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Schon immer habe ich mich gerne mit Büchern befasst, die während oder nach dem Zweiten Weltkrieg spielen. Ein Werk aus der Thematik ist „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne. Der Autor studierte Englische Literatur in Dublin und verfasste mehrere Romane und Kurzgeschichten. Der Durchbruch gelang dem 37-Jährigen jedoch erst mit dem vorliegenden Buch, welches 2007 auch verfilmt wurde.

Der kleine Bruno ist neun Jahre alt, als er eines Tages von der Schule nach Hause kommt und das Hausmädchen beim Packen vorfindet. Empört sucht er seine Mutter auf, die ihm erklärt, dass der Führer Brunos Vater befördert hat und deswegen die ganze Familie von Berlin wegziehen muss. Das Ziel heißt Auschwitz.
Rein materialistisch betrachtet fehlt es dem Jungen dort an nichts: Die vierköpfige Familie hat ein großes Haus, eine Hand voll Angestellter und jede Menge Freizeit. Doch Bruno vermisst seine Freunde. Er ist einsam in der neuen Heimat und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als alleine auf Entdeckungstour zu gehen.
Zunächst einmal gibt es da diesen großen Stacheldrahtzaun, hinter dem zusammengepfercht viele Menschen leben, die alle einen gestreiften Pyjama anhaben. Von der Neugier getrieben wandert der Junge eines Tages an diesem Zaun entlang und findet in einer einsamen Ecke einen Jungen im gleichen Alter. Schmuel heißt er und sieht immer sehr traurig aus.
Die Kinder freunden sich an, obwohl sie nie gemeinsam auf einer Seite des Zauns spielen können…

~ Zum Schreibstil ~

Das Buch ist aus der Sicht des kleinen Brunos geschrieben. Obwohl der Autor nicht die Ich-Form benutzt, merkt man dem Geschriebenen deutlich an, dass da ein Kind die Geschichte erzählt. Die Sätze sind einfach gehalten und leicht zu verstehen, sodass man die fast 300 Seiten schnell durchgelesen hat. In diesem Sinne handelt es sich also um leichte Lektüre. Doch wie sieht es mit dem Inhalt aus?

~ Die Thematik ~

Zunächst einmal halte ich es für eine originelle Idee die Holocaust-Geschehnisse aus der Sicht eines Kindes zu erzählen. Man bekommt die Möglichkeit, in eine andere, weniger ernste und vielleicht auch unvoreingenommenere Perspektive zu schlüpfen.
Bruno ist ein Kind und somit unerfahren, neugierig, manchmal auch etwas trotzig und naiv. Der Führer heißt bei ihm „Furor“ und Auschwitz wird zu „Aus-Wisch“. Zum einen kann man das seinem kindlichen Verständnis zuschreiben, zum anderen vielleicht auch als bewusst gewähltes Stilmittel des Autors ansehen.
Der Führer kommt bei Brunos Familie zu Besuch und wirft damit die Welt des Jungen durcheinander – er sorgt also auf gewisse Weise für Aufsehen (Furore). Auschwitz war das größte Vernichtungslager in der NS-Zeit, tausende von Menschenleben wurden dort sinnlos weg- oder auch ausgewischt. Brunos Begriffsverständnis ist also gar nicht so weit hergeholt.
Doch genau in diesen Abänderungen liegt meines Erachtens eines der größten Probleme des Werkes.

Offiziell gehört das Buch in die Kategorie „Jugendbuch“. Die Altersempfehlung liegt bei 13 Jahren aufwärts. Mir stellt sich somit die Frage, ob Kinder oder Jugendliche überhaupt wirklich verstehen können, worum es geht, wenn keine einzige Tatsache beim Namen genannt wird. Das Wort Auschwitz wird kein einziges Mal erwähnt, selbst dann nicht als Brunos Schwester ihren kleinen Bruder belehrt, wie der Ort richtig heißt. Statt des Namens findet man drei Pünktchen. Von Brunos Vater erfährt man nur, dass er Soldat oder Kommandant ist und bereits im Ersten Weltkrieg gedient hat. Ebenso fällt das Wort Jude im Ganzen nur zwei- bis dreimal.

In einigen Rezensionen wurde „Der Junge im gestreiften Pyjama“ hoch gelobt und als Einstiegsliteratur in die Thematik empfohlen. Ich habe versucht mich beim Lesen in die Position eines Kindes zu versetzen und bin zu dem Entschluss gekommen: Wie soll ich Fragen stellen, wenn ich nicht weiß, wonach ich überhaupt fragen soll?
Durch die konstante Vermeidung der Aussprache von Tatsachen wird dem Leser zwar vermittelt, wie wenig von den Grausamkeiten zu Bruno durchgedrungen ist, andererseits wird der Inhalt dadurch zu einer bloßen Geschichte eines kleinen Jungen und seiner Familie herabgesetzt.
Ich wünsche nicht, dass Kinder durch ein Jugendbuch in Angst und Schrecken versetzt werden, jedoch finde ich, dass man grade in diesem Genre mit dieser Thematik als Autor eine große Verantwortung hat und zur Aufklärung beitragen sollte. Dem entgegen bleibt jedoch alles unausgesprochen und das Ende, das im übrigen sehr schnell herbeigezogen wird, lässt sinngemäß verlauten, dass solch furchtbare Geschehnisse in unserem Zeitalter nicht mehr vorkommen können.
Erwachsene, die den geschichtlichen Hintergrund kennen, können in diesen letzten Zeilen eine versteckte Warnung und einen Funken Ironie erkennen. Die Frage ist nur, ob Kinder, die mit dem Thema noch nicht oder kaum in Berührung gekommen sind, dies auch können oder durch diese Schlussfolgerung zu blauäugig an die Sache herangehen.

Ein weiterer Pluspunkt, den so mancher Rezensent dem Buch zuschrieb, war, dass es sehr bewegend sei. Viele Leser mussten Schlucken oder haben gar geweint. Als Erwachsene kann ich dem zustimmen. Jedoch rührte mich nicht so sehr das Geschriebene, sondern vielmehr die Bilder und das Wissen über die Konzentrationslager, die ich beim Lesen vor Augen hatte. Das Buch ist also bewegend, weil man genau weiß, was wirklich hinter Brunos kindlichen Beobachtungen steckt und dass man daran nichts Aufregendes oder Heiteres finden kann.

~ Fazit ~

Für mich hat „Der Junge im gestreiften Pyjama“ als Kinder- oder Jugendbuch eindeutig zu wenig Gehalt. Es fehlt an kindgerechter Aufklärung und an den Stellen, wo diese durchaus möglich gewesen wäre, wechselt der Autor das Thema und richtet den Blick auf vollkommen banale Ereignisse.
Das Potential, das in der Thematik steckt, wurde nicht ausgeschöpft, die Tatsachen fast vollkommen verschwiegen und somit auf gewisse Weise sogar verharmlost.
Ich bin mir nicht sicher, ob kindliche Leser das genauso sehen, kann mir jedoch vorstellen, dass es für sie bloß eine spannende, traurige Geschichte sein könnte ohne besonderen Hintergrund.
Als Einstiegslektüre empfehle ich dieses Buch also nur, wenn es gemeinsam mit den Eltern gelesen oder bearbeitet wird. Jugendlichen mit Grundkenntnissen wird jedoch eine interessante Perspektive angeboten.

Erwachsene Leser werden aus dem Buch mehr herausziehen können, da mit dem entsprechenden geschichtlichen Wissen und den erschütternden Bildern im Kopf ein starker Kontrast zwischen kindlicher Unschuld und brutaler Grausamkeit entsteht. Der Verlauf der Geschichte wird in jedem Fall erschüttern und bewegen.
Auf einer Skala von 1 bis 5 Sternen bekommt das Buch von mir drei. Wichtig ist, wer es liest.

Altersempfehlung: ab 12 Jahren

© Ada Mitsou

272 Seiten / 7,95 € ~ Fischer  (6. Februar 2009) ~ ISBN: 3596806836

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