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Im Barrio, dem Stadtviertel der Armen und Verbrecher, ist die Luft stickig. Die Hitze staut sich zwischen den engen Gassen und der Geruch von Müll und Schlamm liegt in der Luft. Letzteres liegt an dem ausgetrockneten Fluss. Früher gab es hier noch Wasser, doch seit die Reichen den Staudamm gebaut haben, gibt es in dem Flussbett nichts als braunen Schlamm, in dem man leicht versinken kann. An einer bestimmten Stelle, da wo ein Bootswrack bereits seit vielen Tagen feststeckt, watet ein mageres Kind durch den Schlamm. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Junge, doch wenn man genauer hinsieht, erkennt man an den Gesichtszügen und den braunen Augen, dass es eigentlich ein Mädchen ist…

Baz ist auf dem Weg zu ihrem geheimen Schlafplatz. Jede Nacht schläft sie in dem alten Boot, obwohl sie eigentlich bei Fay wohnt. Die rothaarige, weiße Frau hat sie aufgenommen, direkt nachdem Demi, ein Junge mit großer Klappe, sie als Kleinkind gefunden hat. Echte Familie kennt Baz nicht, doch inzwischen hat sie einen Ersatz gefunden: Fay und ihre Jungen.
Fay sammelt Kinder von der Straße auf und bringt ihnen bei, wie man klaut. Demi ist der schnellste Dieb des Viertels, doch ohne Baz sieht man ihn selten arbeiten. Die beiden sind ein eingespieltes Team und passen stets aufeinander auf.

So auch an dem Tag, an dem Demi einer reichen Dame einen Ring klaut: Er stibitzt das kostbare Schmuckstück, drückt es Baz in die Hand und dann heißt es Rennen! Weg von den Greifern, die arme Kinder von der Straße auflesen und ins Schloss, dem größten Gefängnis der Stadt, stecken.
Die beiden Freunde können knapp entkommen, doch was sie nicht wissen: Sie haben soeben die Frau des mächtigsten Mannes der Stadt bestohlen und schon bald beginnt eine gefährliche Verfolgungsjagd quer durchs Barrio – eine Jagd, die alles verändert und Leben und Tod gegenüberstellt!

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Will Gatti beschreibt in seinem Roman „Diebe!“ eindrucksvoll das Leben in den Slums. Die heruntergekommenen Häuser stehen dort dicht beieinander, in den engen Gassen sammelt sich der Müll und verwahrloste Kinder werden zu Dieben ausgebildet, um den Lebensunterhalt ihrer Auftraggeber und Familien zu verdienen.
Gatti nennt die Stadt nicht beim Namen, doch solche Viertel findet man überall auf der Welt, so z.B. in Mittel- und Südamerika oder auch den USA. Für jemanden, dem diese Lebensverhältnisse fremd sind, wirkt das Geschriebene schockierend und spannend zugleich. Die Armut spiegelt sich nicht nur im Aussehen der Bewohner wieder, sondern auch in ihren Seelen. Die einen sind weinerlich und zart, andere wiederum knallhart und äußerst skrupellos. Ein Menschenleben wird zum Gegenstand des Handelns, wie ein Ding, das man hin und hertauschen kann und manchmal wird es auch ohne mit der Wimper zu zucken ausgelöscht.

Baz weiß, wie gefährlich das Leben im Barrio sein kann. Sie ist vorsichtig, prüft ihre Mitmenschen und sorgt sich um ihren Freund Demi. Der ist zwar ein geschickter Dieb, aber eben auch jemand, der gerne den Mund zu voll nimmt und dadurch in Situationen kommt, die ihm bedrohlich werden. Baz ist meistens diejenige, die ihn bremst und aus dem Schlamassel wieder herauszieht, denn die Freundschaft der beiden ist das Kostbarste, was sie besitzen. Sie bildet neben Armut, sozialen Unterschieden und Macht eines der großen Themen des Romans.

Die Schreibweise ist dabei überwiegend nüchtern und klar, wodurch sich der Leser sein eigenes Bild im Kopf erschaffen kann. Dieses Bild ist im Ganzen trostlos, bisweilen schockierend, aber auch durchsetzt von einem kleinen Hoffnungsschimmer, denn Baz gibt den Traum von einem besseren Leben nie auf.

„Diebe!“ lebt von den darin beschriebenen Eindrücken, beinhaltet jedoch auch ein großes Maß an Spannung. Während die Ereignisse zu Beginn des Buches noch verhältnismäßig ruhig vor sich hin plätschern, gewinnt die Handlung langsam an Fahrt und zieht den Leser letztlich in einen rasanten Strudel aus Unterdrückung, Erpressung und den Kampf ums Überleben.
Konnte ich das Buch zunächst noch ohne Mühe beiseite legen, um eine Pause zu machen, zog es mich zunehmend in seinen Bann, sodass die letzten 200 Seiten nur so an meinem Augen vorbeirauschten. Die Spannung steigert sich zwar langsam, endet jedoch in einem Finale, das einen atemlos zurücklässt.

„Diebe!“ ist ein Jugendbuch, das ein wichtiges Thema des Weltgeschehens durchaus authentisch umsetzt. Das Erzählte wirkt echt und die Charaktere sind glaubwürdig konstruiert. Trotzdem erdrückt einen die ernste Thematik nicht, da durch Demis Leichtigkeit und Baz Nachdenklichkeit ein angenehmer Wechsel der Stimmungen entsteht.
Vielleicht muss man sich auf dieses Jugendbuch erstmal einlassen, da es wenig mit der typischen Teenagerliteratur zu tun hat. Doch gerade wegen der ernsten Thematik und seiner spannenden und tiefgründigen Umsetzung empfehle ich dieses Buch weiter!

Altersempfehlung: ab 13 Jahren

© Ada Mitsou

413 Seiten / 16,95 € ~ Beltz (29. März 2010) ~ ISBN: 340781058X

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