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Oft ist es so, dass meine Begeisterung etwas nachlässt, wenn ich den Nachfolger eines Buches lese, das mich sehr für sich eingenommen hat. Die Vorfreude schraubt die Erwartungen hoch und letztlich bin ich dann ein wenig enttäuscht, wenn sich der Zauber des ersten Teils nicht erneut zwischen die Zeilen legt.

Dass die kanadische Kinderbuchautorin Polly Horvath überhaupt eine Fortsetzung zu „Unser Haus am Meer“ geplant hat, wusste ich nicht. Dementsprechend überrascht war ich, als ich letzten Monat die Neuerscheinungen durchging und „Nach Norden, zum Mond“ entdeckte. Es stand sofort fest, dass ich das Buch haben musste, war „Unser Haus am Meer“ doch eines der schönsten und skurrilsten Kinderbücher, die ich in diesem Jahr gelesen hatte. Ich war also gespannt, welche verrückten Abenteuer Jane dieses Mal erleben würde und zugleich auch ein wenig vorsichtig in Anbetracht des „Nachfolger-Dilemmas“.

Jetzt, nachdem ich das Buch zugeklappt habe, kann ich aus vollem Herzen sagen, dass Polly Horvaths Bücher ganz oben auf meiner Empfehlungsliste stehen werden. Der Grund dafür ist leicht zu benennen: Horvaths Talent, das Menschliche mit dem Verrückten zu verbinden, ist einmalig. Man weiß nie, was als nächstes passiert und auch wenn das Erzählte wahrscheinlich nirgends auf der Welt so passieren würde, fühlt man sich während des Lesens unglaublich wohl.

Horvaths Ideen laden zum Träumen ein. Ein Leser, der realistische Handlungen bevorzugt, würde verärgert ausrufen: „So ein Unsinn! Wer soll denn das bitte schön glauben?!“, wohingegen Leser wie ich vergnügt umblättern und hier und da ein „Unfassbar!“ oder ein „Vollkommen übergeschnappt!“ vor sich hinmurmeln.

Jede Lebensgeschichte, die in dem Buch zur Sprache kommt, ist ungewöhnlich. Jeder Charakterzug anders und bisweilen sogar ziemlich schrullig. Horvath erzählt Quatsch vom Feinsten, ohne dabei den Bezug zur Realität zu verlieren, denn abseits der kleinen und großen Märchengeschichten ist und bleibt Jane ein nachdenkliches, sensibles Mädchen, das sich mit ihrer anstrengenden Familie auseinandersetzen muss und neuerdings die erste Verliebtheit durchlebt.

Dass das alles zu einer Menge Aufregung führt, bleibt nicht aus. Eigentlich wollte Janes Familie nach einem Jahr in der Ferne zurück zu ihrem Haus am Meer. Jeder von ihnen sehnt sich nach dem Rauschen der Wellen, den gemütlichen Abenden am Strand und dem Gefühl, endlich wieder zuhause zu sein. Doch anders als erwartet führt ihr Weg nicht schnurstracks nach Massachusetts, sondern erst in die tiefsten Wälder im Norden Kanadas und dann auch noch auf eine einsam gelegene Ranch in der Pampa. Auf ihrer Reise, die beinahe einem Roadtrip gleicht, begegnet Jane allerhand kuriosen Menschen, die sie vor immer neue Herausforderungen stellen.

Anders als im ersten Teil wirkt das Mädchen nachdenklicher. Sie beginnt auf ihre ganz eigene Art erwachsen zu werden, hat dabei jedoch alle Zeit der Welt. Jane ist kein typischer Teenager mit Kopfhörern auf den Ohren und Flausen im Kopf. Sie saugt die Details ihrer Umgebung in sich auf, spürt kleinste Veränderungen im Zusammenleben und macht sich Gedanken dazu.

Trotzdem wirkt das Erzählte nicht schwermütig, denn dafür sind die erlebten Abenteuer zu aufregend. Vielmehr ist es so, als würde einen die Autorin ins Ungewisse entführen, zugleich aber dafür sorgen, dass man stets eine warme, weiche Decke um den Schultern liegen hat. Diese Mischung aus abenteuerlichem Einfallsreichtum und einfühlsamer Melancholie habe ich während des Lesens sehr genossen, sodass „Nach Norden, zum Mond“ sicherlich nicht das letzte Buch der Autorin ist, das ich lesen werde.

An dieser Stelle eine ausdrückliche Empfehlung an alle Phantasten und ein Dankeschön an Polly Horvath für ihren herrlichen Humor und all die wundersamen Abenteuer, die ich mit ihren Figuren erleben darf!

Die Reihenfolge der Bände:
Unser Haus am Meer
Nach Norden, zum Mond

Altersempfehlung: ab 11 Jahren

© Ada Mitsou

221 Seiten / 15,90 € ~ Bloomsbury (Mai 2012) ~ ISBN: 3827054613

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