Schlagwörter
Alltag, Bedauern, Einsamkeit, Eltern, Familie, Ironie, Lebensträume, Liebesbeziehung, Töchter, Tragik, Verlust

Mit Kurzgeschichten stehe ich oft auf Kriegsfuß. Sie sind mir entweder zu kurz oder die Thematik wird für meinen Geschmack zu schnell abgehandelt, weil sie eigentlich viel mehr Platz zur Entfaltung bräuchte. Wenn das alles nicht zutrifft, haben die Geschichten ein offenes Ende, das mich ratlos und manchmal auch ein wenig frustriert zurücklässt.
Es gibt nur wenige Kurzgeschichtenbände, die mich in ihrer Gesamtheit begeistern konnten, weshalb ich Bücher dieses Genres oft ohne Bedauern an mir vorbeiziehen lasse.
Dann irgendwann kommt der Moment, in dem einem vollkommen unerwartet eines dieser Bücher in die Hände fällt, und obwohl man es sich eigentlich nicht kaufen würde, macht es einen doch neugierig. „Das Glück geht aus“ von Sonja Heiss ist so ein Buch und im Nachhinein bin ich froh, dass die Neugier gesiegt hat, denn dieses kleine Büchlein stimmt mich mit dem so ungeliebten Genre versöhnlich.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber Kurzgeschichten können tatsächlich auf kleinstem Raum ihre volle Wirkung entfalten. Sie können einen ironisch-humorvoll anzwinkern, während sie vollkommen unspektakulär über den Gartenzaun winken. Hat man die eine Geschichte beendet, freut man sich bereits auf die nächste, weil man schon ahnt, dass auch diese wieder überzeugen kann. Offene Enden? Prima! Aufstieg und Fall einer Liebesbeziehung auf nur 18 Seiten? Das geht!
Man ahnt es vielleicht: Ich bin begeistert! Sonja Heiss greift Themen des Alltags auf und macht aus ihnen etwas Bemerkenswertes. In zehn Geschichten, deren Umfang zwischen 14 und 20 Seiten variiert, erzählt sie von einer tragischen Familienplanung, von genervten Töchtern und besorgten Eltern, der Trauer um ein vereinsamtes Familienmitglied, den großen Plänen, die man doch nie umsetzt und dem Gefühl, es dem anderen nie recht machen zu können.
Die Personen aus den Geschichten kennt man. Einigen von ihnen ist man in seinem Leben schon einmal begegnet, von anderen hat man zumindest gehört und in so manchem Wesenszug erkennt man sogar sich selbst.
Vielleicht ist es genau diese Nähe zum Leben, die mich begeistern konnte, denn Heiss versucht nicht, mit abstrusen Spinnereien und aberwitzigen Fantasien zu überzeugen. Viel mehr nimmt sie belanglos anmutende Situationen unter die Lupe und befördert ihre Besonderheiten mit viel Feingespür und einer guten Beobachtungsgabe ans Licht. Das zu lesen fühlt sich angenehm unaufgeregt an und überzeugt durch tragische Ironie.
Ich bin vielleicht kein Kurzgeschichten-Fan, doch wenn es eine Autorin gibt, die mich mit Kurzgeschichten locken kann, dann ist das Sonja Heiss. Ich bin sehr gespannt, welche Überraschungen sie noch aus dem Hut zaubern wird, denn diese hier war auf jeden Fall ein Volltreffer, den ich jedem Leser ans Herz legen möchte!

© Ada Mitsou
192 Seiten / 9,95 € ~ Bloomsbury (8. Oktober 2011) ~ ISBN: 3833307781
Liebe Ada,
ich freue mich, dass dich der Zauber der Kurzgeschichten gepackt hat, danke der Autorin sehr und dir für die schöne Rezension! In kleinen Episoden stecken meist Geschichten, die es durchaus mit den großen Romanen aufnehmen können. Alice Munro ist da für mich, wie du ja weißt, meine große Meisterin, die ich verehre. Mir gefällt an dem Buch hier, dass es aus dem Leben gegriffen ist und auf klare Weise Dinge an die Oberfläche bringt, die man fassen kann. Ja, du hast mich neugierig gemacht…
Herzlichst,
eine Kurzgeschichten-Liebhaberin
Hallo Ada,
die von dir genannten Aspekte um Kurzgeschichten sind mir nur allzu vertraut. Ich hatte bisher nicht wirklich Glück mit ihnen. Die offenen Enden haben mich oft irritiert, traurig oder nachdenklich gemacht. Eine ganze Geschichte in ein paar wenigen Zeilen durch Höhen & Tiefen gehen zu lassen, sehe ich daher als schier unmöglich. Mir scheint aber, dass das oben genannte Kurzgeschichten-Bändchen mich da eventuell vom Gegenteil überzeugen könnte. Ist eine Überlegung wert, es zu kaufen. ;-P
Vlg Steffi
Liebe Ada,
mir geht es mit Kurzgeschichten nicht anders als dir. Oft gefällt mir, was ich lese, die angedeutete Geschichte, die Charaktere, die Stimmungen – und bleibe dann umso perplexer zurück, wenn all das ein abruptes Ende findet, dessen Bedeutung sich mir nicht vollständig erschließt. Dieses Gefühl der Unbefriedigung hatte ich bisher bei den meisten Erzählungen, die ich gelesen habe, ich erinnere ich mich genau genommen an keine einzige, die mich nachhaltig beeidruckt hat.
Ich freue mich für dich, dass du nun genau solche Kurzgeschichten gefunden hast. Ich selbst bin noch weiterhin auf der Suche, traue mich aber immer seltener, einen erneuten Versuch zu wagen. Dabei wirken so viele Erzählbände so ansprechend, zur Zeit übt zum Beispiel Stefan Petermanns Ausschau halten nach Tigern einen ungemeinen Reiz auf mich auch. Aber auch das Buch, das du hier so begeistert besprochen hast, könnte die Bekehrung sein…
Ja, ganz genau so geht es mir auch und ich wage auch nur noch selten einen Versuch, weil ich befürchte, dass ich mich entweder ärgern oder einfach nicht begeistert sein werde. “Das Glück geht aus” ist mir angeboten worden und zunächst dachte ich “Ach nein, Ada und Kurzgeschichten passen einfach nicht zusammen”. Ich habe mir ein paar Tage/Wochen Zeit gelassen, bevor ich mir die Buchbeschreibung genauer angesehen habe, wurde dann letztlich aber doch zu neugierig und nun bin ich froh, dass ich es noch mal versucht habe (wobei ich das Genre allgemein nun immer noch nicht als mein liebstes bezeichne).
Man muss solche Bücher ja nicht lesen, aber manchmal kann es sich doch lohnen, weswegen ich nie gänzlich Abstand nehme, aber auf jeden Fall kritischer auswähle.
Hast du schon etwas von Munro gelesen? Ihre Kurzgeschichtenbücher wurden mir schon mehrfach ans Herz gelegt.
Ganz richtig, gänzlich Abstand vom Genre nehme ich auch nicht, sondern ich suche mir die Bücher bewusster aus, denke dreimal drüber nach, während ich, wäre es ein Roman, schon längst zugegriffen hätte. Manchmal kann ja es ja doch ein Glücksgriff sein, wie im Fall von Sonja Heiss; da wäre es zu bedauerlich, diese Perlen zu übersehen, weil man mit Scheuklappen an ihnen vorüberläuft.
Alice Munro kenne ich noch nicht, aber ich habe schon gemerkt, dass die Klappentexterin ganz begeistert von ihr spricht. Vielleicht mal ein Versuch wert?
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