Tags
Einsamkeit, Erinnerung, Gedanken, Kindheit, Schmerz, Selbstfindung, Suche, Trennung

Nadeshda, die sich selbst diesen Namen gegeben hat, um sich in die Geschichte zu schreiben, wurde verlassen. Ilja war der erste Mann und vielleicht sogar der erste Mensch, der alle Türen in ihr geöffnet hat. Mühelos drehte er den Schlüssel im Schloss und öffnete, was tief in Nadeshda verschlossen war. Dabei sind die äußeren Umstände der Beziehung alles andere als glücklich, denn Ilja ist verheiratet. Von Anfang an, direkt in der ersten Nacht spricht er aus, was fortan die ganze Zeit in der Luft liegt: Diese Beziehung hat keine Zukunft.
Doch Nadeshda ist bescheiden. Sie stellt keine Forderungen an Ilja, begnügt sich mit verstreuten Treffen, die sich meist über mehrere Tage erstrecken und randvoll mit langen Gesprächen, verwirrenden Andeutungen und intensiven Berührungen sind. Sie weiß, dass Ilja niemals seine Frau, ohne die er nicht leben kann, verlassen würde und trotzdem zieht sie nicht in Erwägung, dass ihre Zeit mit ihm irgendwann zu Ende sein könnte.
Als Ilja schließlich für immer die Tür hinter sich schließt, steht Nadeshda mit leeren Händen da. Sie hängt in der Luft und versucht inmitten dieses Nichts sich selbst zu finden.
“[...] Dieses Warten und Wünschen in deinem privaten Zeittunnel, es wird dich in eine Fliege verwandeln, kopflos wirst du dich gegen Fensterscheiben werfen; dein Warten darauf, dass einer kommt, zurückkommt, zurück zu dir, dass er dich meint, dich nicht vergisst, dass du es bist, die der andere wirklich liebt, was auch immer wirklich ist und was auch immer Liebe meint und wer auch immer du bist – dieses Warten ist das Gegenteil von Leben.[...]“
Nadeshdas Leben verschiebt sich. Sie trifft sich zwar noch mit ihrer besten Freundin, doch das eigentliche Leben spielt sich nicht mehr auf den Gehsteigen der Stadt, in großen Kinosälen oder kleinen Cafés ab. Wie eine Raupe sitzt Nadeshda in ihrem Kokon und spinnt Fäden aus Gedanken, um sich selbst zusammenzufügen.
Diese Gedanken machen die Handlung des Buches aus. Es geht weniger darum, was im realen Leben passiert, sondern viel mehr darum, was in Nadeshdas Seele vorgeht. Dass Ilja gegangen ist, dient lediglich als Auslöser für ihre Selbstfindung. Dieser Mann nimmt zwar in Form von Nadeshdas Erinnerungen Gestalt an, doch er wird für den Leser letztlich nicht greifbar.
„Das Gedächtnis der Libellen“ ist also kein Liebesroman im klassischen Sinne. Die Liebe, die Nadeshda empfindet, äußert sich nicht in protokollierten Treffen, Streitereien und romantischen Abenden. Sie ist wie ein Phantom, etwas, das vorher da war und nun durch seine Abwesenheit Schmerzen bereitet. Tief in Nadeshdas Seele hat diese Liebe Spuren hinterlassen, denen sie nun folgt, um die Gesamtheit ihrer eigenen Person zu erfassen.
Während sich die ersten Seiten noch sehr leicht lesen, legt sich schon bald eine abstrakte Schwere zwischen die Zeilen. Diese zu begreifen, empfand ich stellenweise als sehr mühsam. Es fiel mir schwer, der Ich-Erzählerin auf all ihren Wegen zu folgen, sodass ich mir im Nachhinein eingestehen muss, nicht alles verstanden zu haben. Vieles, was Nadeshda sagt, drückt sie so bildhaft aus, dass das bloße Lesen nicht ausreicht, um den Sinn hinter den Worten zu erfassen. Man muss die Sätze drehen und wenden, sein ganzes Interpretationsgeschick einsetzen und ist letztlich doch nicht sicher, ob es nun genau so ist, wie man glaubt.
Trotzdem ist „Das Gedächtnis der Libellen“ ein Buch, das dem Leser sehr viel geben kann, sofern er sich auf die anstrengende Reise einlässt. Ich habe mich seitenweise treiben lassen, habe manches Unverständliche gelesen, ohne es allzu lange zu hinterfragen und bin dennoch irgendwann auf Satzgefüge gestoßen, deren Bedeutung plötzlich offensichtlich war. Es war ein wenig so, als würden lauter schemenhafte Bilder in meinem Kopf umherschwirren, die für sich genommen keinen Sinn ergeben. Doch sobald sich diese Bilder mit anderen Bildern verbanden, habe ich sie als Ganzes begriffen.
Manche dieser Bilder sind wahr. Sie treffen den Kern einer Sache auf schmerzhafte, aber realistische Weise. Andere Bilder sind malerisch schön, weil sie Gefühle in sich tragen, die in einer sehr puren, intensiven Weise zum Ausdruck kommen. Nadeshda reflektiert, indem ihr Denken auf den Leser zurückgeworfen wird und er sich darin wieder finden kann. Das kann meiner Meinung nach jedoch nur dann passieren, wenn sich der Leser in einer ähnlichen Situation wie die erzählende Frau befindet oder zumindest zeitnah befunden hat.
„Das Gedächtnis der Libellen“ ist kein leichter, unterhaltender Roman. Er ist ein Begleiter in einer Zeit, die das eigene Leben durcheinander wirft und die einen vieles in Frage stellen lässt. Diese Parallele erleichtert den Zugang zu dem Geschriebenen, sodass man letztlich begreift, worin die Essenz der aneinander gereihten Wörter besteht und dadurch – im besten Falle – selbst ein wenig vollständiger wird.

© Ada Mitsou
256 Seiten / 9,99 € ~ btb (April 2012) ~ ISBN: 9783442743872
Hallo Ada,
ich war schon gespannt, wie Dir das Buch gefallen würde. Den letzten Satz empfinde ich als großes Lob, das man nicht vielen Romanen nachsagt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie es war, als ich das Buch gelesen hatte. Es war um die Weihnachtszeit, ich saß jeden Tag eine Weile vor dem Kamin und las ein Stück aus dem Buch. Weil die Sprache so reichhaltig und bildhaft ist, habe ich mir mehr Zeit genommen als üblich und bin allerdings auch schneller satt geworden. In kleineren Häppchen konnte ich das Buch dann aber wirklich genießen. Vielleicht habe ich es deshalb als weniger mühsam empfunden. Ich denke, dass ich verstehe, wie Du das meinst. Man muss ein bisschen aufpassen, dass einen die Wortgewalt nicht erschlägt. Der Roman ist sehr lyrisch und ich hab ihn auch in diese Richtung behandelt (= langsamer und weniger gelesen).
Ich habe das Buch damals in einer ähnlichen Situation wie die Erzählerin gelesen (interessant, dass Du das ansprichst), vielleicht hat es mir deshalb so besonders gut gefallen (?). Mir hat es jedenfalls etwas gegeben, was mich auf eine andere Art beeindruckt hat, als das viele andere tolle Bücher vermochten. Ich denke, dass das auch an den universellen Themen wie Liebe, Verlust, Glück und Selbstfindung liegt, mit denen sich die Erzählerin sehr reflektiert auseinandersetzt und dass diese Beobachtungen dann auf den Leser spiegeln und zum Hinterfragen einladen.
Ein schönes Zitat hast Du ausgewählt, ich hatte mir auch viele Notizen gemacht (handschriftlich) und habe sie hoffentlich noch andernorts irgendwo in einer Schublade. Auf dem Rechner hatte ich mir nur wenige gespeichert, Worte wie „Erinnerungsinventur“ oder die „Archivierbarkeit des Glücks“. Dazu hat mir folgendes Zitat sehr gefallen: „Das Glück ist Glück, weil wir es nicht behalten können und weil es nicht bleibt, weil es geht, es hat lange Beine. Das Glück ist der schnellste Geher unter allen Gehern.“ Zu Deinem passt dieses hier ganz gut, man kann es sicher gut nachfühlen: „Mitten in der Erinnerung lasse ich einen Fluss fließen und schmeiße alles Gute und Schlechte und Zarte dort hinein. Aber der Fluss wehrt sich, und ich weiß, es ist nur ein erfundener Fluss, ich werde Ilja doch nie vergessen. Das ist meine sprichwörtliche Strafe. Ich werde bestraft mit Erinnerung, während Ilja vom Vergessen beschenkt wird.“
Ich bin mal gespannt, was aus der angekündigten Trilogie wird.
Viele Grüße
Ich kann zu allem, was du sagst, mit dem Kopf nicken, selbst zu dem Fragezeichen. Die Sätze, die du zitierst, sind auch bei mir hängengeblieben, ich habe sie nur nicht wiedergefunden, weil ich während des Lesens vergesse, solche Stellen zu markieren. Danke dafür!
Hach, wortlandschaften, welch eine Überraschung, dich hier anzutreffen! ;)
Liebe Ada, wirklich schöne Worte hast für dieses Buch gefunden. Auf Marica Bodrozic bin ich über das Turiner Goethe-Institut aufmerksam geworden, das sie zu einem Literaturfestival einlud. Leider habe ich noch nie etwas von ihr gelesen, dieses Buch klingt einerseits nach etwas ganz Besonderem, andererseits nach einer Herausforderung. Prosa, die wie Lyrik daherkommt, kann mitunter bezaubernd sein, auch wenn man am Ende ganz perplex dasteht und sich nicht sicher ist, alles begriffen zu haben. Darauf kommt es wohl auch nicht immer an, sondern eher auf Stimmungen, auf Bilder und Momentaufnahmen. Kennst du andere Texte von Frau Bodrozic?
Hallo caterina,
nein, die Libellen war mein erstes Buch von ihr und wenn ich es nicht geschenkt bekommen hätte, wäre sie mir wahrscheinlich entgangen.
Wenn alle ihre Texte so sind wie dieses Buch, dann weiß ich nicht, ob ich sie immer lesen könnte. Ich glaube, du hast es schon ganz treffend ausgedrückt mit den Stimmungen und Bildern. Ihr Stil ist nichts für zwischendurch, finde ich. Aber wenn die Stimmung passt, dann öffnen sich ganz neue Wege.
Ich mag Romane in denen Autoren die eigene Interpretation des Lesers zulassen. Bei diesem Werk von Marica Bodrozic scheint es so zu sein. Schön geschrieben. Vielleicht für den Herbst, momentan sehne ich mich nach Sommer, Sonne, Sonnenschein und nach vielen Abenteuern. :)
Pingback: Geschichten werden nicht nur geschrieben, sondern vor allem erlebt. « Ada Mitsou liest…
Pingback: Vom Gestern und vom Heute. | Klappentexterin