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Angst, Beziehungen, Depressionen, Ehe, Ghetto, Juden, Kommunismus, Kunst, Nationalsozialismus, Reisen, seelische Misshandlung, Selbstfindung, Sowjetunion, Theater

Im März 1941, eineinhalb Jahre nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen, wurde in einem ehemaligen Krakauer Arbeiterviertel ein jüdisches Ghetto eingerichtet.
Die zuvor dort lebenden 3000 Polen mussten ihre Häuser und Wohnungen räumen, um Platz für ca. 15000 Juden zu machen, die fortan durch hohe Mauern isoliert und auf engstem Raum eingepfercht ihr Dasein fristeten.
Die vorherrschenden Zustände waren unerträglich: Die Lebensmittelrationen wurden auf ein Minimum reduziert, bis zu acht Personen wohnten in einem Zimmer und aufgrund mangelnder Hygiene und medizinischer Versorgung konnten sich Krankheiten uneingeschränkt ausbreiten. Wer das Ghetto unerlaubt verließ, wurde unverzüglich erschossen, doch meistens reichte schon eine willkürliche Bewegung oder ein Blick in eine bestimmte Richtung zum Anlass für eine Hinrichtung auf offener Straße.
Roma Ligocka war zu diesem Zeitpunkt eineinhalb Jahre alt. Zusammen mit ihren Eltern und ihrer Großmutter wurde sie 1941 in das Krakauer Ghetto zwangsumgesiedelt und verbrachte so ihre ersten Lebensjahre in Angst und Schrecken. Nur mit viel Glück konnte sie überleben und entschloss sich 50 Jahre später ihre frühesten Kindheitserinnerungen sowie ihr Leben nach dem Zweiten Weltkrieg in Form des autobiographischen Romans „Das Mädchen im roten Mantel“ festzuhalten.
Dass die menschenunwürdigen Zustände, die Grausamkeiten der deutschen Soldaten sowie die ständige Angst, entdeckt zu werden, Spuren hinterlassen haben, merkt der Leser schnell, denn der Terror hört mit dem Ende des Krieges nicht auf. Roma trägt die Wunden ein Leben lang in ihrer Seele, sodass sie sich zwar begierig auf ein schillerndes Künstlerleben in Freiheit stürzt, zugleich jedoch stets an ihren tiefsten Ängsten scheitert. Ein normales Leben scheint unmöglich. Zu groß ist die Furcht, sich falsch zu verhalten, wider Erwarten doch noch verhaftet zu werden und auch das Gefühl, dass das eigene Leben nichts wert ist.
Das mitzuverfolgen ist aufwühlend und interessant zugleich. Auf leicht zu lesende und emotionale Weise beschreibt Roma die einzelnen Stationen ihres Lebens und lässt den Leser an ihren innersten Gefühlen teilhaben. So spürte ich während des Lesens die Angst der kleinen Jüdin, begleitete Roma später mit ihrem Cousin Roman Polanski auf abenteuerlichen Streifzügen durch die Stadt, verfolgte wie sie sich als Kostüm- und Bühnenbildnerin einen Namen machte und saß still daneben, als ihre Ehe aufgrund ihrer Depressionen scheiterte.
Das, was Roma schreibt, ist durchaus glaubwürdig und bewegend, auch wenn sich gerade die ersten Jahre eher wie die Erinnerungen einer Erwachsenen als die eines Kindes lesen. An diesem Punkt fiel es mir ein wenig schwer, die Authentizität des Erzählten anzuerkennen; nicht, weil ich die Schrecken der damaligen Zeit bezweifle, sondern weil ich mir schwer vorstellen kann, dass sich ein nicht ganz zweijähriges Kind an so viele Details und Vorgänge aus der damaligen Zeit erinnern kann.
Das Geschriebene wirkt trotz des einfachen Stils an dieser Stelle zu erwachsen. So sagt z. B. die drei- oder vierjährige Roma auf Seite 56 zu einem deutschen Polizisten: „Nehmen Sie das doch! […] lassen Sie uns gehen! Bitte, was haben Sie davon, wenn Sie uns ausliefern! Sie werden uns töten! Lassen Sie uns gehen… bitte…“
Dieser Kritikpunkt ist im Ganzen nur eine Kleinigkeit, war jedoch während der ersten 100 Seiten stets in meinem Hinterkopf.
Im Ganzen halte ich „Das Mädchen im roten Mantel“ jedoch für überaus empfehlenswert. Es gibt zwar viele Bücher über die Juden im Zweiten Weltkrieg, doch Roma Ligocka beschreibt nicht nur die Schrecken von damals, sondern vor allem wie diese ihr gesamtes weiteres Leben beeinflusst haben. Ihre Geschichte ist nicht nur historisch interessant, sondern auch psychologisch, wodurch „Das Mädchen im roten Mantel“ positiv aus der Masse heraussticht. Empfehlenswert für all jene, die nicht nur an Büchern über die Judenverfolgung interessiert sind, sondern auch daran, wie die damalige Zeit ein ganzes Leben mit all seinen Beziehungen und Entscheidungen beeinflussen kann.

© Ada Mitsou
464 Seiten / 9,90 € ~ Droemer Knaur (1. April 2002) ~ ISBN: 9783426620649
Vor elf Jahren habe ich diese bewegende Autobiografie auch gelesen. An viele Details, wie zum Beispiel Roma Ligockas Schilderungen von sich selbst als kleines Kind, habe ich keine Erinnerung mehr. Aber ich kann ich mich noch gut daran erinnern, dass ich beim Lesen ziemlich oft einen Kloß im Hals hatte. Und ich hatte wegen des Titels, der sich ja auf den Film “Schindlers Liste” bezieht, ständig das Lied “Oyfn Pripetshik” im Ohr, weil es an genau dieser Stelle im Film als Soundtrack gespielt wird. Jetzt, beim Lesen deiner Rezension, habe ich es auch wieder im Ohr gehabt. Vielen Dank dafür, liebe Ada!
Wobei ich den Bezug zu Steven Spielbergs Film ein wenig zu werbestrategisch finde. Er spielt zwar in dem Buch keine unwesentliche Rolle für Roma und ihren Selbstfindungsprozess, doch abgesehen von dem roten Mantel und einem halb geteilten Schicksal haben die Figur aus dem Film und Roma nicht viel gemeinsam. Spielberg hatte keinerlei Bezug zu Roma und beachtet sie auf der Filmpremiere auch kaum.
Nach der Andeutung in der Beschreibung habe ich diesbezüglich einen anderen Zusammenhang erwartet und nun den Eindruck, dass Ligockas Buch den Aufhänger des erfolgreichen Films gar nicht nötig gehabt hätte.
Ja klar, das war ganz eindeutig eine Werbestrategie. Normalerweise reagiere ich (inzwischen) auf so etwas auch ziemlich allergisch. Aber in diesem Fall lasse ich das gerne durchgehen, denn ich bin mir sicher, dass so sehr viele Menschen das Buch gelesen haben, weil es mit dem Film in Zusammenhang gebracht wurde. Das ist zwar nicht unbedingt die feine Art, aber so haben sich die Leute wenigstens mit dem Thema Holocaust beschäftigt.
Da stimme ich dir natürlich zu.
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