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Erinnerung, Kunst, Liebe, Mutter-Tochter-Beziehung, Schwangerschaft, Selbstaufgabe, Spurensuche, Vergangenheit

„Morgen bist du noch da“ ist eine Geschichte, der das falsche Kleid übergestreift wurde. Wenn ich das Cover betrachte, vermute ich dahinter einen fröhlichen Frauenroman. Die Handlung könnte vielleicht in Schweden spielen und liest sich bestimmt so locker-leicht wie der frühlingshafte Anblick der beiden Blumen in den Flaschen.
Doch diese Vermutung ist falsch. Das Cover von „Morgen bist du noch da“ lockt den Leser auf eine Fährte, die bestimmt vielen Frauen zusagt, der Geschichte durch seine oberflächliche Fröhlichkeit jedoch nicht gerecht wird. Zwar ist Mila Lippke eine Autorin, die vorrangig und vielleicht auch ausschließlich für Frauen schreibt, doch neben den prägnanten Zügen, die sich dem Genre des typischen Frauenromans zuschreiben lassen, vernimmt man während des Lesens Zwischentöne, die weit über diese Einfachheit hinausgehen.
Lioba, genannt Lio, ist 42 Jahre alt und erklimmt gerade den Höhepunkt ihrer Künstlerkarriere. Die Ideen sprudeln nur so aus ihr hervor, doch nun zeigt ihre Arbeit zum ersten Mal Erfolg: Sie darf ihre Werke in einer anerkannten Galerie ausstellen.
Zu diesem Anlass hat sie auch ihre Mutter eingeladen, mit der sie seit vielen Jahren ein unterkühltes, angespanntes Verhältnis hat. Zwischen den beiden Frauen liegt das Schweigen. Lio kennt ihre Wurzeln nicht, weil ihre Mutter nie darüber gesprochen hat. Wenn andere Kinder von ihren Vätern erzählten, konnte sie nur still daneben stehen. Alle Fragen erstickte ihre Mutter im Keim, doch jetzt, wo Lio selbst ungewollt schwanger ist, kann sie das Schweigen nicht mehr hinnehmen.
Am Abend der Ausstellung konfrontiert sie ihre Mutter auf sehr direkte Art mit dem Thema und erntet eine Reaktion, mit der sich nicht gerechnet hat: Ihre Mutter erleidet noch in derselben Nacht einen Schlaganfall, der ihr Schweigen nun auch körperlich besiegelt.
Auf sich allein gestellt unternimmt Lio eine Reise in die Vergangenheit und befördert dabei Spuren ans Licht, die ihre bisherigen Gefühle vollkommen auf den Kopf stellen. Alles, was so fest in dem Bild von ihrer Mutter verankert war, gerät ins Wanken und weicht dem Bild einer Frau, die Lioba nie kennen gelernt hat.
Diese Spurensuche lässt etwas mit ihr geschehen. Erlebt man Lioba zu Beginn des Buches als eigensinnige, leicht egoistische Frau, so vollzieht sich während ihrer Nachforschungen ein Wandel, der die tieferen Schichten ihrer Persönlichkeit offenbart. Ihr Handeln wird nachvollziehbarer, ebenso wie das ihrer Mutter.
Um beide Schicksale offen zu legen, bedient sich Lippke zweier Erzählperspektiven.
Auf der einen Seite begleitet der Leser Lioba in ihrem Alltag. Sie wohnt in Berlin, verkehrt in Künstlerkreisen und hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Dieser Teil der Geschichte entspricht in weiten Zügen dem Frauenroman, von dem ich zu Beginn meiner Rezension sprach. Es geht um eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft, um unverbindlichen Sex, aber auch um Gefühle, die sich nicht leugnen lassen und eine Schwangerschaft, die nicht in Liobas Leben hineinpasst.
Dem gegenüber steht jedoch ein Handlungsstrang, der vollkommen andere Töne anschlägt. Es ist die Geschichte ihrer Mutter, die nichts mit Lios Lebensweise gemeinsam hat und voller berührender, aber auch beklemmender Momente steckt. In eingestreuten Sequenzen erfährt der Leser etwas über deren Vergangenheit, die Beziehung zu ihrer Mutter (Lios Großmutter), aber auch über die Lücke, die so sehr an Lios Herzen nagt.
Mit dem Inhalt verändert sich auch die Sprache. Liest sich Lios Geschichte locker-leicht herunter, so vernimmt man in der Geschichte ihrer Mutter leise Klänge wie aus einer anderen Zeit. Die Erzählweise wirkt etwas distanziert, zugleich jedoch unbestimmt nah und einnehmend. Besonders diese Passagen haben mich gefesselt und am liebsten hätte ich einen Roman gelesen, der nur aus eben jenen besteht, doch dann wäre „Morgen bist du noch da“ nicht rund geworden.
Die Stimmigkeit der Geschichte besteht darin, dass Lio sich entwickelt und erst durch das Wissen um die Vergangenheit ihrer Mutter mit sich selbst eins wird. Sie muss alte Denkweisen wie den Stoff eines Kleides abstreifen, sich von Vertrautem lösen und in ihrer Nacktheit ganz von vorne anfangen.
„Morgen bist du noch da“ ist ein Frauenroman, der mich durch die Kombination aus Leichtem und Schwerem überzeugen konnte. Während der eine Handlungsstrang zunächst etwas oberflächlich vor sich hintreibt, verleiht ihm der andere zunehmend eine Tiefe, die sehr gefühlvoll, aber keineswegs kitschig zum Ausdruck kommt. Die Bedeutung der Vergangenheit und der damit verbundenen Erinnerungen wächst im Laufe der Handlung, wodurch sich Gegenwart und Vergangenheit letztlich zu einem Kreis schließen und den Roman als Ganzes rund machen.
Eine Empfehlung für all jene, die sich von dem Cover nicht abschrecken lassen und bereit sind, sich unvoreingenommen auf eine emotionale Geschichte mit tiefgründigem Hintergrund einzulassen.

© Ada Mitsou
352 Seiten / 8,99 € ~ Ullstein (9. Dezember 2011) ~ ISBN: 3548283497
Das Cover würde mich tatsächlich davon abhalten, das Buch überhaupt in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Dank deiner sehr schönen Rezension, macht es mich aber neugierig, was sich dahinter verbirgt.
Hier kannst du mal reinschnuppern, wenn du magst:
http://www.vorablesen.de/files/Leseprobe_Lippke_Morgen_03.pdf
Meine Frau hat sich dieses Buch gekauft und ist sehr zufrieden damit, laut Ihr muss man dieses Buch direkt lesen, Sie schaffte es nicht einmal weg zu legen.
Ich will auch ehrlich sein: dieses Buch hätte ich beim Stöbern aufgrund des Covers sicher nicht weiter beachtet, da ich keine “Frauenromane” lese. Aber es gibt rühmliche Ausnahmen und dies scheint mir eine davon zu sein – danke für den Tipp!
So ging es mir mal mit Silke Schützes Roman “Kleine Schiffe” – da hatte ich seichte Unterhaltung erwartet und Tiefgang, Ernsthaftigkeit und alles andere als Oberflächlichkeit bekommen. Solche Entdeckungen sind immer ein bisschen besonders, oder? :)
Ja, das sind sie. Wobei ich bei Mila mittlerweile schon ein bisschen sicherer sein kann, dass ich in ihren Romanen von mir geschätzte Zwischentöne finden werde. Das war bei dem letzten so und auch bei diesem. Trotzdem bin ich vor jedem Buch immer noch ein wenig skeptisch, weil ich sowas ja eben nicht lese. Doch vielleicht sollte ich mich auch einfach mal von diesem Gedanken lösen, denn zumindest in diesem Fall lese ich es ja doch und das sogar gerne ;)
Ich möchte an dieser Stelle aber auch noch mal betonen, dass Milas Bücher nicht in die Hera Lind oder Gaby Hauptmann Schiene passen. Das wäre dann doch ein kleiner persönlicher Absturz! :D
(Womit ich keineswegs Lind und Hauptmann Fans angreifen möchte! Die Bücher sind nur einfach absolut gar nicht mein Geschmack.)
… überhaupt ist die Einteilung in das Genre “Frauenroman” ja eine des Buchhandels, der auch Krimis von/über Frauen gerne als “Frauenkrimi” verschubladet. Weil er nicht ausreichend Regale hat, um auch hier zu differenzieren.
Wenn wir nicht gerne sulzige und gezwungen-heitere Romane lesen – das tue ich auch nicht -, heißt das aber doch nicht zwangsläufig, das wir nur “Männerromane” lesen, oder? ;-) Ich wehre mich gegen Verschubladungen oder gegen Verregalungen – bei Büchern und bei Menschen.
Allerdings finde ich es auch schwer, mich für neue Bücher zu entscheiden. Deshalb ist es ja so toll, dass es Blogs wie diesen gibt. Milas neuen Roman kannte ich aber schon vorher, wie auch alle ihre anderen.
Vielleicht ist der Begriff “Frauenroman” inklusive der damit verbundenen Assoziationen auch schon ein wenig veraltet. Früher (in den 90ern) erschien mir die Definition klar umrissen (Frau sucht Mann, Frau kriegt Mann nicht, Liebe, Lust & Frust, alles lustig, gefühlvoll und romantisch). Heute kann sich hinter dem Begriff auch ein sehr vielschichtiger Roman verbergen, in dem viel mehr steckt als eine platte Romantikkomödie, z.B. einfach nur eine Geschichte, die vorrangig Frauen und ihre Gefühle oder Lebenslagen anspricht, ohne sämtliche Klischees zu bedienen.
Trotzdem finde ich solche Schubladen manchmal hilfreich, denn mit Hilfe derer kann ich wie in diesem Fall meine Besucher darauf hinweisen, dass es sich nicht um so einen typischen Frauenroman handelt. Mit dem Begriff kann jeder etwas anfangen und sofort für sich entscheiden, ob sich ein zweiter Blick vielleicht doch lohnen könnte.
Anders verhält es sich mit der Einteilung des Buchhandels. Wenn da was in Schubladen gesteckt wird, dann bleibt es meist auch dadrin, sogar wenn die Schublade gar nicht passt.
Sehr gefühlvolle Rezension, die auch die Gefühle, die ich während des Lesens hatte, gut widerspiegeln. Ein wirklich bezauberndes Buch! Vlg Steffi
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