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Ich und die anderen

Andrew Gage lebt mit verschiedenen Untermietern in einem selbstgebauten Haus. Da wären z.B. Tante Sam, die früher mal einen Schatz hatte, der kleine Jack, der ganz verrückt nach Spielsachen ist oder Seferis, der so stark ist, dass er durchaus gut kämpfen kann. Gideon, der böse Onkel von Andrew, wurde jedoch in die Wüste geschickt.
Eigentlich ist fast alles so wie in einer Wohngemeinschaft – allerdings gibt es das Haus nur in Andrews Kopf und dient dazu, mit seiner multiplen Persönlichkeitsstörung klar zu kommen. Um nicht ständig in verschiedene Rollen schlüpfen zu müssen, hat er mithilfe seines Psychologen jeder abgespaltenen Seele ein eigenes Zimmer gegeben; er selbst hält sich die meiste Zeit in der äußeren Welt auf und regelt all das, was normale Menschen im Alltag regeln müssen.
So lernt er eines Tages Julie kennen, die ihm einen Job in ihrer Software-Firma anbietet. Und genau dort lernt er auch Penny kennen, ein verschüchtertes Mädchen, das unter derselben Krankheit wie Andrew leidet, allerdings noch nichts davon weiß…
Nach anfänglichem Zögern versucht Andrew schließlich Penny zu helfen und entdeckt dabei nach und nach Seiten an sich selbst, die er zuvor noch nicht kannte. Eine Reise in sein Unterbewusstsein, aber auch quer durch Amerika beginnt…

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Die Geschichte fand ich von Anfang an sehr interessant, allerdings war ich mir vor dem Lesen nicht sicher, wie der Autor die verschiedenen Persönlichkeiten, die doch alle in einem Körper leben, unter einen Hut bringen kann, ohne mich dabei zu verwirren. Im Nachhinein war diese Sorge vollkommen unbegründet. Man merkt sehr schnell, dass es eine Person gibt, die alles steuert, die anderen Seelen jedoch immer mal wieder zu Wort kommen oder den Körper kurzzeitig übernehmen. Verwirrt war ich an keiner Stelle, zumal das Buch auch sehr übersichtlich gegliedert ist:
Andrews und Pennys Sichtweise wechseln sich in Form von Kapiteln ab. Meist knüpft dabei die eine Sichtweise nahtlos an die andere an, wodurch die Handlung nicht unterbrochen wird und nur wenige Ereignisse wiederholt erzählt werden.
In Bezug auf den Stil ist bemerkenswert, dass jede einzelne Seele ganz eigene Charakterzüge hat und Ruff diese auch überzeugend darstellt. Die zahlreichen Dialoge wirken authentisch und sind gespickt mit feinem Wortwitz, wobei die Umgangssprache zwar dominiert, die Tiefgründigkeit jedoch nicht darunter leidet.

Wo sich zunächst alles noch recht amüsant liest, schleichen sich nach und nach recht schockierende Ereignisse in die Handlung ein. Auf mich wirkte das Geschriebene sehr witzig und spannend, allerdings gingen manche Szenen auch ziemlich unter die Haut. Eine Mischung, bei der man als Autor ganz schön danebengreifen kann – Matt Ruff jedoch versteht es, Witz und Ernst gekonnt miteinander zu verknüpfen, ohne dass man auch nur einmal das Gefühl hat, die Wortwahl würde dem Thema nicht gerecht werden.

Insgesamt kann ich „Ich und die anderen“ nur weiterempfehlen! Es ist leicht und rasant geschrieben, ohne dabei an Tiefgang zu verlieren und hat mich im Ganzen sehr gut unterhalten. Die über 700 Seiten habe ich förmlich verschlungen und vergebe wegen des raffinierten Plots, der authentisch wirkenden Charaktere und der unkomplizierten Schreibweise fünf Sterne!

© Ada Mitsou

720 Seiten / 9,95 € ~ dtv (1. Mai 2006) ~ ISBN: 3423208902

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