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Bisher habe ich zwei Bücher der französischen Philosophin, Feministin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir gelesen: Zum einen den ersten Teil ihrer mehrbändigen Autobiografie („Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“), zum anderen „Die Mandarins von Paris“. Von beiden Werken war und bin ich gleichermaßen begeistert. Mit verhältnismäßig einfachen Worten konnte die Schriftstellerin etwas in mir bewegen und mich zum Nachdenken anregen.
Um mich nun weiter in die Schreibweise de Beauvoirs zu vertiefen, habe ich mich für ihren ersten Roman „Sie kam und blieb“ entschieden und war überrascht, dass er mir nur bedingt zusagte.

Paris in den 30er Jahren: Die Schriftstellerin Francoise führt eine offene Beziehung mit dem Regisseur und Schauspieler Pierre. Ihre Liebe zeichnet sich dadurch aus, dass jeder seine Freiheit beibehält. Liebschaften sind erlaubt und können der Beziehung nichts anhaben – zumindest bisher, denn in dem Moment, in dem sich Francoise der jungen Xavière annimmt, ändert sich alles. Die verwöhnte Schönheit kommt vom Lande, ist unerfahren, kindlich und äußerst eigenwillig. Francoise holt sie nach Paris, damit sie etwas aus sich und ihrem Leben machen kann. In dem Zuge lernt sie auch Pierre kennen, der von Beginn an sehr interessiert an dem Mädchen ist. Zwischen den drei Charakteren entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die alle Grundsätze auf den Kopf stellt und in Francoise Gefühle auslöst, die sie so bisher nicht kannte…

Zunächst einmal sei gesagt, dass der vorliegende Roman einen autobiografischen Hintergrund hat. Simone de Beauvoir verarbeitet in dem Werk ihre Beziehung zu Jean-Paul Sartre und dessen Affäre mit Olga Kosakiewicz. Die damals 18-Jährige war de Beauvoirs Schülerin und ließ sich von Sartre erobern.
So wundert es nicht, dass sich in „Sie kam und blieb“ fast alles ausschließlich um Francoise, Pierre und Xavière dreht und es nur wenige Nebenfiguren gibt, wie z.B. Pierres Schwester oder Gerbert, ein Freund vom Theater.
Die Art wie de Beauvoir die Personen beschreibt, ist detailliert und umfassend. Sie beweist ein gutes Gespür für Feinheiten, die dem Leser wesentliche Charakterzüge verdeutlichen und die Figuren lebendig werden lassen. Emotionen nehmen dabei einen hohen Stellenwert ein, sodass man gut mitfühlen kann, was in den Protagonisten vorgeht.

Doch gerade in diesem Punkt war ich ein wenig irritiert. Eigentlich hielt ich die Schreibweise de Beauvoirs bisher zwar für charmant, aber auch sehr klar und intellektuell. In dem vorliegenden Roman erinnern mich die Gefühlsausbrüche ein wenig an Groschen- oder Liebesromane. Es wird geschmachtet, gelitten und geschmollt. Zwar findet man in diesem Gefühlschaos auch immer wieder nachdenkliche, philosophische Gedankengänge, denen der Existenzialismus zugrunde liegt, doch im Ganzen fehlte mir ein wenig die Tiefe.

Meine Kritik bezieht sich dabei keineswegs auf die Schreibweise selbst, denn diese driftet nie ins Vulgäre ab, sondern bewegt sich gleich bleibend auf einem unterhaltsamen, angenehmen Niveau. Allerdings konnten mich die Worte inhaltlich nicht richtig fesseln. Xavière ging mir mit ihren Launen auf die Nerven, Francoise wirkte so furchtbar passiv und teilweise auch unterwürfig, dass ich nicht nur einmal seufzen musste und Pierre scheint ein Mann zu sein, der nimmt, was kommt, sich aber kaum Gedanken darüber macht, es sei denn, er fühlt sich in seinem Stolz verletzt.

Vielleicht waren meine Erwartungen einfach zu hoch. In den Romanen, die ich zuvor gelesen hatte, ging es zwar auch um Liebschaften, allerdings nahmen Politik und Philosophie einen ebenbürtigen Stellenwert ein. In „Sie kam und blieb“ dominieren die Liebesbeziehungen und die damit verbundenen Emotionen. Mir persönlich ist das zu wenig und manchmal auch zu platt, weshalb das Ende, das durchaus einen Überraschungseffekt in sich birgt, mich nicht davon überzeugen konnte, dem Werk mehr als drei Sterne zu geben.
Es handelt sich sicherlich nicht um einen so genannten Schundroman, doch als herausragend bezeichne ich ihn ebenso wenig. Ich bin etwas enttäuscht, werde jedoch nicht von Simone de Beauvoirs Werken ablassen.

© Ada Mitsou

553 Seiten / 8,95 € ~ Rowohlt (1. Dezember 2004) ~ ISBN: 3499238306

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