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Jürgen Schmieder, zum Zeitpunkt des Schreibens 29 Jahre alt und Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, versucht 40 Tage lang aufs Lügen zu verzichten – angefangen bei der banalen Begrüßung am Morgen bis hin zur Kritik am elterlichen Erziehungsstil.
Auf 335 Seiten plappert er munter drauf los, erzählt von den Reaktionen seiner Mitmenschen, stellt sich den kritischen Fragen seiner Kollegen und nimmt sogar einen Ehekrach in Kauf…

Von einem, der auszog, um ehrlich zu sein lautet der Untertitel des Buches und da es darin nun mal um Ehrlichkeit geht, werde ich es jetzt auch sein:
Auf den ersten 100 Seiten ist mir Jürgen Schmieder unsympathisch. Er scheint sehr von sich überzeugt zu sein, fängt beim Anblick schöner Frauen fast an zu sabbern, begeistert sich für Fußball und überhaupt verwechselt er Ehrlichkeit erstmal mit beleidigenden Aussagen. Die Frau am Bahnschalter ist eine dumme Kuh, schlendernde Stadtbummler werden zu lahmen Idioten und im Allgemeinen fallen mehr Ausdrücke als ehrliche Kritik.

Thema verfehlt? Nicht ganz, denn im Laufe des Buches ändert Schmieder seine Auffassung von Ehrlichkeit. Nach und nach findet er für sich heraus, dass Ehrlichkeit eigentlich nur wenig mit ungehobeltem Verhalten zu tun hat und auch, dass es manchmal hilfreich sein kann, seine Meinung hinter dem Berg zu halten.
Stolpert der Autor zunächst orientierungslos durch die ersten Tage des Versuchs – ehrlich gesagt, durch das halbe Buch -, so findet er doch nach und nach seinen Weg, was nicht zuletzt dazu führt, dass sich gerade die familiären Beziehungen verbessern. Es kommen Worte auf den Tisch, die längst mal gesagt werden mussten, weil es sonst keiner tut und hier und da werden auch motivierende Kritik und ehrliche Komplimente verteilt.

An dem Punkt, an dem Schmieder beginnt, zu sich selbst ehrlich zu sein, wird er mir ein wenig sympathischer, doch Sympathie allein macht noch kein gutes Buch aus.
Mir persönlich mangelte es gerade in der ersten Hälfte des Buches an Tiefgang. Zwar verweist der Autor auf Studien und so manches Mal ergeben sich unterhaltsame und interessante Situationen oder Gedankengänge, doch im Ganzen wirkt das Erzählte zunächst wie ein großer Selbstdarstellungsversuch.
Wenn es dann endlich doch zu den entscheidenden Erkenntnissen kommt, hauen die mich nicht wirklich vom Hocker, weil sie mir, wie es auch bei vielen anderen Lesern der Fall sein dürfte, bereits bekannt sind, zumindest in der Theorie.

Als praktisches Beispiel ist Schmieders Selbstversuch nett zu lesen, hier und da humorvoll und unterhaltsam und manchmal stimmt das Erzählte einen sogar etwas nachdenklich. Doch vom Gesamtwerk habe ich mir eindeutig mehr versprochen – vielleicht ein bisschen weniger Irrwege und Geplapper, dafür aber mehr Situationen, die es auf den Punkt bringen.

© Ada Mitsou

335 Seiten / 14,95 € ~ C. Bertelsmann Verlag (8. März 2010) ~ ISBN: 3570100448

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