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Pablo Neruda wurde 1904 in Parral in Chile geboren und starb 1973 an einem Krebsleiden. Er war Schriftsteller und Dichter und erhielt 1971 den Nobelpreis für Literatur. In seinem Leben setzte er sich vor allem gegen den Faschismus in Spanien und seinem Heimatland ein und baute diese politischen Themen auch in seine Gedichte ein. Seine Schaffensphase lässt sich dabei in drei Phasen unterteilen: Die frühe Dichtung befasst sich mit der Innerlichkeit, die darauf folgende mit politischen Versen bezüglich des Spanischen Bürgerkriegs und die letzte mit der existentiellen Bestimmung des Einzelnen in der heutigen Zeit. Sein Stil liegt dabei irgendwo zwischen Modernismus und avantgardistischem Experiment, wobei es sich stets um eine reine, sinnliche und aufrichtige Sprache handelt.
Die vorliegenden Werke beziehen sich überwiegend auf Nerudas Jugend und die damit verbundene Leidenschaft von Gefühlen, aber auch auf die Reife des Alters.

Neruda hat sich zwar auch mit politischen Gedichten befasst, doch wie der Titel des Buches schon sagt, handelt es sich hier um Liebesgedichte. Es geht um die Zuneigung, die ein Mann für eine Frau empfinden kann, aber auch um rasende Eifersucht oder den Schmerz der Verzweiflung. Immer wieder findet man dabei den Bezug zu Nerudas Heimatland Chile in Form von Landschaftsbeschreibungen oder Naturmetaphern. Da er diese jedoch meist mit viel Wärme oder Geborgenheit einbringt, lassen sie sich gut mit dem Thema Liebe kombinieren – auch wenn man sich bezüglich der chilenischen Landschaft nicht auskennt.
In Nerudas Gedichten ist von Frauen und Meeren, von Hügeln, Wein und Vögeln die Rede. Die Wortwahl ist dabei meist sehr umgangssprachlich und wirkt sehr natürlich, je nach Thema auch nüchtern und roh oder sanft und warm. Vulgär und obszön wird der Dichter jedoch nie.

Die Gedichte

Der Gedichtband umfasst folgende Werke des Dichters:

20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung (1924)
Neruda schrieb diese Gedichte mit Anfang 20, was man ihnen inhaltlich auch anmerkt. Sie sind voll von Sinnlichkeit und Leidenschaft und tragen eine für damalige (chilenische) Verhältnisse ungewohnte Erotik in sich. Diese lässt sich jedoch kaum als Pornographie bezeichnen. Vielmehr geht es um spielerisch zusammen gewobene Metaphern, die sich meist auf die Natur beziehen (den Körper einer Frau umschrieben mit einer Landschaft aus Hügeln) oder auch um schlichte Aussagen wie „weiße Schenkel“. Die Ausdrucksweise ist dabei sehr einfach und umgangssprachlich, birgt jedoch einen sehr sanften, zarten Umgang mit Worten in sich. Sowohl die Leichtigkeit der Liebe als auch den Schmerz der Verzweiflung beschreibt Neruda sehr eingängig, wobei sich wilde Eifersucht und zarte Liebesbekundungen abwechseln.

Der rasende Schleuderer (1933)
„Der rasende Schleuderer“ gehört zu einem Schreibzyklus, in dem sich Neruda vorwiegend von dem uruguayischen Dichter Carlos Sabat Ercasty inspieren ließ, d.h. seine Gedichte erinnern mit ihrer Tonart sehr an dessen Gedichte, weshalb der Autor sie zuerst nicht veröffentlichen wollte. Da er sie jedoch als Teil seiner Jugend betrachtet, fanden sie schließlich doch den Weg zur Öffentlichkeit. Viele von ihnen sind unvollständig, bilden aber trotzdem in ihrer Einteilung jedes für sich ein Ganzes. Diese Verse sind in meinen Augen etwas schwerer zu verstehen, da Neruda sehr viele Metaphern benutzt, die aufeinander aufbauen und sich so schwer deuten lassen. Auch hier findet man Bilder aus der Natur, aber auch den Einsatz von Gebäuden oder Gegenständen (so z.B. Wände und Kreuze). Nicht selten wird auch die direkte Anrede eingesetzt, bevorzugt da, wenn das lyrische Ich mit seiner Liebsten redet. Diese Verse lassen sich meist leichter verstehen und beinhalten eine Poesie, die für jeden zugänglich sein dürfte.

Während in Nerudas anderen Werken meist eine Linie zu verfolgen ist (das Begehren und die Leidenschaft), so fehlt diese bei „Der rasende Schleuderer“. Die Schwerpunkte liegen zwar ähnlich, sind jedoch in Form der Aneinanderreihung der einzelnen Gedichte unterbrochen. Spricht er in dem einen noch von der Liebe zu einer Frau, dreht sich im nächsten alles monologartig um die Verzweiflung einer seelischen Gefangenschaft.
In meinen Augen ist dieser Part des Buches der verworrenste, nichts desto trotz aber auch ein sehr interessanter, dem man allerdings etwas mehr Aufmerksamkeit schenken muss, um ihn für sich deuten zu können.

Die Verse des Kapitäns (1953)
Wie man den Jahreszahlen entnehmen kann, liegen zwischen den ersten beiden Werken und dem vorliegenden ungefähr 20 Jahre. Die Leidenschaft der Jugend und deren kurzlebige Beziehungen sind gewichen und schlagen in eine erfülltere, romanzenartige Liebe um. Dabei wurde der Titel „Verse eines Kapitäns“ nicht umsonst gewählt, da man immer wieder eine tiefe Sehnsucht und den Wunsch nach Hause zu kommen spüren kann. Es geht nicht um die Befriedigung spontaner Wünsche, sondern um die Suche nach intensiver Geborgen- und Verbundenheit.

In meinen Augen machen diese Verse den schönsten Teil des Buches aus, da sie sehr ausgereift und rund erscheinen, ohne dabei allzu konstruiert zu wirken. Vielmehr ranken sich die Worte zart umeinander und bringen dabei eine Sehnsucht zum Ausdruck, die bestimmt jeder schon mal gefühlt hat, aber nicht immer in Worte fassen konnte. Neruda versteht genau dieses Zu-Papier-Bringen sehr gut. Zwar benutzt er wieder die berühmten Naturmetaphern, reiht diese jedoch in einer sehr einfachen, verständlichen Sprache aneinander, sodass der Leser keineswegs überfordert wird.
Die Gedichte lassen sich sowohl schlichtweg einfach nur lesen, aber auch mit einer tieferen Bedeutung in Verbindung bringen, d.h. man hat die Wahl, ob man sich intensiver mit ihnen befassen möchte oder nicht. Verstehen kann man sie auf beide Arten.

Spanisch-deutsch

In allen drei Werken findet man meiner Meinung nach nur wenig Kitsch. Grade weil die Sprache so einfach ist, lesen sich die Gedichte nicht so geschwollen, wie man es von anderen Liebesgedichten kennt. Natürlich setzt die Grenze zum Kitsch jeder anders, ich selbst würde mich jedoch nicht als besonders kitschig-veranlagten Leser bezeichnen und finde Gefallen an Nerudas Gedichten.

Die vorliegende Ausgabe umfasst ungefähr 221 Seiten, wobei eine Seite jeweils auf Spanisch und die andere in deutscher Übersetzung vorliegt. Ich verstehe zwar kein Spanisch, kann durch die zeilengetreue Übersetzung jedoch schnell nachvollziehen, was die Worte bedeuten und wie der Autor sie in der Originalsprache angeordnet hat. Ebenso werden die Reimformen deutlich, die durch die Übersetzung ins Deutsche wegfallen.
Für diejenigen, die Spanisch verstehen können oder für Leser, die die Gedichte in der Originalsprache interessieren, kann die Ausgabe also durchaus interessant und hilfreich sein.

Fazit

Wer gerne Liebesgedichte liest, die Anspruch haben und nicht zum Kitsch neigen, wird an diesem Buch wahrscheinlich seine Freude haben. Die Sprache, die Neruda gebraucht, ist leicht verständlich und bisweilen umgangssprachlich. Die Spannbreite der Themen bezieht sich auf die Liebe und damit verbundene Gefühle wie Zuneigung, Eifersucht und Verzweiflung. Diese bringt Neruda oft mit einem Hauch von Erotik rüber, ohne dabei jedoch obszön oder vulgär zu werden. Ist der Schlussteil des Buches („Der rasende Schleuderer“) etwas verworren, so lassen sich die anderen beiden Teile jedoch leicht lesen und auch verstehen, wobei man die Wahl hat, ob man sich intensiver damit beschäftigen möchte oder sie lieber nur zur Unterhaltung liest.

Bezeichnend für Nerudas Gedichte ist der Einsatz von Naturmetaphern, die sich auf sein Heimatland Chile beziehen und dazu beitragen, sich das Innenleben des lyrischen Ichs gut vorstellen zu können.
Ich persönlich bin zwar kein großer Fan von Gedichten, zähle dieses Buch jedoch aufgrund der tiefgreifenden, sinnlichen Art zu meinen liebsten, weshalb ich alles in allem 4 Sterne vergebe.

© Ada Mitsou

240 Seiten / 10 € ~ Sammlung Luchterhand (1. November 2002) ~ ISBN: 363062040X
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