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Ada Mitsou liest…

~ Bücher, Rezensionen und Empfehlungen

Ada Mitsou liest…

Kategorien-Archiv: Hörbücher

Jasper Fforde ~ Grau (Hörbuch)

28 Mittwoch Dez 2011

Veröffentlicht von Ada Mitsou in Fantastisches / Science Fiction, Hörbücher

≈ 6 Kommentare

Schlagwörter

Abenteuer, Dystopie, Fantasie, Farben, Gesellschaft, Liebe, Mord, Reise

„Grau“ ist der erste Roman von Jasper Fforde, den ich gelesen bzw. gehört habe, und zugleich der Auftakt einer neuen Trilogie des britischen Schriftstellers. Ich habe mit diesem Namen bisher nichts verbunden und wusste auch nicht, was mich erwartet.

Jetzt, nachdem mir Oliver Rohrbeck beinahe zehn Stunden aus dem Buch vorgelesen hat, kann ich die Begeisterung von Ffordes Fans durchaus nachvollziehen, denn die Geschichte, die der Autor zu Papier gebracht hat, ist gut durchdacht, faszinierend anders und ziemlich schräg.

Da der Inhalt recht komplex ist, versuche ich mich auf das Wichtigste zu beschränken:
Ungefähr 700 Jahre in der Zukunft ist die Welt nicht mehr so, wie wir sie kennen. Der gesellschaftliche Rang der Menschen richtet sich vorrangig nicht mehr nach dem Einkommen oder Statussymbolen, sondern nach der Fähigkeit, Farben zu sehen.
Während beispielsweise die Roten nur die Farbe Rot sehen können und die Gelben nur Gelb, können die Grauen gar keine Farben sehen. Sie bilden das Schlusslicht der Gesellschaft, werden von den Hochrangigen wie Diener behandelt und haben im Grunde keine Chancen aufzusteigen.

Diese Ordnung entspricht voll und ganz den Regeln des großen Munsell. Vor fast 500 Jahren wurde die Welt neu erschaffen und seitdem folgen die Menschen diesen Regeln, die auf uns zwar größtenteils überaus unsinnig wirken, für die Bewohner von Chromatopia jedoch oberstes Gebot sind, da Verstöße dagegen jede Menge Ärger nach sich ziehen können.

Auch der junge Eddie Russett, Hauptfigur des Romans, fügt sich widerstandslos in diese Ordnung ein. Er ist ein Roter, was bedeutet, dass er zwar nicht an der Spitze steht, jedoch durchaus geachtet und respektiert wird. Eifrig buhlt er um die Gunst von Constance Oxblood, die er aufgrund der vorteilhaften Farbkombination alsbald heiraten möchte, doch bevor es dazu kommen kann, wird Eddie zusammen mit seinem Vater nach Ost-Karmin abgeordnet. Während Eddie dort eine Stuhlzählung durchführen soll, tritt sein Vater die Stelle des ehemaligen Mustermanns an, was im Prinzip der Funktion eines Arztes entspricht.

Der Aufenthalt in Ost-Karmin stellt Eddies bisheriges Leben vollkommen auf den Kopf, denn dort trifft er nicht nur die falschen Freunde, sondern auch Jane, ein Mädchen, in das er sich hoffnungslos verliebt. Das Problem an der Sache: Jane ist nicht nur wunderschön und faszinierend anziehend, sondern unglaublich widerspenstig und – was noch viel schlimmer ist – eine Graue!

Wer nun glaubt, dass es sich bei „Grau“ um eine typische Liebesgeschichte handelt, irrt. Zwar dreht sich viel um dieses Thema, doch in Anbetracht dessen, dass Gefühle in Chromatopia äußerst untypisch sind, findet sich zwischen den Zeilen wenig Schmalz. Viel mehr handelt es sich um ein kriminalistisch angehauchtes Abenteuer, in das Eddie unbedarft und ziemlich naiv hineinschlittert. Er wächst jedoch mit seinen Aufgaben: Nimmt er zunächst alles hin und reagiert bestürzt, wenn jemand gegen die Regeln verstößt, beginnt er zunehmend das System zu hinterfragen. Dabei stößt er auf Entdeckungen, die sein Weltbild erschüttern, was für Eddie nicht unbedingt angenehm ist, für den Leser allerdings schon, denn Eddies Naivität zu Beginn des Romans ist beinahe kaum auszuhalten.

Diese Idee, die Erschaffung einer neuen Welt, innerhalb derer eigene, strikte Regeln gelten, ist nichts Neues. Im weiteren Sinne kennt man die Thematik bereits aus Romanen wie „1984“ und „Schöne neue Welt“, aber auch durch das indische Kastensystem.
Trotzdem hat mich „Grau“ nicht gelangweilt, denn Ffordes Geschichte ist so fantasievoll konstruiert, dass ich mich sehr gut unterhalten gefühlt habe. Bäume nehmen Menschen gefangen, Straßen verwandeln sich mithilfe eines speziellen Schlüssels in Fließbänder, Löffel gehören zu den begehrtesten Gegenständen der Menschen und Ovomaltine darf nur vor dem Zubettgehen getrunken werden. Das alles und noch viel mehr wirkte auf mich so absurd und verrückt, dass ich nicht anders konnte als gebannt zuzuhören.

Eine besondere Freude war es mir, Oliver Rohrbeck zu lauschen. Ich schätze seine Art vorzulesen sehr und er kann mit seiner Stimme die Charaktere der Figuren ganz wunderbar zum Ausdruck bringen. Zwar beinhaltet sein Vortrag keine Knalleffekte, doch aufgrund der Geschichte sind diese auch gar nicht notwendig.

„Grau“ ist unterhaltsam, absurd, gesellschaftskritisch und spannend zugleich. Aufgrund der komplexen Zusammenhänge empfehle ich, das Buch lieber zu lesen, anstatt es zu hören, denn auf diese Weise prägen sich – zumindest in meinem Fall – die Details besser ein und man kann auch mal zurückblättern, wenn man etwas nicht ganz verstanden hat. Das Hörbuch lässt sich aufgrund des ausgeklügelten Systems nicht einfach nebenbei hören, doch wenn man das Grundgerüst erstmal verstanden hat, ist „Grau“ auch ein großes Hörvergnügen.
Die Titel und die Erscheinungstermine der beiden Folgebände sind mir noch nicht bekannt, doch ich werde beides gespannt  im Auge behalten.

Eine Empfehlung für all jene, die abgedrehte und abenteuerreiche Geschichten lieben.

Noch Fragen? >> Hier lang!

© Ada Mitsou

8 CDs / 24,95 € ~ Eichborn (24. August 2011) ~ ISBN: 3821864001

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Paolo Giordano ~ Die Einsamkeit der Primzahlen (Hörbuch)

24 Montag Jan 2011

Veröffentlicht von Ada Mitsou in Familiengeschichten, Hörbücher, Liebesgeschichten

≈ 14 Kommentare

Schlagwörter

Autoaggression, Einsamkeit, Freundschaft, Magersucht, psychosoziale Störungen

gelesen von Daniel Brühl

~

Aufgrund eines Skiunfalls ist Alices Bein lahm. Sie macht ihren leistungsorientierten Vater dafür verantwortlich und verweigert zudem die Nahrungsaufnahme. Jahrelang pflegt sie mithilfe von kleinen Tricks ihre Magersucht und meidet soziale Kontakte, so gut es geht. Dabei fühlt sich Alice einsam und wünscht sich nichts sehnlicher, als mit dem beliebtesten Mädchen der Schule befreundet zu sein.

Auch Mattia trägt ein tragisches Erlebnis aus der Kindheit auf seinen Schultern. Mit sechs Jahren hat er seine behinderte Schwester im Park sitzen lassen, um alleine auf die Geburtstagsfeier eines Klassenkameraden gehen zu können. Als Mattia zurückkommt, ist seine Schwester verschwunden. Von Schuldgefühlen zerfressen zieht er sich immer mehr in seine eigene Welt zurück und versucht seinen Schmerz durch Autoaggressionen zu lindern.

Als sich Alice und Mattia zum ersten Mal in der Schule begegnen, sind sie auf unerklärliche Weise voneinander fasziniert, sodass sich aus einer flüchtigen Begegnung eine jahrelange, wenn auch etwas gehemmte Freundschaft entwickelt. Ein weiterer Schritt aufeinander zu könnte so leicht sein, doch Alice und Mattia sind nicht so wie andere und leben in einer Welt, die es ihnen nicht einfach macht, aus ihrer Haut zu schlüpfen…

~

Ich hätte mich gerne von der Begeisterung vieler Rezensenten anstecken lassen, doch jetzt, nachdem ich das letzte Kapitel gehört habe, lässt mich das (Hör-)Buch mit gemischten Gefühlen zurück.

Daniel Brühl macht seine Aufgabe als Sprecher sehr gut. Es ist angenehm, seiner ruhigen und klaren Stimme zuzuhören und durch seine Betonung verleiht er den Worten eine angemessene Lebendigkeit. Abgesehen von den positiven Kritiken war es seine Art vorzulesen, die mich davon überzeugte, dieses Buch lieber zu hören anstatt es selbst zu lesen. Bezüglich des Sprechers ist „Die Einsamkeit der Primzahlen“ also durchaus empfehlenswert!

Allerdings kann mich der Inhalt nicht ganz überzeugen. Seinen Protagonisten entsprechend  beschränkt Giordano die Handlung auf deren Innenwelt. An vielen Stellen wirkt das Geschriebene poetisch und nachdenklich, an vielen anderen sind die Beschreibungen jedoch abstoßend und hart. Letzteres gefällt mir sprachlich nicht, ist jedoch nicht ausschlaggebend für meine Kritik.

Vielmehr stört mich, dass Giordano es sich als Autor stellenweise sehr einfach macht. Konflikte in der Außenwelt, so z.B. die direkten Folgen des Verschwindens von Mattias Schwester und brenzlige Situationen, in denen Alices Magersucht ans Licht zu kommen droht, werden von ihm totgeschwiegen.
Werden eben jene Konflikte im einen Moment noch ausführlich beschrieben und nahezu bis zum Höhepunkt gesteigert, enden sie schließlich im Nichts. Man erfährt nicht, wie die tragischen Momente ausgehen, sondern wird stattdessen in die Zukunft der Handlung katapultiert. Im einen Moment hat Alice ihr erstes Date mit scheinbar tragischem Ausgang, im nächsten ist sie bereits verheiratet.

Bei diesem Aufbau habe ich besonders die nachvollziehbare Entwicklung der Charaktere vermisst. Im Grunde verändern sie sich nicht und leben stattdessen das ganze Buch über in der Welt, die in ihrer Kindheit ihren Ursprung fand. Auf der einen Seite wirkt das eindringlich und beklemmend, auf der anderen auch etwas unglaubwürdig.
Mattia versteckt seine Wunden nicht. Er verletzt sich in der Öffentlichkeit, trägt gut sichtbare Narben an den Händen und trotzdem gerät er deswegen kein einziges Mal in Bedrängnis. Weder seine Eltern, noch die Lehrer schreiten ein und jahrelang spricht ihn niemand darauf an. Es ist einfach so.
Alices Ehemann spricht seine Frau erst dann auf ihre Magersucht an, als sie schon monatelang vergeblich versuchen ein Kind zu bekommen. Er ist Arzt, kennt das Krankheitsbild und die Folgen genau und trotzdem lässt er sich untersuchen, um die mögliche Ursache für die Kinderlosigkeit herauszufinden.
Diese Passivität unterstreicht zwar die Konzentration auf Alices und Mattias Seelenleben, reduziert die Handlung jedoch auf ein Minimum und wirkt zudem unglaubwürdig und stellenweise unausgereift.
Dass es sich Giordano leicht macht, indem er Konflikte außerhalb des Innenlebens nicht ausführt, bestätigt sich für mich auch in dem unbefriedigenden Ende des Buches, das im Grunde nur aus einer Situation besteht, die auch irgendwo auf den Seiten zuvor schon hätte aufkommen können und teilweise sogar schon so vorgekommen ist.

Alles in allem hat Paolo Giordano ein Buch geschrieben, das sich auf sehr eindringliche Weise mit den Themen Einsamkeit und psychosozialen Störungen auseinandersetzt. Es gibt darin viele Stellen, die mich fasziniert und berührt haben. Allerdings leidet die Handlung unter der Konzentration auf das Innenleben immens.
Giordano versteht es zwar, Gefühle auf sanfte und zugleich erschreckende Weise zu beschreiben, doch alles, was außerhalb der Gefühlswelt passiert und zur Entwicklung der Charaktere beitragen könnte, wird im Keim erstickt oder nur halbherzig ausgeführt.

Daniel Brühl ist als Sprecher absolut empfehlenswert, das Buch selbst empfehle ich jedoch nur mit Einschränkung.

© Ada Mitsou

erhältlich bei audible.de / 17,95 € / 6 Std. 17 Min. (gekürzt)

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