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Ada Mitsou liest…

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Kategorien-Archiv: Auto-/Biografie

Elisabeth Tova Bailey ~ Das Geräusch einer Schnecke beim Essen

19 Sonntag Feb 2012

Veröffentlicht von Ada Mitsou in Auto-/Biografie, Sach-/Fachbuch

≈ 8 Kommentare

Schlagwörter

Beobachtungen, Biologie, Forschung, Krankheit, Langsamkeit, Lebewesen

Auf einer Europareise fängt sich Elisabeth Tova Bailey einen Virus ein, der ihr Leben schlagartig ändert. Sie fühlt sich zunehmend schwächer, wird ins Krankenhaus eingeliefert und kämpft dort um ihr Leben. Sie gewinnt den Kampf, ist jedoch fortan in ihrer Bewegung eingeschränkt. Allein das Aufsetzen bereitet ihr Mühe, das Aufstehen wird zu einem Kraftakt, den sie nicht bewältigen kann. Während ihre Freunde und Nachbarn einem geregelten Tagesablauf nachgehen, ist Elisabeth jahrelang ans Bett gefesselt. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt ist ihre Pflegerin, die mehrmals am Tag für eine halbe Stunde vorbeischaut, sowie ihre Freunde, die sie ab und zu besuchen.

Bei einem dieser Besuche bekommt Elisabeth ein Ackerveilchen geschenkt, in dessen Topf eine Schnecke sitzt. Ist sie zunächst ratlos, was sie mit dem Tier anfangen soll, widmet sie ihm bald ihre ganze Aufmerksamkeit. Die Schnecke wird zu Elisabeths Anker in der Isolation und füllt die einsamen Tage mit faszinierenden Beobachtungen und intensiven Studien über das Leben dieser unscheinbaren Spezies. Diese Studien gaben Elisabeth Anlass, „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ zu schreiben.

Das Buch ist anders als andere Bücher, erfordert es doch in besonderem Maße die Geduld und Wissbegier des Lesers. Das Geschriebene lebt nicht von einer abwechslungsreichen Handlung, sondern von leisen Beobachtungen, eingestreuten Gedankengängen und vor allem einer Vielzahl wissenschaftlicher Aufsätze und Untersuchungen.

Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen Roman, sondern um eine Kombination aus persönlichem Schicksal und Sachbuch. Streckenweise hätte ich mir gewünscht, dass Elisabeths Leben und die damit verbundenen Gefühle mehr im Vordergrund ständen, denn gerade in der Mitte des Buches geht es hauptsächlich um die biologischen Eigenschaften der Schnecke, um die Beschaffenheit ihrer Zunge, die Konsistenz ihres Schleims und die Nahrungsaufnahme, wodurch das Gelesene jenen Lehrbüchern gleicht, die Elisabeth zu Rate zieht.

Und doch sind diese Fakten nicht langweilig, denn wenn man sich einmal auf die Form des Buches eingelassen hat, steigt die Faszination mit jeder Eigenschaft der Schnecke ein wenig mehr. Ich war erstaunt, mit welchen sonderbaren Eigenschaften dieses kleine, scheinbar langweilige Tier ausgestattet ist, dem man auf den ersten Blick nicht ansieht, wie viel in ihr steckt. Und durch Elisabeths vermenschlichende Beschreibungen – ihr wird die Schnecke zu einer ungewöhnlichen Freundin – fiel es mir nicht schwer, Zugang zu den Fakten zu finden, zumal sich die Autorin auf die wichtigsten Fachausdrücke beschränkt und sich abseits davon einer leicht verständlichen Sprache bedient.

„Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ ist die Wertschätzung der Entschleunigung in Buchform, denn die gerade mal 176 Seiten strömen eine wohltuende und merkwürdigerweise auch herzerwärmende Ruhe aus. Zwar muss man sich darauf einlassen können, damit man das Gelesene nicht als langweilig empfindet, doch wenn man dies kann, wird man mit der Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft und ansprechend aufbereitetem Fachwissen belohnt.

Am Ende hätte ich gerne selbst eine Schnecke, wüsste ich nicht, dass sich die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum am wohlsten fühlen. Stattdessen freue ich mich, dass jemand anderes die Aufmerksamkeit und Geduld aufgebracht hat, dieses kleine Wesen unter die Lupe zu nehmen, denn auch wenn ich das Wissen nicht unbedingt brauche, so war es doch eine besondere Erfahrung, es in mich aufzunehmen.

© Ada Mitsou

176 Seiten / 16,90 € ~ Nagel & Kimche (Februar 2012) ~ ISBN: 3312004985

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Abgebrochen: Edmund de Waal ~ Der Hase mit den Bernsteinaugen

13 Sonntag Nov 2011

Veröffentlicht von Ada Mitsou in Auto-/Biografie

≈ 9 Kommentare

Schlagwörter

Österreich, Familie, Frankreich, Japan, Kunstgeschichte, Kunstsammler

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich ein Buch abbreche, das durch die Bank hoch gelobt wird. Sucht man im Internet nach Rezensionen zu Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, findet man sowohl in den großen Tageszeitungen und Magazinen als auch auf diversen Blogs begeisterte Hymnen auf die hervorragend recherchierte und feinfühlig geschriebene Biografie.

De Waal, britischer Keramikkünstler und Professor, schildert darin, wie er sich auf die Spurensuche nach seinen Vorfahren, der jüdischen Bankiersfamilie Ephrussi, begibt. 264 geerbte japanische Miniaturschnitzereien, so genannte Netsuke, veranlassen ihn dazu, dem ursprünglichen Besitzer dieser kleinen Schätze nachzugehen, wodurch er über ein Jahrhundert Familiengeschichte Revue passieren lässt.

Ungefähr 60 Jahre und 170 Seiten bin ich dieser Geschichte gefolgt, bevor ich das Buch nun zugeklappt habe. Ich begleitete de Waal nach Paris und Österreich und betrat sowohl moderne Bibliotheken und Archive als auch die Salons des 19. Jahrhunderts. Dass ich so lange mitgereist bin, liegt an den Lobeshymnen und Empfehlungen anderer Blogger, doch letztlich fehlt mir einfach der Sinn für dieses Buch. Seit Wochen trage ich es in der Tasche mit mir herum, lese abschnittweise darin und merke, dass mir zunehmend die Freude daran verloren geht.

Das heißt nicht, dass de Waals Buch schlecht ist. Zwar verwirren gerade zu Beginn die vielen Namen und Ausflüge zu Nebenschauplätzen, doch im Ganzen ist die Thematik durchaus interessant – wenn man sich für Biografien mitsamt zahlreicher Beziehungen, Daten und Kunsthistorie interessiert.

Ich bin keine Biografienleserin. In all der Zeit, in der ich nun Bücher zur Hand nehme, habe ich vielleicht fünf bis zehn Biografien gelesen, wobei ich mich bei der Hälfte davon zum Weiterlesen motivieren musste. Biografien können genauestens recherchiert und wunderbar intelligent verfasst sein und trotzdem können sie mich einfach nicht so sehr fesseln wie ein Roman. Woran das genau liegt, kann ich nicht ausmachen. Vielleicht ist es die Bewunderung für eine ausgeprägte Vorstellungskraft, vielleicht brauche ich dem entgegen auch einfach nur einen Berührungspunkt zu meinen eigenen Gedanken und meinem eigenen Leben, damit ich eine Geschichte lebendig und spannend finde.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ kann damit nicht dienen; nicht weil de Waal nicht schreiben kann – sein Schreibstil ist ebenso anspruchsvoll wie gefühlsbetont –  und auch nicht, weil er nichts zu sagen hat – das, was er erzählt, ist ein interessantes Stück Zeitgeschichte -, sondern weil mir etwas fehlt, das mich in seinen Bann ziehen kann und persönlich berührt.

Aufgrund dessen und auch weil das Buch für den M Pionier nominiert ist, entwickelt sich die Lektüre für mich zur Pflichtaufgabe. Ich habe lange überlegt, ob ich es zur Seite legen soll, doch wer selber gerne liest, weiß, dass es nichts Schlimmeres gibt, als wenn man versucht, sich zum Lesen zu zwingen. Das abschließende Urteil würde dem Werk nicht gerecht werden, weswegen ich an dieser Stelle auf eine Bewertung verzichte und „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ all jenen empfehle, die Ausflüge in die (Kunst-)Geschichte, mondäne Familiengeschichten sowie feinfühlig verfasste Biografien zu schätzen wissen.

352 Seiten / 19,90 € ~ Zsolnay  (29. August 2011) ~ ISBN: 3552055568

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