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Wendy kann es kaum glauben: Mitten in der Nacht sitzt ein fremder Junge in ihrem Kinderzimmer und weint bitterlich! Sein Schatten wurde abgerissen und nun schafft er es einfach nicht mehr, ihn an seinem Körper zu befestigen. Wendy näht ihn kurzerhand wieder an und schon fliegt der Junge vergnügt durch den Raum, als wäre nie etwas gewesen.
Er heißt Peter Pan und kommt von einer rätselhaften Insel namens Nimmerland. Dort warten die Verlorenen Jungen auf ihn, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine Mutter. Wendy scheint für diese Rolle bestens geeignet zu sein und nach einem kurzen Flugunterricht macht sie sich zusammen mit Peter und ihren zwei Brüdern John und Michael auf die Reise. Auf der Insel erwarten sie jedoch nicht nur kleine Jungen und niedliche Elfen, sondern auch der schaurige Pirat Hook, mit dem Peter seit langem auf Kriegsfuß steht. Ein schrecklich spannendes Abenteuer beginnt…

Film vs. Buch

Peter Pan gehört wohl zu den bekanntesten Kinderbuchfiguren der Welt. Bereits seit über hundert Jahren existiert der Junge, der niemals erwachsen werden wollte, auf dem Papier. Trotzdem kennen ihn die meisten von uns nur aus unzähligen Verfilmungen – angefangen bei Disneys Zeichentrickklassiker aus dem Jahr 1953 über Hook, einem Realfilm von 1991, der eigentlich eine Fortsetzung der Ursprungsgeschichte ist bis hin zu einer Neuverfilmung aus dem Jahr 2003, die mit dem Titel Bestes Familiendrama ausgezeichnet wurde.
Eins haben alle diese Filme gemeinsam: Sie können dem Original nicht wirklich gerecht werden. Figuren werden dazugedichtet, Szenen weggelassen oder schlichtweg umgeschrieben.
Dabei ist es eigentlich ein Vergnügen, den geschriebenen Worten des schottischen Schriftstellers James M. Barrie zu folgen.

Eine eigene Welt

Der Autor hat mit Nimmerland eine Welt erschaffen, in denen die Regeln der Wirklichkeit nicht gelten. Zwar folgt alles einem geregelten Gang, doch nichts ist so, wie der Leser es kennt. Die Verlorenen Jungen wohnen in einer Erdhöhle, Indianer jagen Piraten und wenn es mal kein Essen gibt, dann tut man eben so, als hätte man den Teller voll. In der Luft schwirren leuchtende Elfen, Meerjungfrauen bewohnen eine Lagune und Kinder können fliegen. Eigentlich ist alles erlaubt, nur eines nicht: Erwachsen werden! Peter sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen, ignoriert die Existenz der Erwachsenen und konzentriert sich lieber auf den ungeheuren Spaß, den man in Nimmerland haben kann.
Wendy hingegen sieht das anders: Sie freut sich zwar darüber, in die Mutterrolle schlüpfen zu können, doch sie vergisst nie, wo ihr Zuhause ist. Für sie ist Nimmerland ein großes, lustiges Spiel, das irgendwann mal ein Ende haben muss.

Barrie, der Kinderhasser?

Genau in dieser Gegensätzlichkeit liegt der Kern der Geschichte. Wendy weiß, dass das Erwachsenwerden zum Leben dazu gehört, Peter jedoch hat Angst davor. Beide Alterstufen bergen Schwierigkeiten in sich.
Barrie spielt hier mit Ironie und Überzeichnung. Erwachsene haben keine Phantasie und sind abgestumpft. Kinder sind unschuldig, aber auch egoistisch, weil sie ihre unmittelbaren Bedürfnisse ungeachtet der Konsequenzen befriedigen wollen. Diese Aussage führt natürlich bei dem einen oder anderen Leser zu einem empörten Aufschrei. Barrie oute sich mit Peter Pan als Kinderhasser, er bezeichne die kleinen Menschen als herzlos und egozentrisch.
Dazu sei gesagt, dass ich den Autor nicht für kinderfeindlich halte. Vielleicht ist seine Wortwahl hier und da etwas schroff, doch letztlich neigen Kinder dazu, im Hier und Jetzt zu leben. Sie probieren Dinge aus, sind neugierig auf Unbekanntes und denken dabei nicht an die Zukunft. Wendy z.B. ließ sich von Peter verführen in eine aufregende, neue Welt aufzubrechen, ungeachtet der Sorge, die ihre Eltern dabei empfinden könnten. Barrie nennt dieses Verhalten herzlos, andere sagen vielleicht unbedacht dazu, doch die vorliegende Bedeutung ist dieselbe.
Außerdem möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass Barrie alle Rechte an Peter Pan einem Londoner Kinderkrankenhaus vermacht hat.

Rollenklischees

Nicht nur die Wortwahl, sondern auch die im Buch aufgeführten Rollenklischees werden von manchem Leser angeprangert. Wendys Lebensinhalt sei zu sehr auf das Muttersein fokussiert. Der Autor vermittle damit den Eindruck, dass Frauen zuhause an den Herd gehören und sich um die Kinder zu kümmern haben.
Diese Sichtweise lässt sich nicht leugnen. Tatsächlich sind die Rollen in dem Kinderbuch klar vergeben: Wendys Mutter ist zuhause, stopft Socken und sieht hübsch aus. Wendys Vater hingegen fordert Respekt ein und geht arbeiten.
Diese Einstellung ist in der heutigen Zeit weitestgehend veraltet, jedoch erschien Peter Pan im Viktorianischen Zeitalter, in dem es durchaus noch üblich war, dass Frauen ihren Platz in der Ehe finden sollten, während die Männer ihre beruflichen Ziele anstreben durften.
Das rechtfertigt die Rollenklischees in dem Buch nicht, erklärt aber deren Ursprung.

Fazit

Alles in allem bin ich wirklich froh, Peter Pan in schriftlicher Form kennen gelernt zu haben. Die Filme weichen doch sehr vom Original ab, verklären vieles und können dem Fantasiereichtum des Autors nicht immer gerecht werden. Dessen Einfälle sind wirklich zauberhaft, die Figuren allesamt detailliert gezeichnet und die Erlebnisse der Kinder abenteuerlich. Sowohl Mädchen als auch Jungen werden ihren Spaß an der Geschichte haben und nicht zuletzt sicher auch der ein oder andere Erwachsene.
Die vorliegende Neuübersetzung liest sich sehr gut und entspricht der Originalfassung, weshalb ich sie durchaus empfehlen kann.
Ein Klassiker, der in keiner Bibliothek fehlen sollte!

Altersempfehlung: ab 8 Jahren

© Ada Mitsou

213 Seiten / 7 € ~ Insel (12. August 2009) ~ ISBN: 3458351345

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