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Vor kurzem habe ich ein Kinderbuch rezensiert, das sich damit beschäftigt, wie es ist, wenn der beste Freund stirbt. Heute geht es um ein Kinderbuch, das davon erzählt, wie es ist, wenn man übrig bleibt.

„Wenn man tot ist, ist man niemand. Dann gibt es einen nur noch in dem, der sich an einen erinnert.“

Allis erinnert sich sehr genau an ihre beste Freundin Ann. Die beiden Mädchen waren unzertrennlich, bis zu dem Tag, an dem etwas Schreckliches passiert ist. Ann wurde überfahren, Allis kam davon. Seitdem ist das Herz der Zehnjährigen eingefroren.

Da ihre Eltern bankrott gegangen sind und nun auf einem Schiff arbeiten, lebt Allis bei ihren Großeltern. Sie geht auf eine neue Schule, in der sie mit niemandem befreundet sein möchte. Nicht mal mit Sikorka, dem polnischen Jungen, der in der Klasse ebenso fremd ist wie sie.
Eines Tages fliegt ein Vogel gegen die Fensterscheibe der Schule. Sikorka möchte ihn retten, doch sein Vater erlaubt kein Tier in dem Bauwagen, in dem sie leben. Allis hilft ihrem Mitschüler, sodass er sich fortan auf dem Dachboden der Großeltern um den Vogel kümmern kann. Doch das heißt noch lange nicht, dass die beiden Kinder miteinander befreundet sind! Allis möchte nie wieder einen Freund haben, Sirkorka braucht keine Freundin und genau diese Verschlossenheit lässt die beiden immer näher aneinander rücken…

Ich habe selten so ein schönes, aber auch melancholisches Kinderbuch gelesen!
Allis ist einsam, das spürt man in jeder Zeile. Anns Tod hat sie erstarren lassen und auch, wenn sie eigentlich nicht alleine sein möchte, kann sie nicht aus ihrer Haut. Sie zieht sich zurück, beobachtet die Welt mit Kinderaugen und stellt ab und zu schüchterne Fragen an ihren Großvater. Als er ihr eines Tages seinen Sender erklärt, fragt sie: „Kann man den Himmel hören? Ich meine, die im Himmel sind, falls sie nun dort sind, hört man sie auch im Radio?“
Und ihr Großvater antwortet: „Die hören nie auf, mit einem zu sprechen. Verstehst du? Sie senden. Sie hören nie auf zu senden.“

Sikorka ist rebellischer als Allis. Er schleicht sich heimlich ins Haus und klaut den Nachbarn Gegenstände, doch alles nur, um es dem Vogel schön zu machen. Der Junge kämpft um das Leben des kleines Tieres, das schließlich auch Allis in seinen Bann ziehen kann.

Gunilla Linn Persson schreibt mit leisen Zwischentönen, auf die man sich einlassen muss. Zu Beginn kann das Geschriebene vielleicht ein wenig verwirren, danach strömt es einen Zauber aus, der einen gefangen nimmt.
„Ama Taram, Allis und Ann“ berührt einen. Man ist traurig, wenn Allis traurig ist, da ihre Gefühle sehr unverfälscht und echt wirken. Manchmal spürt man auch ihren Trotz, doch tief drinnen weiß man, dass in diesem klugen Mädchen etwas zerbrochen ist, als Ann fortging. Umso schöner ist es zu sehen, dass manche Wunden heilen können, genauso  wie der kaputte Flügel von dem kleinen Vogel.

„Ein Schlag für die Trauer, ein Schlag für die Freude, denn das eine ist dicht neben dem anderen.“

Leider gibt es das Buch fast nur noch gebraucht zu erwerben, doch ich empfehle es nicht nur Kindern ausdrücklich, sondern auch Erwachsenen!

Altersempfehlung: ab 12 Jahren

© Ada Mitsou

178 Seiten / gebraucht erhältlich ~ Oetinger (1995) ~ ISBN: 3789145017

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