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Die Rahmenhandlung, die sich der kanadisch-amerikanische Thrillerautor Linwood Barclay für „Dem Tode nah“ ausgedacht hat, verheißt Spannung:

Der 17-jährige Derek versteckt sich im Haus der Familie seines besten Freundes Adam, um dieses während ihrer einwöchigen Abwesenheit als Liebesnest zu nutzen. Er verabschiedet sich von den Langleys, tut so, als verlasse er das Haus durch die Hintertür und schleicht sich stattdessen unbemerkt in den Keller. Außer seiner Freundin Penny weiß niemand davon und obwohl Derek seinem besten Freund gegenüber ein schlechtes Gewissen hat, ist die Vorfreude weit größer.

Doch dann kommt alles anders. Während Derek auf Penny wartet, kehren die Langleys unerwartet zurück. Noch bevor sie ihre Sachen ablegen können, klingelt es an der Tür. Das Wort „Schande“ fällt, drei Schüsse knallen und dann ist es unerträglich still. Als Derek sich in Sicherheit glaubt, findet er die Langleys tot in ihrem eigenen Blut liegend. Panisch verlässt er das Haus und verliert seinen Eltern gegenüber kein Wort über das, was er mit angehört hat.

Als die Ermittlungen zu Derek als mutmaßlichem Täter führen, versucht sein Vater der Sache auf den Grund zu gehen und ahnt dabei nicht, dass seine eigene Familie ein wesentliches Puzzleteil in dem Mordfall ist…

Bevor ich „Dem Tode nah“ zur Hand genommen habe, hatte ich bereits Barclays Debütroman „Ohne ein Wort“ gelesen. Daher wusste ich, dass der Autor zwar spannende Fälle konstruieren kann, diese jedoch auf verhältnismäßig unaufgeregte Art aufklärt. Es hat mich also nicht überrascht, dass der spannungsgeladene Anfang des vorliegenden Buches eher als Aufhänger zu verstehen ist, wohingegen der weitere Verlauf der Handlung in weit ruhigerem Tempo voranschreitet.

Doch was mein Lesevergnügen bei „Ohne ein Wort“ nicht weiter getrübt hat, hat mich hier zunehmend gestört. Barclay konzentriert sich nicht nur auf den Fall, sondern holt stattdessen weit aus, indem er detailreich Dereks Familiengeschichte schildert und dessen Vater in ausschweifende und teils auch stetig wiederkehrende Gedankenschleifen schickt.

Letztlich tragen diese Gedankengänge zwar zur Aufklärung bei, doch hinsichtlich der Thematik, von der ich mir eine gewisse Brisanz erhofft habe, wirken sie ermüdend. Der Täter gerät ins Abseits, während Eheprobleme und die Sorgen des Alltags in den Vordergrund rücken. Dass diese Probleme mit dem Fall in Verbindung gebracht werden, tröstet mich als Leserin ein wenig, da so der Zusammenhang nicht gänzlich verloren geht, doch der Erzählfluss wirkt im Vergleich zu den ersten Seiten lahm.

Nach einem mysteriösen Dreifachmord erwarte ich keine Ehedramen und seitenlange Schilderungen von verletztem männlichem Stolz und unspektakulärer Gartenarbeit. Ich erwarte rasante Wendungen und überraschende Ergebnisse. Dass Barclay versucht, solche Überraschungsmomente in die Handlung einzubauen, spürt man, doch leider bleibt die Wirkung der falschen Fährten aus. Bereits ab der Hälfte des Buches hatte ich die Auflösung schemenhaft im Hinterkopf. Ich konnte sie zwar noch nicht klar und deutlich fassen, doch sie hat sich immerhin so deutlich abgezeichnet, dass ich die Irrwege als eben solche erkannt habe, wodurch ich viele Teile der Handlung als zu ausführlich geschildert empfand.

Nimmt man den Kern des Thrillers, also den eigentlichen Fall und die Motive des Täters, für sich allein, hätte Barclay in meinen Augen eine durchaus interessante Geschichte daraus machen können. Doch leider verwässert das Familiendrama die Handlung, die wiederkehrenden Gedankenschleifen von Dereks Vater wirken ermüdend und die Spannung wird durch die zunehmende Vorhersehbarkeit gemildert.
Ich bezeichne „Dem Tode nah“ nicht unbedingt als schlechtes Buch – es gibt einige Leser, die Barclays Werk als überaus spannend und stimmig empfunden haben –, doch aufgrund meiner Erwartungen und der schriftstellerischen Umsetzung war ich letztendlich enttäuscht.

© Ada Mitsou

512 Seiten / 8,95 € ~ Ullstein (Oktober 2008) ~ ISBN: 9783548267449

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