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Als Lizzie Dorons Tochter ihre Mutter eines Tages fragte, woher sie komme, nahm die israelische Schriftstellerin diese Frage zum Anlass, Bücher über ihre Heimat und die darin lebenden Menschen zu schreiben. Sie wuchs in einem Stadtteil von Tel Aviv auf und eben jenes Viertel ist der Schauplatz ihrer Romane.

Ihr erstes Buch „Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?“ ist eine Sammlung von Erinnerungen an Lizzies Mutter Helena. Sie überlebte die Shoa und wanderte nach dem Krieg nach Israel aus, wo sie ihre Tochter alleine großzog. Helena war eine äußerst starke Frau, aber auch traumatisiert und geprägt von der Judenverfolgung, was für Lizzie als Tochter nicht immer leicht war. Erst viel später konnte sie Verständnis für das eigensinnige Verhalten ihrer Mutter aufbringen und schrieb in Form des Buches eine Hommage an sie.

In dem vorliegenden Roman „Es war einmal eine Familie“ kehrt Lizzie nach Helenas Tod in ihr Heimatviertel zurück, um die Schiwa, die jüdische Trauerwoche, abzuhalten. Dabei begegnet sie verschiedenen Menschen aus ihrer Vergangenheit, die zahlreiche Erinnerungen in ihr wach rufen. So trifft sie z.B. Malkale, die damals den jungen Zvika heiraten wollte. Jahrelang haben die beiden Verliebten mit ihrer Vermählung gewartet und als der Termin endlich feststeht, stirbt Zvika nur wenige Tage vor der Hochzeit im Jom-Kippur-Krieg.
Des Weiteren begegnet Lizzie Chajale, die in der Schulzeit sehr unbeliebt und schweigsam war, nun aber endlich über ihre Eltern redet: Das Ehepaar war durch die Shoa vollkommen traumatisiert, wodurch ein normales Familienleben undenkbar wurde.
Zahlreiche Schicksale kommen in dem Buch zur Sprache und letztlich wird Lizzie klar, dass dieses Viertel mit all den jungen und alten Menschen darin einmal ihre Familie war…

Genau wie bei den vorherigen Werken bin ich auch dieses Mal begeistert!
Die Autorin schafft es trotz ihrer klaren Sprache eine sehr besondere Atmosphäre zu erzeugen. Es kostet keinerlei Anstrengung die Worte zu lesen und doch steckt soviel Gefühl darin, dass man von jeder Erinnerung im Herzen berührt wird.
Man fühlt die Trauer der Überlebenden um ihre Angehörigen und spürt die Verzweiflung hinter ihrer scheinbaren Verrücktheit. Zugleich muss man über Helenas resolute Art und ihre Eigenwilligkeit schmunzeln, auch wenn man merkt, wie schrecklich das manchmal für ihre Tochter war. Und die kleinen Geschichten über Lizzies damalige Freunde und die schönen Momente, die sie miteinander erlebten, vermögen einen zu wärmen.

Mit diesem Buch ist es so, als würde Lizzie ein Stück Geschichte fernab der Geschichtsbücher erzählen. Sie entführt den Leser in ein fremdes Land, bringt ihm wie nebenbei dessen Kultur näher und beschreibt wie es ist, zur „zweiten Generation“ zu gehören.
Die Menschen des Viertels wachsen einem ans Herz und trotz der ernsten Thematik und unsagbaren Trauer muss man bei vielen Erinnerungen einfach lächeln.

„Es war einmal eine Familie“ ist ein Kleinod der Literatur, das ich uneingeschränkt jedem begeisterten Leser empfehle. Mehr davon!

© Ada Mitsou

142 Seiten / 7,50 € ~ Suhrkamp (15. März 2010) ~ ISBN: 3518461923

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