Schlagwörter

, ,

„…trrreten Sie näher, meine Damen und Herren, trrreten Sie näher!“

So beginnt das erste Kapitel von Erik Fosnes Hansens Roman „Das Löwenmädchen“. Auf dem darin beworbenen Jahrmarkt gibt es allerlei Kurioses zu bestaunen: Den größten Mann der Welt, einen Hottentottenkönig samt Gattin sowie eine Wolfsfrau. Von Löwen ist die Rede, aber auch von Jesus und einer Kindszeugung in der Wüste.
Was zunächst etwas wirr erscheint, dient dem Roman als eine Art Vorspiel. Das Kapitel „Marktgeschrei“ bildet den Auftakt zu einer Geschichte, die gleichermaßen fasziniert und berührt: Evas Geschichte. Und eben jenes Mädchen fordert den Leser auf: Tritt näher und schau mich an!
Doch wer ist diese Eva?
Das Löwenmädchen
An einem kalten Winterabend im Jahr 1913 wird Eva Arctander in einem norwegischen Provinzdorf geboren. Der gewissenhafte Arzt Levin und die etwas schroffe Apothekerin Birgerson staunen nicht schlecht, als sie das kleine Mädchen betrachten: Es ist über und über mit einer feinen, seidenartigen Schicht blonder Haare bedeckt. Lediglich die Handflächen und Fußsohlen sind glatt wie die eines Babys. Obwohl die Anwesenden schockiert sind, muss der Schreck schnell den komplizierten Umständen weichen: Evas Mutter ist bei der Geburt gestorben und Evas Vater, disziplinierter Stationsmeister, ist nicht in der Lage, sich um das kleine, missgestaltete Wesen zu kümmern.
Erst als sich die Amme Hanna für das Kind findet, kehrt so etwas wie Alltag ins Leben der Arctanders ein, allerdings verbringt Eva ihre Tage hinter verschlossenen Türen. Ihr Vater schämt sich zu sehr, als dass er sie den Augen der Öffentlichkeit preisgeben möchte und so fehlt es – abgesehen von Hanna – an den notwendigen sozialen Kontakten.
Erst mit dem Eintritt in die Schule verändert sich Evas Leben. Sie lernt zu lieben, aber auch zu leiden, findet Freunde und Feinde und versucht schließlich aus ihrem gesellschaftlichen Gefängnis auszubrechen…

~ Die Thematik ~

Der norwegische Literaturpreisträger und Bestsellerautor Erik Fosnes Hansen („Choral am Ende der Reise“) greift mit seinem neuesten Roman eine Krankheit auf, die nicht unbekannt ist, aber doch selten vorkommt. Seit dem Mittelalter gibt es nur ungefähr 50 bekannte Fälle der Hypertrichose, einem Gendefekt, wodurch der menschliche Körper bis auf wenige Stellen über und über mit Haaren bewachsen ist. Einer dieser Fälle, der Spanier Pedro Gonzales, trat bereits im 16. Jahrhundert an die Öffentlichkeit. Als Junge wurde er an den Pariser Hof geholt, wo er unterrichtet und als menschliche Kuriosität zur Schau gestellt wurde. Es folgten im 19. Jahrhundert Julia Pastrana, genannt „die Affenfrau“, und Stephan Bibrowsky, besser bekannt als „Lionel, der Löwenmensch“. Die beiden letzteren machten sich ihr ungewöhnliches Erscheinungsbild zunutze und verdienten ihren Lebensunterhalt als Zirkusattraktionen.
Lionel, der Löwenmensch
Auch heute kann man hin und wieder in den Zeitungen von so genannten „Wolfskindern“ lesen und trotz dass unsere Gesellschaft offener und toleranter als in den vergangenen Jahrhunderten ist, haben alle Betroffenen etwas gemeinsam: Sie sind – genau wie Eva – Außenseiter der Gesellschaft. Sie werden verspottet und begafft, fasziniert unter die Lupe genommen und auf menschenunwürdige Art mit Tieren verglichen.

~ Zum Stil ~

Hansen verdeutlicht diesen Spießrutenlauf anhand von Evas Leben, wobei sich der Autor verschiedener Erzählperspektiven bedient.
Werden im ersten Teil die Geburt, die Dorfbewohner und die Arbeit des Stationsmeisters sehr episch und fast märchengleich beschrieben, so reduziert der Autor die Sprache im zweiten Teil auf das Wesentliche. Es scheint, als habe er den Erzählstil dem Innenleben Evas angepasst. Zwar kommt das Mädchen nicht selbst zu Wort, doch der Leser merkt, dass er hier die Welt mit Evas Augen sieht. Die Sätze sind kürzer und klarer als zuvor, Gefühle können erahnt werden. Kurz: Der Abstand zu den Geschehnissen wird geringer und der Leser betrachtet Eva nicht länger nur von außen, sondern auch von innen. Er spürt die Einsamkeit in dem Alltag des Mädchens, begreift, dass hinter all diesen Haaren etwas sehr Zerbrechliches steckt und es sich letztlich nicht um ein merkwürdiges Ding, sondern um einen Menschen handelt.
Erst im dritten Teil setzt sich Hansens Protagonistin durch und schildert die Erlebnisse aus der Ich-Perspektive. Dabei wird schnell klar, was Evas soziale Misshandlung in der Kindheit angerichtet hat: Zynisch ist das Mädchen geworden und bisweilen sehr abgeklärt, auch wenn der Leser hin und wieder einen Blick auf die typische Unsicherheit einer Pubertierenden erhaschen kann. Eva entdeckt, was Freundschaft bedeutet, beginnt mit ihrer Sexualität zu spielen und versucht, sich dem auferlegten Versteckspiel zu entziehen. Nichtsdestotrotz bleibt ihr Dasein ein Spießrutenlauf, gespickt von den kleinen Grausamkeiten ihrer Mitmenschen.

~ Fazit ~

Alles in allem ist „Das Löwenmädchen“ ein Roman, der mich in eine wundersame Welt entführt hat. Ich konnte mich der Faszination von Evas Andersartigkeit nicht entziehen, habe die Einsamkeit des eingeschlossenen Kindes gefühlt und innerlich gelächelt, wenn sie ganz besondere Freunde fand. Ihre Realitätsfluchten in ausgedachte Welten ließen mich staunen, ihr Drang nach Freiheit unterstützend mit dem Kopf nicken.
Als Leser fühlt man mit und fragt sich zugleich, ob man selbst nicht vielleicht auch starren würde. Das Fremdartige verleitet schnell dazu, weil man nicht weiß, was dahinter steckt, doch durch Hansens Erzählstil bekommt man diesen besonderen Einblick und der kann bisweilen sehr traurig, aber eben auch (be-)rührend und menschlich sein.
„Das Löwenmädchen“ ist ein gelungenes Plädoyer für den Blick hinter die Maske, jedoch ohne dabei auf Mitleid zu pochen. Also: „Trrreten Sie näher, meine Damen und Herren, trrreten Sie näher…“ und lesen Sie die ungewöhnliche Geschichte eines Mädchens, das der Welt die Stirn bietet.

© Ada Mitsou

395 Seiten / 9,95 € ~ Fischer (5. August 2009) ~ ISBN: 3596180899

Advertisements