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Als Daan Rosenberg in den frühen Morgenstunden erwacht, bricht für ihn eine Welt zusammen. Ohne Vorwarnung sind seine Frau Linda und die gemeinsame Tochter Marie verschwunden. Ihre Betten sind noch warm, der Haustürschlüssel steckt von innen und doch gibt es keine Spur von den beiden.

Der Familienvater glaubt zunächst an eine wiederkehrende Psychose, unter der er bereits in jungen Jahren litt, doch als sich herausstellt, dass überall auf der Welt Menschen verschwunden sind, kommen ihm Zweifel. Aufgewühlt beginnt er nach Anhaltspunkten zu forschen und stößt dabei auf eine religiöse Gemeinschaft, deren dubioser Glaube eine Rolle zu spielen scheint.

Mitten in Daans Nachforschungen geschieht dann das Unfassbare: In China schlägt ein Meteorit ein, der die Länder der Welt in eine alles verschlingende Aschewolke hüllt. Der Notstand bricht aus! Das Klima ändert sich rapide, Menschen erkranken an einer tödlichen Beulenpest und eine Meute gewissenloser Schlächter zieht plündernd durch die Orte. Daan muss so schnell wie möglich flüchten und ihm widerfahren währenddessen Dinge, die seinen Glauben an das Gute von Grund auf erschüttern…

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„Menschendämmerung“ ist ein Buch mit vielen Facetten.

Die Geschichte startet vorerst gemächlich. Auf den ersten 100 Seiten wird beschrieben, wie Daan das Verschwinden seiner Familie empfindet, wie er und seine Frau sich kennengelernt haben und wo er aufgewachsen ist. Mit einem Psychothriller hat das zunächst wenig gemein, denn dafür ist das Geschriebene zu ruhig und ausufernd. Menschliche Beziehungen und die Idylle der Schweizer Landschaft stehen im Vordergrund.

Fragt man sich an diesem Punkt noch, was das alles mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat, wird im weiteren Verlauf der Handlung schnell klar, welcher Sinn dahinter steckt. Gurt verdeutlicht auf diese Weise sehr anschaulich, wie drastisch sich die Welt nach dem Meteoriteneinschlag verändert. Das satte Grün der Wiesen weicht einem trostlosen Grau. Die zuvor so schönen Sonnenuntergänge bleiben gänzlich aus und machen Platz für eine Dämmerung, die jegliche Wärme verschluckt. Eine erschreckende Kälte breitet sich aus, nicht nur in der Natur, sondern auch unter den Menschen.

In der allumfassenden Not entsteht eine Dynamik, die zwar bekannt, aber überaus interessant ist. Der Staat schafft Systeme, um die verbleibenden Güter zu rationieren. Gruppierungen bestimmter Menschen schließen sich zusammen und nutzen die Gunst der Stunde, um ihre Macht auszuspielen. Wieder andere folgen ihren Urinstinkten ohne Rücksicht auf Verluste. Die Menschlichkeit bleibt irgendwann auf der Strecke und die Grausamkeiten überschatten die geringe Hilfsbereitschaft, die noch übrig geblieben ist.

Gurt schildert diese Zustände auf sehr bildhafte, aber auch zurückhaltende Art. Sein Schreibstil bleibt durchgehend ruhig, ohne dabei zu langweilen, denn obwohl der Effekt des Erzählten selten durch drastische Beschreibungen erzielt wird, vermag die durch die Worte angeregte Vorstellungskraft zu schockieren. Man sieht die Landschaft am inneren Auge vorbeiziehen, erahnt die Ereignisse hinter verschlossenen Türen und spürt zugleich, wie sehr Daans Anstrengung ihm in die Knochen geht.
Dieser Teil des Buches hat mich ein wenig an „Die Straße“ von Cormac McCarthy erinnert, auch wenn sich beide Bücher im Ganzen nicht vergleichen lassen.

Für so einen Vergleich fehlt McCarthys Buch ein Aspekt, dem in „Menschendämmerung“ ein hoher Stellenwert eingeräumt wird: Der Kampf von Gut gegen Böse und die Bedeutung von Gott und seinem Gegenspieler Satan.
In Anlehnung an bestimmte Bibelstellen konstruiert Gurt ein Szenario, das mir persönlich zum Ende hin zu dick aufgetragen war. Ich möchte nicht sagen, dass die Auflösung das zuvor Aufgebaute kaputt macht, doch in meinen Augen büßt der Roman dadurch ein Stückchen seiner Qualität ein, da das Geschriebene doch zu sehr an Hollywoodfilme á la „Das Omen“ erinnert. Ich kann diesen Verlauf nicht unbedingt als Enttäuschung verbuchen, da der Roman im Ganzen doch stimmig endet, allerdings hat er bei mir einen leicht fahlen Nachgeschmack hinterlassen, weswegen ich in der Bewertung einen Stern abziehe.

Alles in allem handelt es sich bei „Menschendämmerung“ um einen Psychothriller, der nicht durch sein Tempo, sondern durch subtiles Grauen fesselt. Der Aufbau der Handlung ist wohl durchdacht, auch wenn man auf den ersten hundert Seiten ein wenig Geduld haben muss. Ab einem gewissen Punkt kommt der Stein jedoch ins Rollen und die Dynamik infolge der Ereignisse liest sich überaus spannend. Um Mord und Totschlag geht es nur am Rande. Im Vordergrund stehen Daans Zweifel und der Kampf ums Überleben.

Leser, denen McCarthys „Die Straße“ und der Film „Das Omen“ gut gefallen haben, werden hier auf ihre Kosten kommen, ebenso jene, die sich für die Bibel und Religion im Allgemeinen interessieren. Für meine Bewertung war vorrangig ersteres ausschlaggebend.

© Ada Mitsou

446 Seiten / 29,90 € ~ Literaturwerkstatt (23. August 2010) ~ ISBN: 3952369403

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