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Das Thema Tod ist in modernen Kinderbüchern nichts Ungewöhnliches mehr. Es gibt allein zahlreiche Bilderbücher, in denen geschildert wird, wie ein Familienmitglied oder Haustiere sterben. Auch in Aakesons „Radieschen von unten“ geht es um den Tod, wenn auch auf sehr ungewöhnliche Weise, denn die Hauptfigur ist nicht etwa ein Kind, sondern ein Bestatter.

Als ich davon las, war ich gleichermaßen skeptisch und neugierig. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ein Bestatter in ein Kinderbuch passt und war ziemlich gespannt, wie der dänische Autor diese Schwierigkeit löst.
Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich darauf eingelassen habe, denn „Radieschen von unten“ ist keineswegs ein trauriges Buch. Viel mehr sprüht es vor Phantasie und Lebensmut, was nicht nur bildlich sondern vor allem inhaltlich in Form starker Kontraste zum Ausdruck kommt.

Der Bestatter führt ein eintöniges Leben. Er steht morgens auf, geht zur Arbeit und wäscht dort Leichen. Am Abend geht er wieder nach Hause, isst eine Kleinigkeit und schaut sich Tiersendungen im Fernsehen an. Jeder Tag seines Lebens verläuft gleich. Freude und Blumen hält er für Zeitverschwendung, weil beides schnell vergeht, also gibt er sich gar nicht erst damit ab.

Trotz dieser Eintönigkeit besitzt der Bestatter eine Fähigkeit, die andere Menschen nicht haben: Er kann die Toten hören. Während er sie wäscht und ankleidet, sprechen sie mit ihm und offenbaren dabei ganz unterschiedliche Charakterzüge. Normalerweise ist das für den Bestatter nichts Ungewöhnliches, doch eines Tages unterhält er sich mit zwei Frauen, die etwas in ihm bewegen. Er kann sich selbst nicht erklären, was es genau ist, doch irgendetwas verändert sich in ihm. Er sieht plötzlich Dinge, die ihm vorher nie aufgefallen sind. Er stellt seine bisherige Lebensweise in Frage und wagt es, aus der Endlosschleife seines Alltags auszubrechen. Dabei entdeckt er, dass selbst die Vergänglichkeit eine Schönheit besitzt, die er niemals für möglich gehalten hätte.

Anders als ich es zu Beginn erwartet habe, geht es also weniger darum, dass Menschen sterben, sondern darum wie ein gleichsam Toter wieder zum Leben findet. Wer sich täglich in dem gleichen Trott bewegt und nichts verändert, tritt auf der Stelle. Ihm entgehen die kleinen Freuden, die an jeder Ecke liegen und nur aufgesammelt werden müssen.

Das zu tun, erfordert allerdings Mut und Aufmerksamkeit. Wer von Anfang an nur das Schlechte und die Vergänglichkeit sieht, wird nie erfahren, wie süß das Leben schmecken kann und wie viel einem selbst die kürzeste Freude zu geben vermag.

Aakeson verpackt diese Aussage in klare, kurze Sätze, die leicht verständlich sind, jedoch nicht durch ihre Offensichtlichkeit langweilen. Der innere Prozess des Bestatters geht gemächlich von statten und ist gespickt mit bunten Phantasiebildern, aber auch verwirrenden Veränderungen. Diese Veränderungen machen jedoch keine Angst, da sie einfach dazu gehören – genauso wie die Toten.

Aakeson lässt die Verstorbenen nicht als unheimlich wirkende Gespenster auftreten, sondern als ganz normale Menschen, die Abschied nehmen müssen. Manche nehmen den Tod wie selbstverständlich an, andere bedauern, dass ihr Leben schon vorbei ist. So wie sie dem Tod begegnen, wirkt er als etwas ganz Natürliches. Jedes Kind weiß, dass Abschiednehmen nicht immer schön ist und man lieber noch bleiben würde, doch manchmal muss es eben sein.

„Radieschen von unten“ ist ein Kinderbuch, das auf phantasievolle Weise Ja zum Leben sagt. Durch die positive Veränderung des Bestatters und die ergänzenden Illustrationen ist die Aussage für Kinder gut verständlich. Erwachsene hingegen werden daran erinnert, dass es auf dieser Welt mehr gibt als den ermüdenden Alltagstrott. Sie müssen nur bereit sein, sich auch für die kleinen Schönheiten des Lebens zu öffnen.

Altersempfehlung: ab 8 Jahren

© Ada Mitsou

48 Seiten / 13,90 € ~ mixtvision (Juni 2012) ~ ISBN: 9783939435518

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