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Ada Mitsou liest…

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Ada Mitsou liest…

Kategorien-Archiv: Historisches

Eugen Ruge ~ In Zeiten des abnehmenden Lichts

19 Montag Sep 2011

Veröffentlicht von Ada Mitsou in Familiengeschichten, Historisches

≈ 3 Kommentare

Schlagwörter

Beziehungen, DDR, Desillusion, Entwicklung, Familie, Historie, Ideale, Mexiko, Politik, Scheitern, Sowjetunion

Seit der Film „Sonnenallee“ 1999 in die deutschen Kinos kam und mit über 2,5 Millionen Besuchern ein Überraschungserfolg wurde, ist die DDR zu einem beliebten Thema diverser Filmemacher geworden. Fast jährlich erscheint ein neuer Spielfilm inklusive des entsprechenden Buches, der sich mit Republikflucht, Ostcharme und/oder dem Stasi-Apparat befasst. Mein Problem ist, dass ich mich durch die Masse der Medien schnell von der Thematik übersättigt fühle, zumal viele dieser Werke mit Klischees arbeiten. Thomas Winkler, der für kinofenster.de rezensiert, drückt es folgendermaßen aus: „Alle erzählen sie ganz bewusst Märchen aus einem versunkenen, mittlerweile von Legenden umflorten Land – und erzählen wohl mehr über den Umgang mit der DDR im wiedervereinigten Deutschland als über die DDR selbst.“

Der vorliegende Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge schlägt zum Glück nicht in diese Kerbe. Entgegen meiner Befürchtung, dass die Handlung mit ausgelutschten Klischees angereichert sein könnte, steht die DDR bei Ruge – je nach Leserblick – nicht zwingend im Vordergrund. Zwar geht es auch um Politik, Partei und Kommunismus, doch im Mittelpunkt steht eine Familie über vier Generationen, deren Vorstellungen vom Leben ähnlich wie die Idee des Sozialismus eine desillusionierende Wende erfahren.

Diese Wende ist nicht bloß eine Parallele zu dem historischen Ereignis, das in dem Roman übrigens erstaunlich wenig Platz einnimmt, sondern viel mehr ein schleichender Prozess, der erst in der vierten Generation seine Vollendung findet. Der Tag neigt sich dem Ende zu, die Sonne versinkt am Horizont und während die letzten Abendstunden noch schemenhaftes Licht spenden, endet der Tag schließlich in Dunkelheit. Demnach ist der Titel von Ruges Roman vortrefflich gewählt.

Das Licht, vergleichbar mit den Idealen und Plänen der Familienmitglieder, nimmt mit jeder weiteren Generation ab. Während die Großeltern Wilhelm und Charlotte nach ihrem Exilanten-Dasein in Mexiko von hohen Stellungen in der DDR träumen und besonders Wilhelm überzeugter Kommunist ist, löst so manche Vorgehensweise der Partei in ihrem Sohn Kurt trotz seiner Stellung als angesehener DDR-Historiker im Stillen ein Zögern aus. Sein Sohn Alexander wiederum sträubt sich mit Haut und Haaren gegen die Lebensweise seines Vaters, entwickelt seine eigene politische Einstellung und flieht vollkommen unerwartet in den Westen. Zurück lässt er seine Exfrau und den gemeinsamen Sohn Markus, der zwölf Jahre nach der Wende keinerlei Interesse an Politik und Geschichte hat und stattdessen lieber auf Droge die Nacht durchtanzt.

Abseits dieses bedeutsamen roten Fadens, der sich geradezu wie ein Familienepos liest, erzielen vor allem die kleinen Schicksale eine enorme Wirkung auf mich. So sucht beispielsweise Irina, Kurts eigenwillige Ehefrau, Trost im Alkohol, weil sich ihre Vorstellung von Familienzusammenhalt nicht verwirklichen will. Ihrer Mutter Nadjeshda hingegen fällt es unglaublich schwer, die Gedanken an ihre Heimat ruhen zu lassen und sich mit dem Leben in Ostdeutschland zu arrangieren.

Es sind die stillen Gedanken und persönlichen Geschichten der Protagonisten, die den Roman so vielschichtig und interessant machen. Dass der Leser diese intimen Einblicke überhaupt bekommt, liegt an Ruges Erzählperspektive. Auf sehr komplexe Weise schildert er die Ereignisse aus der Sicht aller Beteiligten und springt dabei zwischen den Jahrzehnten hin und her. Der Leser begleitet Alexander im Jahr 2001, springt dann in das Mexiko der 50er Jahre, bekommt einen Einblick in Irinas Gedanken Ende der 80er, geht zurück in die 70er, um daraufhin Markus in den 90ern zu treffen.

Diese Perspektivenwechsel sind ein gelungenes Stilmittel, fordern dem Leser jedoch auch ein hohes Maß an Konzentration ab. Gerade zu Beginn fiel es mir schwer zu erkennen, welche Figur gerade an der Reihe ist. Im Laufe der Handlung lässt diese Verwirrung zwar nach, bleibt jedoch nicht vollends aus, sodass ich empfehle, die Kapitel möglichst zeitnah nacheinander und vor allem aufmerksam zu lesen.
Anstrengend ist der Schreibstil im Ganzen jedoch nicht, da sich Ruges Wortreigen überaus angenehm und bisweilen sehr ironisch und auch ein bisschen satirisch liest, ohne dass das Erzählte ins Lächerliche gezogen wird.

Zusammenfassend ist „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ein Buch, das den historischen Verlauf der DDR eher unterschwellig nachzeichnet, dafür jedoch eine beeindruckende Familiengeschichte erzählt, die einen an mancher Stelle schmunzeln lässt, zugleich aber auch ernst und faszinierend vielschichtig ist. Den Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises  2011 hat sich Ruge in meinen Augen auf jeden Fall verdient!

© Ada Mitsou

432 Seiten / 19,95 € ~ Rowohlt (1. September 2011) ~ ISBN: 9783498057862

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Jeannette Walls ~ Ein ungezähmtes Leben

21 Samstag Aug 2010

Veröffentlicht von Ada Mitsou in Auto-/Biografie, Familiengeschichten, Historisches

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Schlagwörter

Arbeit, Familie, Generationen, Geschwister, Lehrerin, Natur, Ranch, Texas, USA

2006 machte sich Jeannette Walls durch ihren autobiographischen Roman „Schloss aus Glas“ in Deutschland einen Namen als amerikanische Bestsellerautorin. In dem Buch erzählt sie von ihrer ungewöhnlichen Familie und den damit verbundenen schönen, aber auch erschütternden Momenten ihrer Kindheit.
Den vorliegenden Roman „Ein ungezähmtes Leben“ kann man inhaltlich als Vorgänger ihres Debütromans verstehen, da in dem Buch das Leben ihrer Großmutter Lily sowie deren Tochter Rose Mary, also Jeannettes Mutter, erzählt wird. Jeannette beruft sich dabei auf ihre eigenen Erinnerungen, die Erzählungen ihrer Mutter sowie die Erinnerungen von Verwandten und Fotos, von denen ein paar auch in dem Buch abgedruckt sind. Da sich die Autorin jedoch einen Teil der Geschichte selbst zusammenreimen musste, kann man „Ein ungezähmtes Leben“ laut eigener Aussage nicht als reine Biographie verstehen, sondern eher als Roman.

Anfang des 20. Jahrhunderts in Texas: Lily Casey ist schon in jungen Jahren ein toughes Mädchen. Mit wachem Verstand rettet sie ihre Geschwister vor Gefahren, packt auf der elterlichen Farm ordentlich mit an, reitet furchtlos wilde Pferde zu und ist zudem sehr wissbegierig. Durch ihre schnelle Auffassungsgabe bekommt sie bereits als Teenager eine Stelle als Lehrerin und scheut nicht davor zurück, alleine durch die USA zu reiten, um in den kleinsten Ortschaften zu unterrichten.
Obwohl Lily weiß, was sie will und ihren eigenen Kopf hat, erleidet sie auf ihrem Lebensweg immer wieder Enttäuschungen. Doch für sie ist das kein Grund, ihre Träume aufzugeben. Sie möchte unabhängig sein und irgendwann ihre eigene Farm besitzen. Auf dem Weg dahin nimmt sie Flugstunden, lernt wie man ein Auto fährt und begegnet letztlich auch dem Mann ihres Lebens…

~

„Ein ungezähmtes Leben“ liest sich ein bisschen wie ein Western für Frauen.
Wo im Fernsehen unnahbare Cowboys durch die Prärie reiten und sich hin und wieder duellieren, reitet die furchtlose Lily durch ein staubiges Amerika, um Kindern beizubringen, ihren Verstand zu benutzen. Sie mag harte Arbeit, kämpft für ihre Träume und lässt nicht locker, diese auch zu verwirklichen. Ihre starke Persönlichkeit und ihre scharfe Zunge retten sie aus manch brenzliger Situation, sodass sie sich durchaus gegen die Männer der damaligen Zeit durchsetzen kann.
Während die feinen Damen ihre Zeit mit Mode vertrödeln, ist sich Lily für nichts zu schade. Ihr Ziel ist es, nicht als Ehefrau Socken zu stopfen und hübsch auszusehen, sondern ihre Freiheit zu genießen und ihren Verstand zu gebrauchen.
Trotzdem sieht man hier und da kleine Risse in der harten Schale, denn letztlich ist Lily eben doch auch eine Frau, die sich verliebt und leidet, ihre Familie umsorgt und Kinder bekommt.

Eines davon ist Rose Mary, Jeannette Walls Mutter. Auch sie ist zäh und dickköpfig, allerdings wesentlich romantischer als Lily. Sie liebt Tiere über alles, hegt eine Leidenschaft fürs Malen und lässt sich den Kopf von fremden Männern verdrehen.
Eben jene Rose Mary hat die Lebensgeschichte der Lily Casey an ihre Tochter weitergegeben. Die wiederum nahm das Leben ihrer Großmutter zum Anlass ein Buch darüber zu schreiben.

In einer sehr einfachen Sprache lässt Jeannette Walls den Leser durch Lilys Augen blicken und bringt ihm so deren Gedanken und Gefühle näher. Aufgrund des Stils und der kurzen Kapitel liest sich das Buch sehr schnell und es braucht nicht viele Gedankengänge, um das Gelesene aufzunehmen. In der Hinsicht handelt es sich also um leichte Kost.
Inhaltlich zeichnet Walls ein spannendes Portrait ihrer Großmutter, deren Leben sich durchaus aufregend liest. Gelangweilt habe ich mich an keiner Stelle, auch wenn sich manches wiederholt: Der Alltag auf der Farm, die Schlichtheit der Menschen in den Städtchen, Lilys Arbeit… Trotzdem gibt es hier und da unerwartete Wendungen, die das Blatt noch mal drehen.

Alles in allem habe ich „Ein ungezähmtes Leben“ gerne gelesen, allerdings hat der Roman keinen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Die Rolle der Frau in der damaligen Zeit wird zwar sehr gut dargestellt und die Landschaftsbeschreibungen sind sehr anschaulich, doch im Ganzen handelt es sich um ein Buch, das mich zwar kurzweilig und gut unterhalten hat, jedoch nicht allzu sehr in die Tiefe ging.

© Ada Mitsou

368 Seiten / 20 € ~ Hoffmann und Campe (18. Februar 2010) ~ ISBN: 345540250X

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