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„Als Opa alles auf den Kopf stellte“ ist ein Kinderbuch, das sich auf humorvolle, aber auch ernste Weise mit dem Thema Demenz auseinandersetzt. Kindgerecht verpackt erzählt Marianne Musgrove davon, wie die beiden Schwestern Kenzie und Tahlia versuchen, die Aussetzer ihres Opas geheim zu halten. Sie leben seit dem Tod ihrer Eltern bei ihm und bisher klappte das auch bestens, doch als die Mädchen eines Tages nach Hause kommen, finden sie ihn bewusstlos in der Diele liegend. Im Krankenhaus stellt sich heraus, dass er sich den Fuß verstaucht hat, doch das ist nicht die einzige Folge des Sturzes, denn plötzlich benimmt Opa sich komisch. Er möchte mitten in der Nacht schwimmen gehen, ruft Kenzie beim Namen ihrer Mutter und stellt das Bügeleisen in die Vorratskammer.

Die Mädchen glauben fest daran, dass Opa bald wieder der Alte ist, doch bis dahin müssen sie unter allen Umständen verhindern, dass die anderen Erwachsenen etwas davon mitbekommen, denn sonst – darin sind sich die beiden einig – würden sie garantiert ins Heim abgeschoben werden.

Was sich zunächst noch verhältnismäßig leicht bewältigen lässt, stellt sich als schwieriger heraus als erwartet. Opa büchst ständig aus und Tahlia hat nur noch ihren Tanzkurs im Kopf, sodass Kenzie auf sich allein gestellt ist. Anstatt sich mit ihren Freunden zu treffen, verschanzt sie sich zuhause, wäscht die Wäsche und kümmert sich um ihren Opa wie um ein Kleinkind. Das ist anstrengend und auch gefährlich, denn in Kenzies Not hat sie einen einzigen unachtsamen Moment, der Opa das Leben kosten könnte…

Musgrove schildert diese Entwicklung zunächst auf spielerische Weise. Opas Aussetzer sind bisweilen lustig, stellt er doch allerhand Unsinn an und muss ständig eingefangen werden, einmal sogar mithilfe eines Einkaufswagens, in dem die Kinder ihn durch die Stadt schieben. Man weiß nie, was passiert und fiebert (an-)gespannt mit, welchen Blödsinn er wohl als nächstes im Kopf hat. Dieser Rollentausch führt zu tragikomischen Momenten, die einen schmunzeln lassen.

Dass die Angelegenheit jedoch kein Spaß ist, stellt sich heraus, als Kenzie zunehmend ihre Unbeschwertheit verliert. Sie möchte eigentlich Kind sein, liebt es, sich gefährliche Stunts auszudenken und fühlt sich auf verwirrende, aber schöne Weise zum Nachbarsjungen hingezogen. Statt sich mit ihm zu treffen und wie alle anderen Kinder ins Kino oder in die Eisdiele zu gehen, sitzt sie zuhause und versucht ihre Familienverhältnisse so unauffällig wie möglich erscheinen zu lassen. Ihr Geheimnis lastet immer schwerer auf ihren Schultern und trotzdem überwiegt die Angst, dass sich ihr ganzes Leben verändern wird, wenn alles ans Licht kommt.

Dass eine solche Veränderung nicht immer schlecht sein muss, sondern überaus erleichternd sein kann, schildert Musgrove auf realitätsnahe Weise. Es ist beeindruckend, wie sich Kenzie in vielen Situationen verantwortungsvoll und intuitiv richtig verhält, doch letztlich kann sie die Last nicht alleine tragen und stellt am Ende fest, dass es ohne die Hilfe der Erwachsenen einfach nicht geht.

Belehrend wirkt diese Erkenntnis nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Geschichte, die viele Aspekte des Erwachsenwerdens aufgreift, schließlich aber verdeutlicht, dass ein Kind eben doch noch nicht alles alleine regeln kann. Es ist nicht schlimm, sich Hilfe zu holen, wenn man überfordert ist und manche Veränderungen machen einem zwar Angst, führen am Ende aber zu einer Ordnung, die alles erleichtert.

Ein humorvolles, thematisch anspruchsvolles Büchlein mit einer wertvollen Aussage.

Altersempfehlung: ab 10 Jahren

© Ada Mitsou

136 Seiten / 5,95 € ~ Beltz (Januar 2012) ~ ISBN: 9783407743220

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