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„Nichts als Erlösung“ ist der fünfte Fall für Kriminalhauptkommissarin Judith Krieger und zugleich das erste Buch, das ich aus Gisa Klönnes erfolgreicher Krimi-Reihe gelesen habe. Die Thematik, um die sich die Ermittlungen ranken, hat mich sofort angesprochen, da ich es trotz der ständigen Konfrontation in Schule und Medien nicht leid werde, etwas über die Zustände in der NS-Zeit zu lesen.

Vorliegend geht es um die so genannte „Schwarze Pädagogik“, die bis in die 70er Jahre als Leitfaden für Eltern und andere Erziehungsberechtigte galt und u.a. zur Zeit des Zweiten Weltkrieges propagiert wurde (s. Johanna Haarer).
Speziell in Kinderheimen wurden diese Erziehungsmethoden erbarmungslos angewandt: Zuneigung und Zuspruch waren verpönt; aus einem Kind konnte nur etwas werden, wenn es als Individuum nicht beachtet wurde. In der Praxis hieß das, dass das Kind zwar körperlich versorgt wurde, darüber hinaus jedoch keinerlei menschliche Nähe und Zuwendung erfuhr. Demütigungen und seelische Misshandlungen standen auf der Tagesordnung, Gefühlsregungen wurden im Keim erstickt und dem Kind mit an Folter grenzender Behandlung ausgetrieben.

Die Folgen dessen sind verheerend, was auch Klönnes Hauptfigur Judith Krieger zu spüren bekommt. Als die Kommissarin eines Nachts aufgrund chronischer Schlaflosigkeit entlang des Rheinufers joggt, stößt sie auf eine übel zugerichtete Leiche. Bei dem Opfer handelt es sich um Jonas Vollenweider, dessen Familie vor 20 Jahren auf ungeklärte Weise ums Leben kam.
Galt bisher Jonas als Haupttatverdächtiger, muss der Fall in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen neu aufgerollt werden. Es gibt keine Spuren, abgesehen von einem heimlichen Liebhaber, einem Foto, das auf die Vergangenheit der Eltern hindeutet und rätselhaften Postsendungen, die der Krieger in immer kürzer werdenden Abständen zugesandt werden.
Schon bald führt die Spur zum Kinderheim „Frohsinn“, das über Jahre hinweg von den Vollenweiders geleitet wurde. Doch wer könnte Interesse daran haben, deren komplette Familie auszulöschen? Miriam, die Tochter, die selbst unter dem Erziehungsstil ihres Vaters litt? Ehemalige Heimkinder, die sich nach all den Jahren an den Vollenweiders rächen wollen? Der mysteriöse Liebhaber, dessen Identität im Verborgenen liegt?
Judith Krieger ermittelt und stößt dabei auf Zusammenhänge, die ihr eigenes Leben vollkommen aus dem Gleichgewicht bringen.

Diese Ermittlungen erstrecken sich über gerade mal elf Tage, wodurch man vermuten könnte, dass sich die Handlung besonders rasant entwickelt. Doch dem ist nicht so. Klönne verzichtet größtenteils auf temporeiche Verfolgungsjagden oder blutrünstige Wendungen und setzt stattdessen auf emotionalen und psychologischen Tiefgang.

Die Rekonstruierung des Tathergangs steht zwar zweifellos im Mittelpunkt des Geschehens, doch die Autorin nimmt sich genug Zeit, um dem Leser die Figuren ihres Buches inklusive des Täters nahe zu bringen. Man erfährt etwas über deren aktuelle Lebenssituationen, aber auch über ihre Gefühle und Gedanken, wodurch sie menschlich und greifbar werden.

Für mich, die ich mit Kriegers Situation und ihrer Vergangenheit nicht vertraut bin, war das ein großer Pluspunkt. Zwar beinhaltet das Buch auch viele Anspielungen auf die vorherigen Fälle, doch es fiel mir im Ganzen nicht schwer, in die Handlung hineinzufinden. Trotzdem empfiehlt es sich, die Vorgängerwerke zu lesen, damit man das große Ganze besser begreifen kann.

Speziell in meinem Fall möchte ich das auch, denn „Nichts als Erlösung“ hat mich neugierig gemacht. Besonders die Tatsache, dass Klönne nicht auf spannungsgeladene Action und schockierende Mordszenarien setzt, konnte mich überzeugen. Natürlich handelt es sich letztlich immer noch um einen Krimi, der unterhalten soll, doch Klönne verbindet ausgeklügelte Spannung mit Gesellschaftskritik, wodurch nicht die Grausamkeit der Tat im Vordergrund steht, sondern die klassische Ermittlungsarbeit in Kombination mit purer Unmenschlichkeit.
Der Leser wird trotz seiner Vermutungen in die Irre geführt und auch wenn man im letzten Drittel des Buches schließlich erahnen kann, wer der Täter ist, geht das Interesse am Weiterlesen nicht verloren, denn die Thematik bietet einfach mehr als bloße Unterhaltung, sofern man ihr auf den Grund gehen möchte.

Die einzigen Minuspunkte sind meiner Meinung nach die, dass sich Judith Krieger manche Fragen zu oft stellt, wodurch sich vereinzelte Passagen wiederholen und auch dass das Ende zu schwammig beschrieben wird. Im Vergleich zu den detailreichen Schilderungen zuvor spart Klönne an dieser Stelle interessante Details aus und lässt die Auflösung durch Kriegers knappe Zusammenfassung Revue passieren. An diesem Punkt hätte ich mir einen zeitnah geschilderten Handlungsverlauf gewünscht, an dem der Leser unmittelbar teilhaben haben kann, ohne das Gefühl zu haben, dass das Ende unter Zeitdruck verfasst wurde.

In Anbetracht des Gesamtwerks fallen diese Kritikpunkte jedoch nur geringfügig ins Gewicht und ich bin bereits jetzt gespannt, ob mich die vorherigen Fälle ebenso überzeugen können wie der vorliegende. Den internationalen Vergleich muss die Autorin in meinen Augen jedenfalls nicht scheuen.

Weitere Krieger-Krimis:
Der Wald ist Schweigen
Unter dem Eis
Nacht ohne Schatten
Farben der Schuld

© Ada Mitsou

352 Seiten / 19,99 € ~ Ullstein  (10. Oktober 2011) ~ ISBN: 3550087772

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