsverfahren diskutiert wird, ob Orlando (als Frau) ihr Stadthaus behalten darf oder nicht.

Wie man sieht, kann man während des Lesens eine kleine Reise durch Englands Zeitalter und Epochen machen. Jede von ihnen wird sowohl stilistisch als auch inhaltlich verdeutlicht, jedoch geschieht dies eher wie nebenbei und gliedert sich gut in die Handlung ein.
Geschichtliches Vorwissen ist dadurch nicht unbedingt notwendig, erleichtert jedoch das Verständnis von Anspielungen.

Todesgedanken

Immer mal wieder kommen bei der Figur Orlandos Todesgedanken zum Vorschein. Meist passiert das, wenn er eine große Enttäuschung hinter sich hat. Anders als im Sinne des körperlichen Todes, lassen sich diese jedoch eher als eine Art Neuanfang verstehen. Eine Phase, die notwendig ist, um der Handlung eine Wendung zu geben: Nach der russischen Prinzessin kommt die Literatur, nach der Literatur das Reisen, nach dem Reisen das gesellschaftliche Leben der Frau und damit verbunden Abenteuer, die Liebe und letztlich die Erfüllung eines Traumes.
So gesehen, kann man das Werk keineswegs als schwermütig bezeichnen. Vielmehr handelt es sich um eine abenteuerliche Verkleidungskomödie, die mit den bestehenden Klischees spielt und zugleich auch zum Nachdenken anregt.

Ich möchte hier nicht jedes Detail auseinander nehmen, jedoch anmerken, dass sich das Werk mit einer Vielzahl von Themen auseinander setzt. Manchmal geschieht das auf sehr humorvolle, ironische Art (grade auch wenn es um das höfische Leben oder die Schriftstellerei geht), manchmal klingen die geschriebenen Worte im Ohr des Lesers aber auch sehr ernst und wirr (besonders dann, wenn es um Orlandos Psyche geht).
Vielseitigkeit ist einer der großen Pluspunkte des Romans. Ebenso gehört auch die Abenteuerlust dazu, weshalb ich, zumindest thematisch, von einem unterhaltsamen, kurzweiligen Werk sprechen kann.

Aber wie sieht es mit dem Stil aus?

~ Zum Schreibstil ~

Ja, hier kommen wir zu einem kleinen Minuspunkt meinerseits.
Wenn man die Leute fragt, was sie von Virginia Woolf halten, dann scheiden sich die Geister. Die einen halten ihre Werke für große Kunst, die anderen für anstrengende Lektüre.
Ich muss sagen, dass ich mit großer Vorfreude ans Lesen gegangen bin. Mich faszinierte Virginia Woolfs Leben und auch ihre Gedanken. Zudem hielt ich es für an der Zeit, mich endlich den großen Frauen der englischen Literatur zu widmen.
„Orlando“ ist bisher das erste und einzige Werk, dass ich von der Autorin gelesen habe und ich dachte, dass es sich als Einstieg besonders gut eignen könnte, da es als etwas leichter und humorvoller als ihre anderen Romane beschrieben wurde.
Doch schon nach der ersten Seite begann das große Stöhnen!
Wenn man modernere Literatur gewöhnt ist, kann es einem meines Erachtens sehr schwer fallen, sich in die Materie einzulesen. Die Sätze sind verschachtelt, erstrecken sich teilweise über viele Zeilen und lassen einen hin und wieder den Faden verlieren.
So eine Woolf verlangt schon etwas mehr Aufmerksamkeit und Konzentration als ein Kundera oder Murakami.
Aber ich habe tapfer weiter gelesen und wurde sowohl durch den Inhalt als auch durch die Wandlung des Stils belohnt, denn ab dem zweiten Kapitel wird die Sprache einfacher. Die Sätze werden kürzer und lesen sich weniger anstrengend, sodass der verwöhnte Leser auch mal zum Durchatmen kommt.
Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass gerade die ersten Seiten sehr abschreckend wirken können und auch mir nahmen sie ein wenig die Freude am Lesen. Ich empfehle aber trotzdem, dass man dranbleibt, da man sich irgendwann an den Stil gewöhnt, dieser gradliniger wird und das Erzählte durchaus lesenswert ist.

~ Der Hintergrund des Werkes ~

Der Hintergrund dieses Romans basiert zum Teil auf Fakten aus dem Leben von Vita Sackville-West, die eine enge Freundin und Geliebte von Virginia Woolf war. Sie inspirierte die Autorin zu der Figur Orlando und ihr ist das Werk gewidmet.
So handelt es sich bei den vorkommenden Adeligen z.B. um Vitas Vorfahren und genau wie Orlando ist auch sie eine Schriftstellerin im 20. Jahrhundert.
Die in dem Roman verwendeten Illustrationen zeigen Personen aus ihrem sozialen Umfeld.

Neben diesen Anlehnungen findet man jedoch auch Bezüge zu Virginias Leben. Die herben Enttäuschungen, die Orlando erlebt, stürzen ihn zunächst in tiefe Krisen, die sich in Schlafphasen äußern. Diese könnte man in Bezug zu den psychischen Krisen der Autorin nach den Todesfällen in ihrer Familie setzen. Ähnlich verhält es sich mit Orlandos Todesgedanken.
Wie sagt man so schön: In jedem Werk steckt auch ein bisschen vom Leben des Autors.

~ Fazit ~

Im ersten Moment kann das Gelesene etwas ermüdend wirken und man wird erschlagen von den beschriebenen Eindrücken, doch wenn man diese Passage überwunden hat, eröffnet sich einem eine unterhaltsame, bisweilen bissige Geschichte über einen Mann, der sich über Nacht in eine Frau verwandelt und so dazu gezwungen ist, sich den bestehenden Rollenklischees der damaligen Zeit anzupassen. Nichts desto trotz geschieht dies auf sehr spielerische Art, die den Leser auf humorvolle Weise berührt.
Vier Jahrhunderte lang darf der Leser Orlando begleiten und wird dabei sowohl zum Lachen gebracht als auch zum Nachdenken angeregt.
Wenn man sich mit dem Stil anfreunden kann, ist dieses Buch durchaus eine Bereicherung. Wer dies jedoch nicht kann, wird wahrscheinlich nach 20 Seiten aufgeben.
Ich empfehle, nicht aufzugeben und zu versuchen, sich in den Schreibstil hineinzulesen.

© Ada Mitsou

249 Seiten / 8 € ~ Fischer (Dezember 2006) ~ ISBN: 3596173639

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