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„Ein gewisses Lächeln“ von Francoise Sagan ist für mich der Inbegriff des Lebens, das man mit Anfang 20 führt. Zu diesem Zeitpunkt stehen einem noch alle Türen offen. Die Zukunft liegt in weiter Ferne und die Lebensplanung findet in der Gegenwart keinen Platz. Stattdessen fühlt man jeden Augenblick, als wäre er das Einzige, was zählt. Das Jetzt ist es, was einen beschäftigt, wohingegen das Danach erstmal keine Rolle spielt.

Auch Dominique, die Hauptfigur und Ich-Erzählerin des Romans, folgt dieser Stimmung. Sie studiert halbherzig an der Sorbonne, führt eine Beziehung mit ihrem Kommilitonen Bertrand und sammelt die Augenblicke, wie sie kommen. Verheißungsvolle Leidenschaft ist für sie genauso gewichtig wie niederdrückende Langeweile, sodass alles, was sie tut, wie selbstverständlich scheint. Ihr Leben folgt schlichtweg der Ordnung des Sich-Treiben-Lassens.

Diese Ordnung wird jedoch empfindlich gestört, als Dominique eines Tages Bertrands Onkel Luc und dessen Frau Francoise kennen lernt. Sie ist von beiden gleichermaßen fasziniert, wenn auch auf vollkommen unterschiedliche Art. Während sie Francoise für ihre Güte, Herzlichkeit und innere Ruhe bewundert, fühlt sie sich zu Luc auf unerklärliche, aber starke Weise hingezogen.

Mit der Zeit beginnt sie Vergleiche zu ziehen: Auf der einen Seite steht der liebe, treue Bertrand, der Dominique hoffnungslos zu Füßen liegt. Mit ihm fühlt sie sich wohl, wenn auch etwas gelangweilt. Auf der anderen Seite steht Luc, ein Mann der weitaus älter ist als sie, zudem verheiratet, jedoch eine solch starke Anziehungskraft besitzt, dass Dominique sich ihr nicht entziehen kann. Die beiden sind Seelenverwandte, gefangen in ihrer Sehnsucht nach einem Leben, das mehr zu bieten hat als ruhige Bahnen.

Dass ruhige Bahnen nicht nur Langeweile, sondern auch Sicherheit und Ordnung bedeuten, begreift Dominique erst, als sie ein Verhältnis mit Luc eingeht und ihr Alltag dadurch vollkommen aus den Fugen gerät.
Gefühle lassen sich nicht steuern und während sie zu Beginn noch herrlich unverbindlich und angenehm sind, entwickeln sie sich nach und nach zu einem Schmerz, der außer Kontrolle gerät. Dominique verliert sich darin und muss zum ersten Mal erfahren, dass das Leben nicht nur aus Leichtigkeit besteht.

In Bezug zur Handlung wird „Ein gewisses Lächeln“ gemeinhin als Liebeskummerroman bezeichnet, wobei sich die erwartete Schwere für mich nicht in ihrer intensivsten Form äußerte. Dominiques Liebeskummer gleicht einer Zerstreuung, einem vorübergehenden Ungleichgewicht, das eine zwar nicht willkommene, aber nahezu vorherbestimmte Abwechslung zu dem Bisherigen darstellt. Der Schmerz wirkt ebenso natürlich wie die hingenommene Leidenschaft und die Freude. Es kommt, wie es kommen muss und genauso geht es auch wieder vorbei.

Vielleicht ist genau das das Tröstliche an dem Buch. Sagan führt dem Leser auf unbeschwerte und leicht zu lesende Weise vor Augen, dass nichts im Leben von Dauer ist und trotz des schweren Gewichts des Augenblicks früher oder später alles wieder seine Ordnung findet.

An dieser Kernaussage ist durchaus etwas Wahres dran und doch hat mich die Selbstverständlichkeit ein wenig gestört, denn darin äußert sich nicht nur eine tröstliche Erkenntnis, sondern zugleich auch eine Banalität, die den empfundenen Gefühlen nicht gerecht zu werden scheint.
Ich möchte nicht sagen, dass „Ein gewisses Lächeln“ ein oberflächlicher Roman ist, denn dafür enthält er zu viele Gedankengänge, die das Leben mit all seinen Facetten aufgreifen, doch das Geschriebene trägt eine jugendliche Unbekümmertheit in sich, die ich in meinem jetzigen Alter schwerer nachempfinden kann als noch vor zehn Jahren.

Diese Unbekümmertheit ist nicht weiter verwunderlich, war Sagan zum Zeitpunkt der Veröffentlichung doch selbst gerade mal 20 Jahre alt. In Hinblick darauf ist „Ein gewisses Lächeln“ nahezu ein Meisterstück, denn die Autorin schafft es wie keine andere, das Lebensgefühl dieses Alters in Worte zu kleiden.

Als Leserin bin ich diesem Alter jedoch schon ein wenig entwachsen, weswegen der Roman für mich eher leichte und gute Unterhaltung war anstelle eines gewinnbringenden Highlights. Das Geschriebene ist wie eine Erinnerung an ein Gefühl aus der Vergangenheit, das sich mittlerweile ein wenig verflüchtigt hat und bereits mit vielen neuen Facetten angereichert wurde.

In diesem Sinne eine vorrangige Empfehlung an all jene, die die Schule gerade beendet haben und noch das Versprechen einer ungewissen Zukunft voller Möglichkeiten in seiner ursprünglichsten Form in sich tragen.

© Ada Mitsou

140 Seiten / 9,90 € ~ Wagenbach (August 2011) ~ ISBN: 9783803126689

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