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2. Weltkrieg, Abschied, Arbeitslager, Dänemark, Deportationen, Deutschland, Flüchtlinge, Juden, Leid, Nationalsozialismus, Palästina, Schmerz, Theresienstadt, Trauer, Verlust

Ich habe neulich eine Unterhaltung geführt, in der es darum ging, dass ich es ein wenig aus den Augen verloren habe, während des Lesens mitzufühlen. Ein Buch kann mich fesseln, berühren, traurig oder fröhlich stimmen, doch im Laufe der vielen Bücher, die ich gelesen und rezensiert habe, ist mir die Zeit, mich intensiv in die Figuren hineinzuversetzen, abhanden gekommen. Meine Art zu lesen ist analytischer geworden, denn ich fühle mit dem Abstand, den ein gewisses Maß an Objektivität einfordert.
Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass ich ausgerechnet jetzt, wenige Tage nach dieser Unterhaltung, „Ein Buch für Hanna“ gelesen habe, denn eben jenes Buch hat mir gezeigt, dass mir das Mitfühlen noch nicht abhanden gekommen ist. „Ein Buch für Hanna“ ließ mich sogar so sehr mitfühlen, dass ich auch jetzt noch aufgewühlt bin, wenn ich in darin blättere und an die damit verbundenen Bilder zurückdenke.
Deutschland, 1938: Die vierzehnjährige Hannelore lebt und arbeitet in Ahrensdorf, wo sie darauf vorbereitet wird nach Palästina auszuwandern. Die Schwester des jüdischen Mädchens ist bereits vor zwei Jahren nach Palästina gegangen und jetzt, wo die Nationalsozialisten gezielt gegen die jüdische Bevölkerung vorgehen, soll Hannelore ihr folgen.
Eines Tages ist es soweit: Zusammen mit einer Gruppe anderer jüdischer Mädchen bricht Hannelore in das Verheißene Land auf. Doch der Weg dorthin erfordert Geduld und Kraft. Die Mädchen landen zunächst in Dänemark, wo sie in unterschiedlichen Familien untergebracht werden und sich in deren Alltag einfügen. Obwohl sie ihr Ziel noch nicht erreicht haben, fühlen sie sich erstmal sicher. Hannelore, die fortan Hanna genannt wird, ist nach anfänglichen Problemen zufrieden in ihrer neuen Umgebung. Die Arbeit auf dem Bauernhof bereitet ihr Freude und nach und nach begegnen ihr Menschen, die sie ins Herz schließt.
Doch ihr Glück währt nicht lange: Die Deutschen marschieren in Dänemark ein. 1943 wird Hanna zusammen mit fast 500 dänischen Juden nach Theresienstadt deportiert, wo sie glücklicherweise ihre Freundinnen aus Ahrensdorf wieder findet. Fortan kämpfen die Mädchen gemeinsam ums Überleben…
Besagtes Theresienstadt ist vielen Lesern bestimmt ein Begriff. Auch ich hatte den Namen schon mal gehört, wenn gleich er auch nicht so präsent ist wie Auschwitz, Buchenwald oder Dachau.
152 000 Juden wurden in Theresienstadt, wo vorher 7000 Bürger lebten, zusammengepfercht. Sie litten nicht nur unter dem Platzmangel, sondern vor allen Dingen unter den Schikanen der Offiziere, dem nagenden Hunger, dem Ungeziefer und den Krankheiten, die sich aufgrund der mangelnden Hygiene und der schlechten medizinischen Versorgung ungehindert ausbreiten konnten. Alte und kranke Menschen starben aufgrund dessen, tausende andere wurden deportiert und vergast. Niemand wusste, wer als nächstes an der Reihe sein würde, wodurch die Angst ein ständiger Begleiter wurde.
Diese Zustände findet man auch in anderen Konzentrations- und Arbeitslagern, doch Theresienstadt unterscheidet sich in einem Punkt von ihnen: Das Lager galt als Musterlager zur Täuschung der ausländischen Öffentlichkeit.
Ausgewählte, bis auf die Knochen abgemagerte Juden wurden wochenlang mit besserem Essen aufgepäppelt, man zog ihnen wie Marionetten gute Kleidung an, reinigte die verdreckten Straßen und richtete vereinzelte Räume her, durch die die Besucher geführt werden sollten.
Während die anderen Inhaftierten still in den Kasernen ausharren mussten, spielten die Nazis den ausländischen Besuchern eine heile Welt vor, in der die Juden angeblich zufrieden ihrer Arbeit nachgingen, Kinder von dem guten Essen, dass es dort gab, übersättigt waren und alle in einem friedlichen Miteinander lebten.
Nachdem die ahnungslosen Besucher wieder abgereist waren, wurden die Juden, die bei dieser Farce mitspielen mussten, unverzüglich umgebracht, damit sie niemandem davon erzählen konnten und die Verlogenheit der Nazis nicht aufflog.
Wenn ich daran denke, flammt der Zorn in mir auf! Ich möchte diese Unmenschen schütteln und anschreien und ekle mich vor ihrer Verlogenheit, vor dem, was der Machtrausch aus ihnen machte. Es ist mir unbegreiflich und zugleich schnürt mir die Traurigkeit die Kehle zu.
Diese Wirkung ist anstrengend, weil sie mir unter die Haut geht und intensiver ist als die, die andere Bücher über die Judenverfolgung in mir ausgelöst haben. Mir waren die historischen Ereignisse schon immer unbegreiflich und die Schilderungen haben mich schon immer bewegt, allerdings nicht in diesem Maße.
Während ich im Zug sitze und in dem Buch lese, blende ich meine Umgebung aus. Der Kontrast zwischen dem Geschriebenen und dem Arbeitsalltag der Pendler fühlt sich hart an, wie zwei Welten, von denen die eine so normal und belanglos wirkt und die andere mich innerlich zerrüttet. Wie geht das zusammen?
Wie kann sich ein Mädchen vor 70 Jahren dicht an dicht mit vielen anderen Menschen in einem dunklen Viehwagon gefürchtet haben, während ich mich bequem in den Sessel drücke und froh über die behagliche Wärme in dem Abteil bin? Ich versuche mir vorzustellen, wie ich Hannas Situation empfunden hätte und stelle fest, dass ich es mir kaum vorstellen kann.
Gleichzeitig kriecht die Angst in mir hoch, je länger ich darüber nachdenke. Was wäre, wenn sie mich heute abholen würden? Wenn ich nicht wüsste, was mit meiner Familie passiert ist? Wenn mir ein Mann in Uniform mit seinem Knüppel ins Gesicht schlägt und ich vor Angst und Hunger nicht schlafen kann, zwischen all diesen fremden Menschen und Gerüchen?
Presslers Beschreibungen sind nicht offensichtlich schockierend. Viel mehr konzentriert sie sich während des Erzählens ganz auf das Leben und die Empfindungen der vierzehnjährigen Hanna. Das Mädchen ist schüchtern, sie hat Angst vor Veränderungen, flüchtet sich in die Märchen von Hans Christian Andersen und macht doch alles mit, was man von ihr verlangt. Schon früh hat sie von ihrer Mutter eingebläut bekommen, dass ein jüdisches Mädchen nicht auffallen darf und daran hält sie sich.
Hanna ist eigentlich nicht anders als andere Mädchen, doch sie erlebt andere Dinge, die sie dazu zwingen, sich zu verändern, sowohl im Positiven als auch im Negativen.
Es ist spannend, diesen Prozess mitzuverfolgen. Trotz der Schwere des Themas war es mir ein Vergnügen, mich von der poetischen Sprache gefangen nehmen zu lassen, sodass nicht nur die Schrecken der damaligen Zeit dominieren, sondern auch ein zartes, melancholisches Gefühl, das mich sehr beeindruckt und berührt hat.
„Ein Buch für Hanna“ ist für mich eine persönliche Angelegenheit geworden. Ich weiß nicht, ob es andere Leser genau so erreichen wird wie mich, doch ich hoffe sehr, dass es noch viele Leser findet, die sich das Geschriebene zu Herzen nehmen und in Ruhe darüber nachdenken.
Altersempfehlung: ab 13 Jahren

© Ada Mitsou
348 Seiten / 17,95 € ~ Beltz (1. April 2011) ~ ISBN: 3407810792
Ich war vor etwa einem Jahr zu einer Lesung von “Ein Buch für Hanna” und hatte anschließend im Rahmen der Uni ein Seminar mit Mirjam Pressler zum Holocaust in der Kinder- und Jugendliteratur.
Sowohl Buch als auch Seminar fand ich damals sehr bewegend und Mirjam Pressler ist meiner Meinung nach eine unwahrscheinlich tolle Autorin, die mit ihrer wunderbaren Sprache diese schreckliche Zeit authentisch umsetzen vermitteln kann ohne dabei einerseits den Schrecken zu verschleiern und andererseits zu viel darüber zu sagen.
Von ihr habe ich bisher auch “Ich sehne mich so” und “Briefe und Küsse an alle” gelesen, ebenfalls zwei sehr, sehr bewegende Bücher, die bei mir sehr lange nachgewirkt haben.
Liebe Ada, ich bin auf Mirjam Pressler zum ersten Mal gestoßen, als ich die Lebensgeschichte der Anne Frank las, die sie zusammengetragen hat. Ich fand auch, dass sie es schafft, einen “unter der Haut” zu packen. Danke für deinen so persönlichen Leseeindruck!
Mir ist Mirjam Pressler bisher vor allem als Übersetzerin über den Weg gelaufen. Viele israelische Schriftsteller begleitete sie so in die deutsche Sprache. Das sie selbst schreibt, wusste ich zwar aber durch deinen Beitrag habe ich ein genaueres Bild bekommen.
Mir geht es wie der Bücherliebhaberin, auch mir begegnete Mirjam Pressler vor allem als Übersetzerin aus dem Hebräischen (und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie die Bücher sämtlicher israelischer Autoren ins Deutsche übertragen hat). Schön, dass du uns an deiner Leseerfahrung, an den Gefühlen, die das Buch in dir auslöste, teilhaben lässt. Theresienstadt ist mir kein ganz unbekanntes Thema, doch ganz gleich, wie oft ich darüber (und über die anderen Orte) lese, erschüttert mich die Grausamkeit, die Unmenschlichkeit des Menschen immer wieder aufs Neue. Danke für deine sehr persönlichen Worte.
Liebe Ada,
du schreibst “Presslers Beschreibungen sind nicht offensichtlich schockierend. Viel mehr konzentriert sie sich während des Erzählens ganz auf das Leben und die Empfindungen der vierzehnjährigen Hanna.” Das ist der Eindruck, den ich bei allen Jugendbüchern von Pressler habe und ich glaube, hierin liegt ihr besonderes Talent. Ihre Bücher schockieren nicht durch grausame Details, sondern der Kontrast zwischen der kindlichen Gedankenwelt (und deren Nähe zu Traum, Ursprünglichkeit und dem Märchenhaften) und der fürchterlichen Realität ist es, der mich beim Lesen so aufwühlt und betroffen macht. Ich denke da an “Malka Mai”, aber es gilt auch für Romane, die nicht den Holocaust thematisieren (“Novemberkatzen”, “Nun red’ doch endlich” usw.). Ich habe ihre Bücher als Kind und junges Mädchen geliebt und sie verdienen es, wieder und wieder gelesen zu werden.
Liebe Svenja,
du hast Recht! Mir war dieser Kontrast bisher gar nicht so bewusst, aber gefühlt habe ich ihn, denn gerade das von dir genannte “Malka Mai” hat mich sehr für sich eingenommen, sodass es bisher das für mich beste Buch von Pressler war.
Nun hat “Ein Buch für Hanna” diesen Platz eingenommen, weil nicht nur die darin geschilderten Ereignisse bewegen, sondern besonders auch die Sprache. Es ist nicht so klar verfasst wie “Malka Mai”. Viel mehr ging mir die Sprache passagenweise direkt ins Herz, was nicht zuletzt auch an den Auszügen aus Hans Christian Andersens Märchen geht. Die Bedeutung der Märchen ändert sich im Laufe der Handlung, doch sie fügen sich so perfekt in selbige ein, dass sie dem Erzählten eine fast schon poetische Note verleihen, einen emotionalen Unterton, der die Zerbrechlichkeit und die Vergänglichkeit hervorhebt.
Ich bin eigentlich keine Märchenleserin, doch jetzt möchte ich zumindest die Märchen, die Hanna gelesen hat, auch lesen. Komisch, was Bücher manchmal auslösen können…
Worum geht es in “Novemberkatzen”? Ich dachte bisher, dass sich so gut wie alle Bücher der Autorin um die Judenverfolgung drehen, doch da habe ich wohl falsche Schlüsse gezogen. Ich werde mich gleich mal informieren…
Und um noch schnell deine Frage von neulich zu beantworten (auch wenn das wahrscheinlich gar nicht mehr nötig ist): Lies es, denn es ist gut!
Bei “Malka Mai” ist die Protagonistin doch auch jünger als Hanna (10 Jahre, wenn ich mich nicht irre?) und vielleicht hat Pressler deshalb eine etwas andere Sprache gewählt? Na ich werde es wissen, wenn ich “Hanna” gelesen habe – was ich natürlich tun werde, im März kommt ja die TB-Ausgabe und dann ist es meins :D.
Du hast natürlich Recht, man assoziiert Pressler schnell mit Jugendbüchern um/über die Judenverfolgung. “Novemberkatzen” spielt in der Nachkriegszeit: Ilse lebt mit ihrer Mutter und den Brüdern in einer Unterkunft der Gemeinde, der Vater hat die Familie sitzen lassen und neu geheiratet. Das Mädchen muss viel arbeiten und wird zum Dank auch noch geschlagen. Und auch sie träumt sich in eine andere Welt… Insgesamt auch ein sehr düsteres Buch mit einer drückenden Atmosphäre.
Malka ist nicht zehn Jahre jünger als Hanna, sondern zehn Jahre alt – so meinte ich es.
Malka ist sogar erst sieben Jahre alt.
Tatsächlich. Ich habe auch nochmal geschaut. Aber der ältere Eindruck kommt wohl auch daher, dass sie viel zu schnell erwachsen werden musste.
Du schreibst: “Während ich im Zug sitze und in dem Buch lese, blende ich meine Umgebung aus. Der Kontrast zwischen dem Geschriebenen und dem Arbeitsalltag der Pendler fühlt sich hart an, wie zwei Welten, von denen die eine so normal und belanglos wirkt und die andere mich innerlich zerrüttet. Wie geht das zusammen?” Das hat mich an den Eingangssatz von Iris Hanika: “Das Eigentliche” erinnert: ” Manchmal erinnerte er sich daran, wie er früher in einem vollen U-Bahnzug stets daran gedacht hatte, daß die Züge in die Konzentrations- und Vernichtungslager noch viel voller waren….”
Dann gehört also “deine” Hanna zu den 500 armen Juden, denen es nicht gelungen ist, von Dänemark nach Schweden zu fliehen..
Ich danke dir für diese schöne, gefühlvolle Buchvorstellung!
Nein, nach Schweden hat sie es nicht rechtzeitig geschafft, doch vielleicht ist es tröstlich zu wissen, dass Mirjam Pressler dieses Buch für eine Frau namens Hanna geschrieben hat, die sie irgendwann in einem Kibbuz getroffen hat und von deren Glücksfähigkeit und warmherzigen Art sie sehr beeindruckt war. Da ein Buch über diese Hanna dem Menschen Hanna nicht gerecht geworden wäre, beschloss sie zumindest ein Buch für sie zu schreiben.
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