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Das gilt doch auch im Leben: eine Geschichte mit einer phantasievolleren Oberfläche, ob die sich nun aus dem religiösen oder politischen speist, ist interessanter. Ein Leben, in dem die Phantasie eine größere Rolle spielt, ist besser als eines ohne. (Yann Martel)

Pi

~ Über den Autor ~

Yann Martel wurde 1963 in Spanien als Sohn einer Diplomatenfamilie geboren. Durch den Beruf seiner Eltern kam er in den Genuss, viele verschiedene Teile der Welt kennen zu lernen, bevor er an der Universität von Ontario sein Philosophiestudium begann. Nach seinem Abschluss versuchte er sich im Schreiben und veröffentlichte vor Schiffbruch mit Tiger (OT: „Life of Pi“) eine Kurzgeschichtensammlung („The Facts behind the Helsinki Roccamatios“)und einen Roman („Self“).

Für „Schiffbruch mit Tiger“ reiste er nach Indien, um ein halbes Jahr lang im Bereich Zoologie, Religion und Schifffahrt/-bruch zu recherchieren und die nötige Ruhe zu finden, um mit seinem dritten Roman anfangen zu können. Letztlich umfasste der Schaffensprozess knapp drei Jahre und wurde u.a. 2002 mit dem Booker Prize for Fiction belohnt.

Schiffbruch mit Tiger

~ Die Handlung ~

Piscine Molitor Patel – kurz Pi genannt – wächst als Sohn eines indischen Zoobesitzers in Pondicherry / Indien auf. Er liebt die Zootiere, interessiert sich für deren Verhalten und ist ein fleißiger Schüler der Biologie. Zugleich befasst er sich mit den drei großen Weltreligionen. War er zunächst nur praktizierender Hindu, so interessiert er sich mit den Jahren gleichermaßen auch für das Christentum und den Islam. Er befolgt die Rituale des Hinduismus, geht in den Gottesdienst und auch in die Moschee. Während er mit dieser Vielfalt durchaus zufrieden ist, machen sich die geistlichen Gelehrten zunehmend Sorgen darüber. Man kann einfach nicht drei verschiedenen Göttern dienen!

Bevor Pi sich entscheiden muss, kommen die geschäftlichen Sorgen seines Vaters dazwischen. Der Zoo muss geschlossen werden und die Familie samt den exotischen Tieren nach Kanada auswandern. Es scheint, als könne ein ganz neuer Lebensabschnitt beginnen, doch bereits nach wenigen Tagen sinkt der Frachter, der die Familie zu neuen Ufern bringen sollte. Pi kämpft sich durch die Sturmwellen und rettet sich und eine Hand voll Tiere auf ein Rettungsboot.

Da sitzt er nun, der schmächtige Junge, mit einer gierigen Tüpfelhyäne, einem verletzten Zebra, einem Orang-Utan-Weibchen und einem 450 Pfund schweren Tiger namens Richard Parker. Nach kurzer Zeit zerfleischt die Hyäne das Zebra und den Affen, woraufhin der Tiger die Hyäne frisst. Pi weiß, dass Richard Parker kein Schmusekätzchen ist und so muss er sich etwas einfallen lassen, damit er nicht das nächste Opfer auf seiner Liste wird.

Wird der Tiger ihn fressen? Wird er auf See einem anderen Menschen begegnen oder gar Gott? Wird er jemals wieder an Land kommen? Und wovon soll er sich ernähren?

Eine abenteuerliche Odyssee beginnt…

Pi Schiff

~ Religion oder Abenteuergeschichte? ~

In der amazon-Kurzbeschreibung kann man folgenden Auszug finden:

Schiffbruch mit Tiger? Diese Geschichte würden Sie nicht glauben? Kein Wunder. Fantastisch. Verwegen. Atemberaubend. Wahnsinnig komisch. Eine Geschichte, die Sie an Gott glauben lässt.

„Schiffbruch mit Tiger“ ist eines der Bücher, die für mich mit den falschen Worten angepriesen werden.
Unglaublich und fantastisch – ja, das ist die Geschichte.
Aber „an Gott glauben“ und „Religion“? An nur wenigen Stellen ist die Rede etwas ausführlicher davon und das meiste muss man sich parabelähnlich selbst herausfiltern. Der offensichtliche Inhalt des Buches befasst sich hingegen eher mit Zoologie und Verhaltenslehre, Abenteuer, aber auch dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier sowie Selbsterfahrung.

In drei Teile geteilt geht es zu Beginn der Geschichte um Pis Kindheit in Indien und um seine Gedanken bezüglich der Tiere und der drei Religionen. Im Mittelteil geht es um die Abenteuer und Leiden des Schiffbrüchigen und seine „Bootsfreunde“. Auf den letzten 30 Seiten fasst Pi seine Odyssee noch mal zusammen und versucht eine Interpretationsmöglichkeit zu bieten.

Mir hat „Schiffbruch mit Tiger“ gut gefallen und ich empfehle es auch weiter.
Allerdings muss man ein bisschen Geduld mitbringen und die durch Rezensionen und Klappentext hoch geschaukelten Erwartungen runterschrauben, da sich sonst der zweite Teil (auf dem Meer) in die Länge ziehen oder sogar enttäuschend wirken kann.
Man darf keine großen aufregenden Abenteuer erwarten, sondern sollte eher das Menschsein, die Reduzierung auf menschliche „Triebe“, das langsame Austrocknen des Lebens (körperlich) und die stetige Kraft der Hoffnung (geistig, emotional) als Abenteuer und Faszinosum ansehen!
Mensch und Tier werden zum Abenteuer selbst, sind aber zugleich etwas, das uns ganz nah ist, weshalb manchen Lesern vielleicht das Spannende in dem Buch fehlen könnte. Fremdes scheint oft aufregender zu sein als „der Mensch, der neben dir wohnt“.

Es ist für mich eine schöne Geschichte über die Macht der Natur, den Menschen, Tiere und wie sich alles zu einem Miteinander zusammenfügt – mit all seinen menschlich-tierischen Fehlern.
Es ist jedoch kein Roman der vordergründig philosophischen Worte, der Knalleffekte oder tiefgründigen Religionsdiskussionen.

~ Fazit ~

Langweilig wurde mir kein einziges Mal. Vielleicht weil es ein guter Zeitpunkt des Lesens war und mich Mensch und Tier gleichermaßen begeistern. Oder die leichte, bisweilen humorvoll-ironische Sprache bewirkte, dass ich von den Worten gefesselt wurde und leichten Zugang fand.

Alles in allem empfehle ich das Buch Lesern, die:

  • Abenteuer auf See mögen
  • sich gerne mit Tieren und deren Verhalten beschäftigen oder etwas darüber lernen möchten
  • keine realistisch-logischen Tatsachen erwarten, sondern Phantasie und Interpretationsfreiheit mögen
  • den Menschen selbst als Faszinosum betrachten
  • ein gut geschriebenes und sehr gut recherchiertes Buch lesen möchten

© Ada Mitsou

382 Seiten / 9,95 € ~ Fischer (20. Juli 2004) ~ ISBN: 3596156653