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Das Leben ist manchmal wie ein Seiltanz: Ein Schritt daneben und alles ist aus; eine Windböe und wir kommen ins Wanken. Unter solchen Umständen ist es gar nicht leicht, die Balance zu halten.
Der irische Schriftsteller Colum McCann beschreibt in seinem neuesten Werk „Die große Welt“ eben jenen Drahtseilakt, den wir hin und wieder in unserem Leben tanzen müssen – die einen meistern jeden Schritt mit Leichtigkeit, andere kommen ins Straucheln, verlieren den Halt und müssen sich mühsam am Leben festhalten. Doch eins haben sie alle gemeinsam: Die Menschlichkeit.

Der Seiltanz beginnt…

New York in den 70er Jahren: Einige Passanten bleiben auf dem Bürgersteig stehen und starren in die Luft. Es könnte ein Trick sein. Vielleicht möchte jemand testen, wie schnell man sich dazu verleiten lässt, ebenfalls nach oben zu schauen. Ein kurzer Blick – nein, da ist nichts. Moment! Da! Ein kleiner schwarzer Punkt! Ist das ein Mensch?! Ein Raunen geht durch die Menge. Immer mehr Leute bleiben stehen und starren in den Himmel.
Was sie dort sehen, ist kaum zu glauben: Hoch oben zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers balanciert ein Mann auf einem Drahtseil! Er läuft und hüpft, setzt sich hin und steht wieder auf.
Während diese Attraktion volle Aufmerksamkeit auf sich zieht, richten wir den Blick auf das Geschehen abseits des Spektakels.
Wir wachen in einem kleinen Haus in Irland auf. Leise Klavierklänge erfüllen die Luft. Während hier drinnen alles warm ist, tobt draußen hinter den salzverkrusteten Fenstern das Meer…

Zehn Schicksale, die berühren

Die große Welt beginnt mit der Geschichte der beiden irischen Brüder Corrigan und Ciaran. Während Ciaran ein ruhiges, unauffälliges Kind ist, treibt sich Corrigan schon früh bei den Obdachlosen herum. Er verteilt warme Kleidung und beginnt sich in der Szene wohl zu fühlen. Nach dem Tod der Mutter tritt er einem Orden bei, wandert nach Amerika aus und wird in die Bronx beordert. Ciaran bleibt in Irland, bis er durch eine Autobombe ein Stück von seinem Ohr verliert. Um sich in Sicherheit zu bringen, zieht er kurzerhand zu seinem Bruder in die USA und lernt dort die abstoßende Welt der Huren und Zuhälter kennen. Corrigan kümmert sich um die Frauen und kämpft zugleich für ihre Rechte, bis sich eines Tages ein tragischer Unfall ereignet…

Zur gleichen Zeit lernen wir Claire kennen. Sie ist die Frau eines jüdischen Richters und hat ihren Sohn im Vietnamkrieg verloren. Einmal wöchentlich trifft sie sich mit betroffenen Müttern und redet sich den Kummer von der Seele.
Gloria, eine dieser Gleichgesinnten, ist bekennende Bürgerrechtlerin. Ihre Haut ist dunkel, genau wie die der beiden Huren Tillie und Jazzlyn, um die sich Corrigan ein paar Blocks weiter so aufopferungsvoll kümmert…

Insgesamt erfahren wir die Schicksale von zehn verschiedenen Menschen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund. Sie alle wohnen in New York und jeder hat sein Päckchen zu tragen. Während der Mann im Himmel über das Seil balanciert, gleitet der Leser über das feine Netz, das alle Charaktere miteinander verbindet.

Die Magie der Sprache

Im Grunde kann man McCanns Worten mühelos folgen. Die Wörter reihen sich wohlgeordnet aneinander und der Stil verleitet zum Weiterlesen. Nichtsdestotrotz muss man vorsichtig sein, mit etwas Ruhe und Bedacht lesen, damit man die kleinen Feinheiten nicht überliest. Denn die erzählten Schicksale sind zwar hier und da ergreifend, doch die eigentliche Magie geht von der Sprache aus. Die Beschreibungen erzeugen eine unheimlich dichte Atmosphäre, sodass man mühelos in die unterschiedlichen Lebensstile eintauchen kann. Die Wortwahl passt sich dabei den Lebensumständen an.
Zugleich spürt man hinter den Gedankengängen eine unverfälschte Menschlichkeit mit all ihren emotionalen Facetten: Zuneigung, Verzweiflung, Liebe und Abscheu – eine Gefühlspalette, die den Leser gefangen nimmt.

Schafft er’s oder wird er abstürzen?

Das Leitmotiv, der Seiltänzer, ist für den Roman sehr treffend gewählt. Leben und Tod liegen nah beieinander. Äußere Einflüsse können die Bedingungen erschweren oder gar alles verändern. Wo im einen Moment noch Halt da war, ist im nächsten ein großes Nichts. Den Protagonisten gleiten die Fäden aus den Händen, doch es liegt an ihnen selbst, ob sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen.
McCann schildert diesen Kampf auf sehr eindringliche Art. Er verzichtet auf große Worte, erzeugt jedoch eine große Dichte und Intensität.
Die große Welt ist wie ein Haus voller Fenster, durch die man im Vorbeigehen einen Blick wirft. Manchmal ist man einfach nur neugierig, doch meistens lässt einen das Gesehene gedanklich nicht mehr los.
Und letztlich fragt man sich die ganze Zeit: Schafft er’s oder wird er abstürzen? Eine Frage, die nicht nur den Seiltänzer betrifft…

© Ada Mitsou

537 Seiten / 19,90 € ~ Rowohlt (18. September 2009) ~ ISBN: 3498045113

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