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Philomena Grace Ash, genannt Mena, ist ein unruhiges Baby. Mit viel Geschrei und wenig Schlaf raubt sie ihren Eltern den letzten Nerv, bis zu dem Tag, an dem Philomena zum ersten Mal am Babyschwimmen teilnimmt. Wasser ist ihr Element, wie selbstverständlich gleitet sie hindurch und fühlt sich wohl wie ein Fisch. Zum ersten Mal seit Wochen schläft sie in dieser Nacht durch.

Einige Jahre später sorgt ein anderes Familienmitglied für schlaflose Nächte: Bron, Philomenas Schwester, ist todkrank. Während ihre Mutter noch auf Heilung hofft, hat sich das an Krebs erkrankte Mädchen längst auf den Tod eingestellt. Als die Befürchtung aller wahr wird und zudem auch noch Menas Vater Leonard, ein renommierter Fledermausforscher, tödlich verunglückt, ändert sich das Leben in der Familie schlagartig.

Philomenas Mutter leidet unter Depressionen und verlässt das Bett nur noch, wenn es dringend notwendig ist. Roxanne, eine der Schwestern, versinkt im Drogensumpf und Dot, die Jüngste, kümmert sich aufopferungsvoll um die Mutter. Mena versucht ihrem kaputten Zuhause zu entfliehen und stürzt sich voller Leidenschaft in den Schwimmsport. Sie trainiert hart und findet dadurch nur zögerlich Freunde, kämpft sich jedoch letztlich bis zur Olympiade. Während sie im Leistungssport durchaus erfolgreich ist, scheint ihr Privatleben langsam aber stetig den Bach runter zu gehen…

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„Schwimmen“ ist ein besonderes Buch, das man nicht unbedingt als leichte Kost bezeichnen kann. Gerade zu Beginn fiel es mir schwer, mich in den Schreibstil einzufinden. Die Erlebnisse werden aus Philomenas Sicht geschildert. Sie beschreibt, was sie sieht und empfindet, wodurch es zu Gedankensprüngen kommt, denen der Leser nicht immer direkt folgen kann. Hat man sich jedoch erstmal daran gewöhnt und zudem genug Geduld, sich auf den Stil einzulassen, kommt man gut vorwärts und kann in Philomenas Welt eintauchen.
Die Sprache wechselt dabei zwischen derben Ausdrücken und anspruchsvollen Reflektionen.

Philomenas Art war mir direkt sympathisch und das, obwohl sie alles andere als ein nettes Mädchen ist. Sie pfeift auf die Ansichten ihrer Kolleginnen, nimmt ihre Trainer auf die Schippe und lässt immer wieder eine gehörige Portion Sarkasmus einfließen. Doch wenn man genauer hinschaut, spürt man hinter all dem die Angst vor weiteren, emotionalen Verletzungen und eine große Unsicherheit.
Das Schwimmen fungiert dabei wie ein Schutzschild, hinter dem sich Philomena versteckt, denn im Wasser muss sie nichts denken und fühlen, sondern einfach nur funktionieren und schnell sein. Sie taucht im wahrsten Sinne des Wortes darin ab.

Wer sich beim Schwimmen nicht auskennt, hat nichts zu befürchten, da sich der Inhalt im Wesentlichen mit Philomenas Gefühlslage, ihren Beobachtungen und Eindrücken befasst. Die Technik selbst spielt zwar eine Rolle und das Training bestimmt Philomenas Alltag, allerdings werden die Wettkampfsequenzen eher am Rande beschrieben. Im Wesentlichen geht es um den Umgang mit Verlusten, ums Erwachsenwerden, die erste Liebe und den Zusammenhalt innerhalb der Familie.
Romantisch oder idealistisch geht es dabei selten zu, vielmehr liegt dem Geschriebenen eine Nüchternheit zugrunde, die viel Freiraum für eigene Interpretationen bietet. Und gerade diese Möglichkeit verleiht dem Roman seine Tiefe.

Im Ganzen hat mir Nicola Keegans Debütroman gut gefallen. Der Schreibstil erfordert zwar etwas Geduld und Muße, kann jedoch durch seinen Facettenreichtum und eine authentische Wortwahl überzeugen. Die Handlung bietet dem Leser jede Menge tragischen Humor, aber auch einen ernsten, bisweilen traurigen Blick auf Philomenas Innenleben und ihr Umfeld. Dadurch gewinnt der Roman an Tiefe, wenn auch manche Themen aufgrund ihrer allgemeinen Vielfalt etwas oberflächlicher angegangen werden.

Ein Buch für jedermann ist „Schwimmen“ sicherlich nicht, wer sich jedoch fürs Lesen gerne etwas mehr Zeit nimmt und unter die Oberfläche schauen möchte, könnte an dem Werk Gefallen finden.

© Ada Mitsou

478 Seiten / 19,95 € ~ rowohlt (12. März 2010) ~ ISBN: 349803541X