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Ada Mitsou liest…

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Kategorien-Archiv: Liebesgeschichten

David Foenkinos ~ Nathalie küsst

09 Mittwoch Nov 2011

Veröffentlicht von Ada Mitsou in Liebesgeschichten

≈ 11 Kommentare

Schlagwörter

Frankreich, Liebe, Schicksal, Trauer, Unsicherheit, Verlust, Zufall, Zuneigung

„Nathalie küsst“ ist eine typische Liebesgeschichte, die durch den eigenwilligen Stil des Autors untypisch wird.

Typisch ist die Handlung: Eine Frau verliert ihren Mann und fällt daraufhin in ein tiefes Loch, bevor sie sich unversehens in einer neuen Liebesbeziehung wiederfindet, die die schmerzenden Wunden heilen lässt.

Untypisch ist die Art, wie Foenkinos diese abgenutzte Handlung verpackt:
Er experimentiert. Er verbindet einen sehr distanzierten Schreibstil mit großen Gefühlen. Er beschränkt sich in Hinblick auf die Handlung auf das Wesentliche, unterbricht diesen Fluss des Wesentlichen jedoch, indem er die Nebensächlichkeiten der Handlung in Form kleinster Kapitel einschiebt. Hört eine der Hauptfiguren Nachrichten, erfahren wir zwei Seiten später die Ergebnisse des Fußballspieltages. Geht es um einen Kuss, schiebt Foenkinos einen Auszug der Analyse von Klimts berühmtem Gemälde ein.

Normalerweise kritisiere ich es, wenn ein Autor den Nebensächlichkeiten zu viel Aufmerksamkeit schenkt, doch in diesem Fall wurde ich während des Lesens auf genau diese Nebensächlichkeiten neugierig. Dadurch, dass der Autor ihnen nur einen winzig kleinen Platz einräumt, stören sie das Gesamtbild nicht, sondern ergänzen es in meinen Augen auf dezente Art und Weise.

Diese Vorgehensweise – den distanzierten Stil in Kombination mit den Emotionen und Einschüben – empfinde ich als originell. Das fasziniert mich und lässt mich darüber hinweg sehen, dass die Liebesgeschichte an manchen Stellen ins Kitschige gleitet, dass zwischen den Zeilen ein wenig zu viel Schicksal und somit auch eine etwas konstruiert wirkende Handlung steckt.

Alles in allem macht Foenkinos das, was eigentlich nicht mehr überraschen kann, zu einem kleinen literarischen Abenteuer. Für sich genommen ist Nathalies Geschichte zwar berührend, meiner Meinung nach jedoch nichts Neues. Hätte ich sie in Reinform gelesen, wäre ich wahrscheinlich nur mäßig angetan gewesen. Doch so, wie Foenkinos sie erzählt, konnte sie mich fesseln und auf merkwürdig unaufgeregte Weise überraschen.

© Ada Mitsou

239 Seiten / 16,95 € ~ Beck (24. Oktober 2011) ~ ISBN: 3406621627

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Paula McLain ~ Madame Hemingway

04 Sonntag Sep 2011

Veröffentlicht von Ada Mitsou in Auto-/Biografie, Liebesgeschichten, Zeitgenössisches / Gegenwartsliteratur

≈ 7 Kommentare

Schlagwörter

Affäre, Begehren, Bohème, Ehe, Familie, Hemingway, Kummer, Liebe, Paris, Reisen, Schriftsteller

In „Madame Hemingway“ erzählt Paula McLain die Geschichte von Hadley Richardson. Sie war die erste Frau des Literaturnobelpreisträgers Ernest Hemingway und gehörte zu den Menschen, die den Schriftsteller gerade zu Beginn seiner Karriere emotional bestärkt haben. Da Hadley im biografischen Kontext meist nur als „The Paris Wife“ erwähnt wird und trotz ihres bedeutenden Einflusses in Hemingways Schatten steht, hat es sich McLain zur Aufgabe gemacht, der namenlosen „Paris Wife“ durch ihren Roman ein Gesicht zu geben.

Den Anstoß dazu lieferten Hemingways Memoiren über seine Zeit in Paris. McLain las „Paris – Ein Fest fürs Leben“ und wurde neugierig auf die Frau, an die sich der Schriftsteller in ihren Augen so bewegend erinnerte. Sie begann unverzüglich zu recherchieren und war bald so fasziniert von Hadleys Persönlichkeit, aber auch dem Zusammenspiel zwischen ihr und Hemingway, dass sie beschloss einen Roman darüber zu schreiben.

Die darin geschilderten Begebenheiten orientieren sich so nah wie möglich an der Realität, auch wenn es sich letztlich nicht um eine Biografie, sondern um einen Roman handelt. So sind beispielsweise die Dialoge frei erfunden, wohingegen die Lebensläufe und geografischen Stationen der Realität entsprechen.
Das, was die beiden gefühlt haben, rekonstruiert McLain aus den Briefen, die Hadley Anfang der 20er Jahre an Ernest schrieb. Da Ernests Briefe größtenteils verloren gegangen oder vernichtet worden sind, beruft sich die Autorin diesbezüglich auf seine Werke und die wenigen Dokumente, die erhalten geblieben sind.

Dieses Vermischen von Realität und Fiktion verunsichert mich ein wenig. Hemingway ist mir natürlich ein Begriff und ich habe auch seine Paris-Memoiren gelesen, doch letztlich wusste ich vor dem vorliegenden Roman und den darauf folgenden Recherchen nicht viel über ihn. McLain hätte mir also einen dicken Bären aufbinden können, ohne dass ich es auch nur ansatzweise merkte. Was ist wahr, was bloß erfunden? Inwieweit kann ich darauf vertrauen, dass das Erzählte der Realität entspricht und ich somit mein Wissen fundiert erweitere? Und was von dem Gelesenen kann ich weitergeben, ohne vollkommenen Blödsinn zu erzählen?
Andererseits sind solche Romane eine wunderbare Möglichkeit, den Leser neugierig zu machen und ihn für die Thematik zu begeistern, sofern ihn das Geschriebene gefangen nimmt.

Im vorliegenden Fall ist der Funke der Begeisterung sehr schnell auf mich übergesprungen. McLain beschreibt das Kennenlernen von Hadley und Ernest so lebendig und erfrischend, dass ich meine Skepsis schon auf den ersten Seiten über Bord geworfen habe. Sie hätte mir an dieser Stelle tatsächlich einen Bären aufbinden können und es wäre mir vollkommen egal gewesen, einfach weil ich den Schreibstil und die darin zum Ausdruck kommende Dynamik so mochte. Ausgelassene Privatparties in Zeiten der Prohibition, das Sich-Treiben-Lassen im Rhythmus der Musik, die Aufregung, wenn man jemandem begegnet, der einen fasziniert… Das alles konnte mich schnell in seinen Bann ziehen.

Doch der Ton verändert sich im Laufe der Handlung. Er passt sich an die Ereignisse an, sodass die Lebendigkeit des ersten Kennenlernens der drückenden Sehnsucht des Getrenntseins weicht. Leise Zweifel machen Hadley nachdenklich und die Zwischentöne melancholisch. Das Zueinanderfinden hingegen verscheucht diese Melancholie und es folgen aufregende Begegnungen. Der Umzug nach Paris bringt Leben in die Handlung. Stein, Pound und Fitzgerald tauchen auf der Bildfläche auf und sorgen für neue Impulse, bevor durch den Ehealltag wieder etwas mehr Ruhe einkehrt. Das endgültige Aus der Beziehung hingegen wirkt laut und aufwühlend, bevor das Drama einen recht versöhnlichen Ausgang findet.

Dieses Auf und Ab des Schreibstils empfand ich als überaus stimmig, allerdings birgt die inhaltliche Umsetzung meiner Meinung nach kleine Schwachstellen in sich. Während Hadley sehr detailliert gezeichnet ist und Hemingway von einer anderen, empfindsameren Seite gezeigt wird, erscheinen die anderen Figuren ein wenig blass.
Vielleicht hätte es den Rahmen der Handlung gesprengt, wenn McLain näher auf die großen Persönlichkeiten der damaligen Zeit eingegangen wäre, doch ich hätte mir an dieser Stelle mehr Tiefgang gewünscht. Zwar fließen prägnante Charakterzüge der Figuren in das Geschehen ein, doch mehr als diese typischen Züge holt die Autorin nicht aus ihnen heraus.
Ein anderer Rezensent sprach an dieser Stelle von Namedropping. So weit würde ich nicht gehen, doch man sollte sich darüber im Klaren sein, dass Stein, Pound und Fitzgerald eben nur Nebenfiguren sind und man nichts Näheres über sie erfährt.

Die Thematik ist klar umrissen, denn im Vordergrund stehen Hadley und ihre Emotionen. Der Leser sieht das damalige Paris durch ihre Augen. Er nimmt an ihren Empfindungen teil und betrachtet Hemingway auf ihre ganz persönliche Weise. Die Liebesgeschichte wird mit all ihren Höhen und Tiefen nachempfunden. Zugleich erfährt man einiges über den Entstehungsprozess von Hemingways „Fiesta“.
Der Schriftsteller selbst ist zwar immer präsent, doch er wird nicht verherrlicht. McLain dreht den Spieß um: Hemingway bestimmt zwar Hadleys Leben, weil sie emotional von ihm abhängig ist, doch der Roman ist keineswegs eine Lobeshymne auf ihn und sein Schaffen. Gewürdigt wird stattdessen Hadleys Bodenständigkeit und das Band, das sie mit ihrem Ehemann verbindet.

Diese Geschichte zu lesen, hat mir große Freude bereitet. Der Schreibstil vereint Lebendigkeit und nachdenkliche Momente miteinander, sodass sich Ausgelassenheit und Melancholie die Hand reichen. Im weitesten Sinne könnte man “Madame Hemingway” sicherlich als Frauenroman bezeichnen, denn Hadleys Empfindungen wirken manchmal auf liebenswerte Art kitschig und typisch weiblich. Dann wiederum schleichen sich anspruchsvolle Gedankengänge und biografisch interessante Fakten ein, was den Roman in meinen Augen vom klassischen Liebesroman abgrenzt und inhaltlich aufwertet.
Wer mehr über das literarische Paris der 20er Jahre erfahren möchte, wird vermutlich enttäuscht sein, da das Buch diesbezüglich leider nicht viel hergibt. Wer sich jedoch für biografische Romane interessiert, gerne Beziehungsgeschichten liest und Hemingway von einer anderen Seite kennenlernen möchte, könnte von dem Buch ebenso begeistert sein wie ich.

© Ada Mitsou

456 Seiten / 19,99 € ~ Aufbau Verlag (2. Juli 2011) ~ ISBN: 3351033583

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