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Was Bücher betrifft, scheint man um Elke Heidenreichs Kritik nicht mehr herum zu kommen. Überall, wo man hinsieht, kann man entweder ein Vorwort, ein Bild oder ein Zitat von ihr finden – so auch unter dem Klappentext von „Ein Tag mit Herrn Jules“ von Diane Broeckhoven.
Ehrlich gesagt, ich bin ganz froh, dass ich zuvor nicht wusste, dass sie auch zu diesem Roman ihren Kommentar abgegeben hat, denn sonst wäre ich wahrscheinlich nicht so vorurteilslos ans Lesen gegangen.
Vielleicht verhält es sich damit wie mit Bestsellerlisten: Zuviel Lob, zuviel breite Anerkennung und Honigschmiererei schrecken mich eher ab, als dass sie ein Werk für mich reizvoll machen und wenn dem doch so ist, ist die Gefahr, enttäuscht zu werden, recht groß, weshalb ich solche „Wunderwerke“ erstmal lieber meide.
In einem Punkt muss ich Frau Heidenreich jedoch zustimmen: „Ein Tag mit Herrn Jules“ ist ein „liebenswertes, kleines, schönes Buch […]„. Und warum?

Ein Tag mit Herrn Jules

Alice und Jules sind seit über 50 Jahren verheiratet. Die vielen gemeinsamen Jahre haben sie zu einem eingespielten Team gemacht, d.h. jeder hat seine Aufgaben, damit der Alltag reibungslos abläuft. Während sich Alice morgens im Bett noch einmal umdreht, um langsam Leben in ihre müden Knochen zu bringen, kocht Jules Kaffee und macht das Frühstück. So war es immer und so ist es auch heute.
Oder etwa nicht?
Als Alice an diesem schönen Wintertag aufsteht, sitzt Jules reglos auf der Wohnzimmercouch. Was Alice zuerst nicht merkt: Jules ist tot! Nur langsam dringt diese Tatsache in ihr Bewusstsein und bevor sie die notwendigen Maßnahmen ergreift, nimmt sie sich für ihren persönlichen Abschied erstmal Zeit – einen Tag, um genau zu sein. Ein Tag, an dem sie Jules all das erzählt, was in den letzten 50 Jahren verschwiegen wurde…

~ Die Autorin und ihr Schreibstil ~

Diane Broeckhoven ist keine Autorin, deren Name in aller Munde ist, weshalb ich an dieser Stelle ein paar Angaben zu ihrer Person und ihrem Stil machen möchte.
Die gebürtige Belgierin lebte viele Jahre in den Niederlanden, bevor sie schließlich wieder in ihre Heimatstadt Antwerpen zurückkehrte. Mit ihren rund sechzig Jahren hat sie insgesamt um die 20 Jugendbücher geschrieben und dafür auch einige Literaturpreise bekommen. „Ein Tag mit Herrn Jules“ ist jedoch erst ihr zweiter Roman für Erwachsene.

Möglicherweise liegt es an ihrer Jugendbuchkarriere, dass sich das vorliegende Werk so leicht und schnell lesen lässt, denn die Wortwahl ist sehr schlicht und einfach. Broeckhoven verzichtet auf große Metaphern oder komplizierte Wortketten, wodurch das Gelesene leicht verständlich ist und, zumindest was das Sprachliche betrifft, jedem zugänglich sein dürfte.
Ich habe die 92 Seiten an einem Vormittag auf dem Balkon gelesen und hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass das Lesen in Anstrengung ausartet. Es kam auch keine Langeweile auf, was ich mir dadurch erkläre, dass Broeckhoven nicht zu sehr ins Detail geht, sondern sich auf das Wesentliche konzentriert.
Nüchtern oder gar kalt wirkt der Roman dadurch nicht, da das Thema an sich sehr behutsam behandelt wird. Es wird einem warm beim Lesen und neben einem leichten Schmunzeln findet man auch ein wenig Sentimentalität, allerdings ohne dass sich das Erzählte in Kitsch verwandelt. „Stimmungsvoll“ ist eines der Wörter, die mir dazu einfallen, aber auch „schlicht“ und „bescheiden“. Ein schwieriges Thema wird in aller Einfachheit, aber mit Gefühl unter die Lupe genommen.

~ Ein ruhiger Abschied ~

Wie reagiert man, wenn der Partner, mit dem man seit 50 Jahren verheiratet ist, plötzlich tot auf dem Sofa sitzt?
Ich wäre im ersten Moment fassungslos, vor allen Dingen ratlos und auch etwas panisch. Es kann nicht sein, dass er tot ist! Ein Griff zum Handgelenk, meine Wange an seinem Gesicht… Kein Lebenszeichen! Sofern ich halbwegs klar wäre, würde ich dann wohl den Notarzt verständigen.
Ich denke, genau diese Reaktionen könnte man bei, na, sagen wir 90 % der Menschen finden.
Doch Alice ist da anders.
Zunächst einmal merkt sie überhaupt nicht, dass Jules tot ist. Dann, als er auch nach mehrmaligem Schütteln keine Reaktion zeigt, ist sie fassungslos. Eine sehr stille Fassungslosigkeit. Sie denkt darüber nach, wie es ist zurückzubleiben, wenn andere aus dem Leben scheiden, registriert aber nicht, dass sie selbst eine Hinterbliebene ist. Eine Weile hängt sie neben dem leblosen Körper ihren Gedanken nach, bis ihr einfällt, dass bald der autistische Nachbarsjunge David zum Schachspielen vorbei kommt – so wie jeden Morgen.
Eigentlich ist fast alles so wie jeden Morgen. Jules hat Kaffee gemacht, das Frühstück steht bereit und David kommt pünktlich zu der Wohnung des alten Ehepaares. Nur eins hat sich geändert: Wenn sich Alice an die Schulter ihres Mannes lehnt, spürt sie wie die zunehmende Kälte auf ihren Körper übergeht. Für eine kurze Weile muss sie weinen, jedoch nicht lang, da David ihre Aufmerksamkeit erfordert. Der Junge ist zwar anders, aber nicht dumm und merkt sehr schnell, was eigentlich los ist. Wie ein Verbündeter teilt er dieses Geheimnis mit Alice, die noch einen Tag der Ruhe braucht, um langsam Abschied zu nehmen und Jules all das zu sagen, was sie vorher nie aussprechen konnte.
Während Jules schweigt, beichtet Alice und der Leser verfolgt das Geschehen mit dem Gefühl, in die Intimsphäre der Zweisamkeit einzutauchen. Dabei geht es nicht um Momente der Spannung oder große Dramen. Es geht um den Umgang mit dem Tod, darum, wie lange es manchmal dauert, bis man Tatsachen realisieren und vor allen Dingen akzeptieren kann. Die Einhaltung von Ritualen spielt dabei eine große Rolle, genauso jedoch das Sich-Widersetzen. Man braucht ein wenig Hilfe von außen, jemanden der im ersten Moment Halt gibt. Für Alice ist das David. Durch seinen Autismus braucht er die Einhaltung von festen Zeiten und Regeln, sonst wird er nervös und bekommt Anfälle. So ähnlich war es früher auch mit Jules.
Die Schwerpunkte bezüglich der Charaktere sind gut gewählt. Zuerst geht es um Alice, dann um Jules. Daraufhin wird die gemeinsame Geschichte der beiden erzählt und nach und nach mischt sich die Figur David in die Handlung ein, bis der tote Körper von Jules letztlich nicht mehr als eine leere Hülle ist. Der Abschied ist vollzogen. Ein neuer Tag beginnt und mit ihm auch ein neuer Abschnitt in Alices Leben, denn das ihre muss weitergehen. Ohne Jules.

Wer erwartet, dass dieses Büchlein eine Art Lebenshilfe ist, der liegt falsch. Letztlich ist es nur ein Roman, eine erfundene Geschichte. Jedoch zeigt sie, dass es auch andere Arten gibt, mit dem Tod eines geliebten Menschen fertig zu werden. Sicher, im Großen und Ganzen erscheint der Gedanke, dass man noch einen ganzen Tag mit dem Toten in der gemeinsamen Wohnung verbringt etwas erschreckend und abstoßend, aber auch utopisch schön. Denn wenn man mal darüber nachdenkt: Wie viel Zeit nimmt man sich gewöhnlich zum Abschied nehmen? Der Notarzt wird verständigt, plötzlich ist alles unruhig und tausend Menschen scharen sich um einen. Den letzten Blick auf den Partner bekommt man nur noch in einer kalten, fremden Friedhofskapelle.
Ich muss sagen, dass ich die Umgangsweise in dem vorliegenden Roman nicht abschreckend finde. Ja, irgendwie gefällt sie mir sogar. Man hat Zeit, kann sich noch mal für einen Moment anlehnen und reden, auch wenn keine Antwort mehr zurückkommt. Aber das Wichtigste: Man kann wirklich Abschied nehmen und ich denke, diese Form trägt wesentlich mehr zur Verarbeitung bei, als tausend fremde Menschen, die sofort in die Privatsphäre eindringen.
Dass sich diese Vorgehensweise natürlich nicht gut umsetzen lässt, liegt auf der Hand. Aber ein schöner Gedanke ist es trotzdem.

~ Fazit ~

Der Tod ist für viele ein schwieriges Thema. Oft auch eines, wovor man Angst hat. Doch in diesem kleinen Büchlein wird einem gezeigt, dass Abschied nehmen auch auf behutsame, fast schon schöne Weise ablaufen kann. Alice verbringt einen Tag mit ihrem toten Mann Jules und ist danach fähig, loszulassen. Sie akzeptiert seine Abwesenheit und bringt den Mut auf, weiterzumachen.
Das Erzählte ist schlicht geschrieben und liest sich dadurch sehr leicht. Die Konzentration der Autorin liegt auf dem Wesentlichen und sie versteht es, dass man sich trotz der einfachen Worte gut in das Geschehen einfinden kann. Man hat das Gefühl, als dürfe man für einen Moment in die Zweisamkeit des alten Ehepaares eintauchen und wird zudem kurzweilig unterhalten und zum Nachdenken angeregt.
Wer Spannung sucht, wird nicht fündig werden. Außerdem könnte das Geschriebene manchen Lesern etwas zu sentimental vorkommen.
Mir hat das Büchlein jedoch gefallen.

© Ada Mitsou

96 Seiten / 6,95 € ~ Rowohlt (1. Februar 2006) ~ ISBN: 3499241552

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