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1884 in London: Der 16-jährige Adrian Mayfield lebt mit seinen beiden Kollegen in der Dachkammer des Herrenmodengeschäfts von Herrn Procopius. Die Arbeit ist nicht gerade aufregend, aber immerhin lässt sich damit Geld verdienen.
Als die drei Jungen eines Abends in eine Schlägerei verwickelt werden und Adrian am darauf folgenden Morgen seinen Chef beleidigt, sitzt er auf der Straße. Keine Arbeit, kein Geld, kein Dach über dem Kopf.

In seiner Not wendet er sich an Augustus Trops, einem fettleibigen Maler, der vor kurzem bei Procopius Kunde war und Adrian ein zweideutiges Angebot gemacht hat. Widerwillig, aber vom Hunger getrieben, zieht Adrian vorübergehend bei Trops ein, wodurch er letztlich in die Künstlerkreise Londons eingeführt wird. Er sitzt Modell für den reichen Vincent Farley, lernt Oscar Wilde und seinen Geliebten kennen und fühlt sich zunehmend wohler in der neuen Umgebung.
Doch Adrian ist und bleibt ein Londoner aus der Unterschicht, weshalb es ihm schwer fällt, die gewünschte Anerkennung zu finden. Zudem fehlen ihm im Sommer die Aufträge, sodass er zunehmend in zwielichtige Kreise der Stricherszene abrutscht – immer auf der Suche nach Freundschaft und der wahren Liebe…

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„Ich, Adrian Mayfield“ ist der Auftakt einer dreibändigen Serie. Auf den über 500 Seiten des ersten Teils lernen wir ihn und seine Familie kennen, verfolgen seinen Aufstieg in der Gesellschaft, aber auch seine Abstürze. Adrian taumelt von einer Situation in die nächste, lässt sich in die Kunst- und Literaturszene einführen und ist überaus fasziniert, aber auch verwirrt von den dort herrschenden Zuständen. Schon früh merkt er, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt und kämpft zunächst dagegen an, bis er schließlich versucht, damit zu leben. Im damaligen London ist diese Art der Liebe verboten und so bewegt er sich auf gefährlichem Terrain. Wahre Liebe lässt sich schwer finden, gefühllose Abenteuer dafür umso mehr, vor allen Dingen auch, weil sie das nötige Geld zum Leben einbringen.
Adrian verirrt sich in die Welt eines Doppellebens und der Erpressung, bis etwas passiert, mit dem er nie gerechnet hätte…

Das Ende des ersten Teils bleibt offen, doch das ist nicht der einzige Grund, warum man sich unbedingt den zweiten Band zulegen möchte. Zwar startet „Ich, Adrian Mayfield“ noch verhältnismäßig ruhig und hier und da gibt es ein paar sprachliche Schwächen, die mich zu Beginn störten, doch im Ganzen schreibt Zwigtman sehr fesselnd. Sie baut eine Spannung auf, der man sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr entziehen kann, sodass man schließlich vollends in das London der damaligen Zeit eintaucht.
Adrians Liebesabenteuer werden dabei recht offen und unverklärt geschildert, wenn man auch hier und da auf romantische und durchaus schmachtende Gedanken trifft. Doch die gehören einfach dazu, weil es eben um Selbstfindung und die Suche nach der großen Liebe geht.

Wer sich für historische Romane, sexuelle Selbstfindung und Kunst interessiert, ist bei Adrian Mayfield bestens aufgehoben. War ich zunächst noch etwas skeptisch, ob sich der zweite Teil für mich lohnen würde, bin ich jetzt sicher, dass ich ihn mir irgendwann zulegen werde. Ich möchte wissen, wie es weitergeht, was nicht zuletzt auch der dichten Atmosphäre und den spannenden Charakteren des ersten Bandes zu verdanken ist.
Die Thematik ist sicher nicht jedermanns Sache, doch ich persönlich empfehle dieses Werk gerne weiter!

Altersempfehlung: ab 15 Jahren

© Ada Mitsou

506 Seiten / 16,90 € ~ Gerstenberg Verlag (1. Juli 2008) ~ ISBN: 3836952009

Info: Der zweite Teil heißt „Adrian Mayfield – Versuch einer Liebe“ und ist 2009 ebenfalls beim Gerstenberg Verlag erschienen.