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~ Murakami? Hört sich nach Papierfalttechnik an! ~

Vor ein paar Jahren entdeckte ich beim Stöbern in der Buchhandlung ein Buch, von dessen Autor ich zwar gehört, mich aber nie wirklich dafür interessiert hatte. Es war „Naokos Lächeln“ von Haruki Murakami. Ich zögerte erst eine Weile, bevor ich es kaufte, da ich mir nicht sicher war, ob mir japanische Romane zusagten. Ich kannte deutsche, englische und amerikanische Autoren, hin und wieder griff ich auch zu französischen. Aber japanisch? Darunter konnte ich mir nur wenig vorstellen.
Ich hatte den Verdacht, dass der kulturelle Unterschied bestimmt sehr auffällig sein würde. Das ist natürlich grundsätzlich nichts schlechtes, kann aber befremdlich wirken und weniger Identifikationsmöglichkeiten bieten. Schließlich siegte jedoch die Neugier und ich kaufte den Roman.

Haruki Murakami

Wer Murakami kennt, weiß, dass ich mit meinen Befürchtungen ziemlich daneben lag, denn das einzige, was einem an seinen Büchern japanisch vorkommt, sind die Städte, das Essen oder die Namen der Protagonisten. Alles andere ist mir so vertraut, wie das Aussehen der Menschen, die ich in Deutschland täglich auf den Straßen sehe.
Möglicherweise liegt das daran, dass Haruki Murakami, der 1949 in Kyoto geboren wurde, seinem Heimatland zwischenzeitlich den Rücken kehrte und einige Jahre in Europa und Amerika verbrachte. Anfänglich wurden seine Bücher und der westliche Einfluss, den man darin finden kann, in Japan skeptisch beäugt, vor allen Dingen von denjenigen, die sehr mit der japanischen Kultur und Tradition verbunden waren, doch nach und nach wuchs sein Ansehen und heutzutage ist er ein international gefeierter Autor, der auch mit zahlreichen japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde.

Meinen damaligen Kauf habe ich bis heute nicht bereut. Stattdessen besitze ich nun so gut wie alle Bücher von ihm, wobei ich einige als wahre Glanzleistungen bezeichne, andere hingegen nur als Mittelmaß. Bei letzteren handelt es sich in meinen Augen jedoch um Ausnahmen.
Der Erzählband „Als ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ ist eines der Bücher, die mir in meiner Sammlung noch fehlten und ich denke, dass es richtig war, dieses Werk nicht als erstes Buch von ihm zu lesen. Als Einstieg eignet sich „Naokos Lächeln“ wohl am besten, da man sich dabei an den Stil des Autors gewöhnen kann und noch nicht so viele mystische Elemente zum Einsatz kommen. Eben jene sind nämlich ein Markenzeichen von Murakami und sie ziehen sich durch fast alle seine Werke.
Da gibt es Brunnen, die einem Wege in Parallelwelten öffnen, eigensinnige Katzen, die einfach mal so verschwinden oder merkwürdige Gestalten, die kuriose, bisweilen absurde Sätze von sich geben. Eines ist jedoch sicher: All diese Elemente finden in kunstvoller Anordnung ihren Platz und wirken keineswegs überzogen. Vielmehr erkennt man während des Lesens Zusammenhänge, wobei einen der Autor geschickt durch die Abenteuer der Protagonisten führt, ohne dass es dabei langweilig wird.
Einziger Nachteil: Murakamis Romane haben oft ein offenes Ende. Die perfekte Auflösung gibt es nie, dafür jedoch jede Menge Interpretationsmöglichkeiten, wodurch man seine eigenen Schlüsse ziehen und die Phantasie spielen lassen kann.
Doch wo lässt sich da nun „Das 100%ige Mädchen“ einordnen?

~ Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah ~

Zunächst einmal zum Inhalt. Der Erzählband umfasst neun Geschichten, von denen manche nur sechs bis zwölf Seiten lang sind, andere hingegen an die 30. Im folgenden Abschnitt gebe ich kurze Inhaltsangaben, damit man in etwa weiß, worum es geht.

~ Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah ~
Der Ich-Erzähler sieht auf der Straße ein Mädchen, das zwar nicht besonders schön ist, ihm aber das Gefühl gibt, sie sei sein 100%iges Mädchen. Er überlegt, wie er sie am besten ansprechen könnte, wobei er eine schöne, romantische Geschichte erfindet.

~ Lederhosen ~
Eine Frau macht Urlaub in Deutschland. Vor ihrer Rückkehr sucht sie noch ein Geschäft für Lederhosen auf, da sich ihr Ehemann eben jene als Mitbringsel wünscht. In dem Laden beschließt sie scheinbar aus dem Nichts, sich scheiden zu lassen. Was ist wohl der Auslöser dafür?

~ Familiensache ~
Ein junges Geschwisterpaar lebt zusammen in einer Wohnung. Auf einer Gruppenreise lernt die Schwester einen Jungen kennen, mit dem sie sich kurze Zeit später verlobt. Der Bruder ist nicht sonderlich begeistert davon, macht aber gute Miene zum (nicht unbedingt bösen) Spiel. Doch was geht dabei in seinem Kopf vor?

~ Das Fenster ~
Ein Student nimmt einen Job an, bei dem er Briefe beantworten muss, um den Schreibern zu helfen, ihren Stil zu verbessern. Irgendwann lädt ihn eine der Schreiberinnen zu einem Hamburger Steak ein. Obwohl persönliche Treffen nicht üblich sind, nimmt der Student die Einladung an. Was wird passieren, wenn sie sich gegenüber stehen?

~ TV People ~
Eines Tages betreten drei kleine Männer die Wohnung des Protagonisten und stellen auf seiner Kommode einen Fernseher ab. Unfähig zu reagieren, bleibt er auf der Couch liegen und beobachtet ratlos das Schauspiel. Kurze Zeit später tauchen die TV People auch in seiner Firma auf, doch niemand scheint von ihnen Notiz zu nehmen, nicht mal seine Frau! Bildet er sich das alles bloß ein?

~ Das Schweigen ~
Osawa ist kein besonders schöner oder auffälliger Mann, doch er beherrscht die Kunst des Boxens. Als ihn ein Kollege fragt, ob er jemals einen anderen im Streit geschlagen habe, schweigt er zunächst. Doch dann erzählt er die Geschichte von seinem Mitschüler Aoki und einem Jungen, der Selbstmord beging, weil er möglicherweise verprügelt wurde.

~ Das grüne Monster ~
Eines Tages gräbt sich im Garten einer Frau ein hässliches, grünes Monster an die Erdoberfläche. Dieses Monster macht der Frau einen Heiratsantrag. Wird sie „Ja“ sagen?

~ Der tanzende Zwerg ~
Im Traum erscheint dem Ich-Erzähler ein Zwerg, der ganz wunderbar tanzen kann. Vollkommen fasziniert beobachtet er das Geschehen, bis er schließlich aufwacht. In der Fabrik, in der er arbeitet, erfährt er von einem Kollegen, dass es noch einen anderen Mann gibt, der den tanzenden Traumzwerg kennt. Von Neugier angetrieben sucht der Erzähler den Mann in einer Bar auf und hört sich seine Geschichte an. Was er noch nicht weiß: Der Zwerg möchte von ihm Besitz ergreifen.

~ Der letzte Rasen am Nachmittag ~
Ein junger Mann arbeitet bei einer Firma, deren Mitarbeiter für andere Leute den Rasen mähen. An seinem letzten Arbeitstag hat er einen Auftrag bei einer Frau, die ihn nach getaner Arbeit in ihr Haus bittet, damit er sich das Zimmer ihrer Tochter ansieht. Er öffnet auf ihren Wunsch hin Schränke und Schubladen und teilt der Frau schließlich mit, welchen Eindruck er dadurch von ihrer Tochter hat. Doch warum möchte die Frau, dass er in anderer Leute Sachen herum wühlt?

Wenn es etwas gibt, was man nicht beklagen kann, dann ist das der Einfallsreichtum des Autors. Abgesehen von der ersten Geschichte findet man keine Themen, die man auch in anderen Büchern finden kann und wenn doch, dann handelt es sich lediglich um das Gerüst. Ich halte oben beschriebene Auswahl deshalb für durchaus originell. Doch wie sieht es mit Stil, Unterhaltungswert oder Spannung aus?

~ Lesefluss und Eindrücke ~

All diese Geschichten lassen sich sehr leicht lesen. Die Sprache ist einfach, fließend und man braucht auch nicht viel Zeit, da die Erzählungen recht kompakt sind. Für kurzweilige Unterhaltung in Bus und Bahn oder als Betthupferl vorm Schlafengehen eignen sie sich also bestens. Allerdings kann man sie inhaltlich nicht mit Murakamis anderen Büchern vergleichen.
Zunächst einmal haben sie nicht soviel Tiefe, d.h. die Ereignisse sind alltäglich, ohne mystische Geheimnisse, die gelüftet werden wollen oder Puzzleteile, die man zusammensetzen muss. Trotzdem hat man bei vielen Geschichten das Gefühl, dass irgendwann ein Knalleffekt kommen muss, wodurch man bisweilen ungeduldig auf die Auflösung oder Pointe wartet. Genau da liegt jedoch die Gefahr der Enttäuschung! Dort, wo man neugierig umblättert, um das große Finale zu lesen, endet die Geschichte plötzlich im Nichts. Teilweise kann man zwar kleine Weisheiten aus dem Gelesenen ziehen, doch manchmal sitzt man einfach nur da und denkt: „Hä? Und was hat es damit nun auf sich?“

Vielleicht fehlt mir für dieses Werk das richtige Verständnis, aber meiner Meinung nach scheinen viele Geschichten irgendwie unvollständig zu sein. Sie sind unterhaltsam – keine Frage, aber mir erschließt sich dabei oft nicht der Sinn. Gerade bei „TV People“ habe ich den Eindruck, dass man die Geschichte durchaus weiter ausbauen könnte und sie durch ihr abruptes Ende unfertig erscheint. Der Spannungsbogen steigt und steigt, doch bevor er seinen Höhepunkt erreichen kann, wird er unterbrochen. Eine Auflösung bekommt man nicht und sollte es eine Aussage geben, halte ich die Verpackung für zu absurd und irreführend, als dass man sie klar vor Augen haben könnte.
Anders hingegen verhält es sich mit Geschichten wie „Familiensache“ oder „Das Schweigen“. Das Erzählte ist dabei zwar sehr schlicht und wenig spannend, erreicht jedoch trotzdem einen guten Unterhaltungswert, was nicht zuletzt auch an einer gehörigen Portion zynischen Humors oder nachdenklich stimmender Ereignisse liegt.
Romantiker werden in der ersten Geschichte fündig werden, Fantasten in „Der tanzende Zwerg“. So gesehen ist also für jeden etwas dabei. Trotzdem überzeugt mich dieses Buch nicht von Murakamis Talent und genau deshalb halte ich es auch für keinen guten Einstieg in seine Werke. Dieses Buch schlägt aus der Reihe; es zeigt nicht die große Kunst der überraschenden Wendungen und Auflösungen, wie man sie vom Autor kennt. Zwar findet man hin und wieder typische Elemente (z.B. Katzen oder kuriose Figuren wie das grüne Monster), aber es fehlt im Ganzen an Tiefe und/oder Vollständigkeit.

~ Fazit ~

Obwohl ich ein großer Fan von Haruki Murakami bin und fast alle seine Werke besitze, war ich von dem Erzählband ein wenig enttäuscht. Die Geschichten sind, was Thematik und Stil betrifft, zwar durchaus ungewöhnlich und fesselnd, allerdings hätte man meiner Meinung nach noch mehr daraus machen können. In spannenden Momenten wird man sozusagen unerwartet stehen gelassen und weiß nicht recht, was man nun mit dem Gelesenen anfangen soll. Offene Enden erwarten einen an jeder Ecke, doch erscheinen diese Enden nicht kunstvoll konstruiert, sondern irgendwie unfertig, wodurch mir die Erzählungen nicht allzu viel gegeben haben.
Wer Murakami nicht kennt, braucht dieses Buch nicht unbedingt zu lesen, sondern sollte sich lieber den großen Romanen widmen. Eingefleischte Fans werden nach der Lektüre evtl. enttäuscht sein.
Ich besitze den Erzählband nur der Vollständigkeit meiner Sammlung wegen und werde es wahrscheinlich nicht mehr allzu oft zur Hand nehmen, weshalb ich insgesamt nur 3 Sterne vergebe: Einen für den hervorragenden Umgang mit Worten, einen für den guten Unterhaltungswert und den letzten für die Spannung. Einen Stern Abzug gibt es dafür, dass diese Spannung nicht ihren Höhepunkt erreicht und einen weiteren für die allgemeine Unvollständigkeit, die ich beim Lesen vermittelt bekam.

~ Empfehlung ~

Wer durch diese Kritik nun nicht abgeschreckt wurde, dem kann ich „Mister Aufziehvogel“, „Naokos Lächeln“ und Kafka am Strand“ wärmstens empfehlen, denn was Romane betrifft, halte ich Murakami immer noch für einen fantastischen Schriftsteller, der etwas davon versteht, den Leser zu unterhalten und tiefgründige Geschichten mit Überraschungsmomenten zu schreiben!

© Ada Mitsou

192 Seiten / 8 € ~ btb Verlag (3. November 2008) ~ ISBN: 3442737974

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