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Robert Ames führt ein ganz gewöhnliches Leben. Er arbeitet als Versicherungsmakler in Hamilton, Ontario, wohnt mit seiner kleinen Familie in einer ruhigen, gepflegten Gegend und ist im Allgemeinen ein sehr umgänglicher Mensch. Bisher gab es kein Problem, das nicht irgendwie gelöst werden konnte und durch Roberts diplomatische Art kommt er mit seinen Mitmenschen gut aus.
Doch als er eines Freitagmorgens zur Arbeit aufbricht, ahnt er nicht, dass sein bisher so beschauliches Leben im Laufe des Tages eine drastische Wendung nehmen wird…

„Tagsüber dieses strahlende Blau“ startet langsam. Robert wacht auf, erzählt dem Leser von seinen Gedanken und kommt dabei manchmal auf recht umständliche Weise vom Hölzchen aufs Stöckchen. An die Schreibweise mit den vielen Einschüben muss man sich erstmal gewöhnen, damit man überhaupt in die Geschichte hineinfinden kann. Doch ist dies erstmal passiert, erschließt sich dem Leser die ganz persönliche Welt des Robert Ames. Und die ist gar nicht mal so dröge, wie sie auf den ersten Blick scheint!

Zunächst lebt die Handlung in erster Linie von Roberts Alltagsbeobachtungen und Reflektionen. Er philosophiert über das Leben im Allgemeinen und wirft hier und da einen Blick auf seine Vergangenheit. Beiläufig erzählt er von der ersten Begegnung mit seiner Ehefrau und dem etwas angespannten Verhältnis zu seinen Schwiegereltern, aber auch von der Affäre seines Chefs und der Exbeziehung seiner Kollegin.
Trotzdem kann man Roberts Ausführungen nicht als Plauderei bezeichnen, da seine Gedanken nicht bloß an der Oberfläche treiben, sondern zum Kern der Sache vordringen wollen. Dabei fallen Sätze, die auf den ersten Blick eher schlicht wirken, im Grunde jedoch genau ins Schwarze treffen!
Gerade weil Robert so gewöhnlich ist, kommen einem seine Ausführungen nicht gestelzt vor. Sie gehen mit der Realität Hand in Hand, sodass man sich gut darin wieder finden kann oder zumindest immer weiß, wovon er spricht.

Erst im Laufe der Handlung verlagert sich das Gewicht von Roberts Innenleben auf das, was um ihn herum passiert. Der Leser bleibt nicht länger nur in seinem Kopf, sondern kommt mit Menschen in Berührung, die Robert zunehmend irritieren. Ab dieser Wendung wird das Geschriebene durch Dialoge aufgelockert. Das Theoretische verliert an Schwere und der bisher sehr passiv wirkende Protagonist wird durch unvorhergesehene Umstände dazu gezwungen, aktiv Stellung zu beziehen.

Diese Gegenüberstellung von innen und außen, von ausschweifenden Gedanken und der plötzlichen Aufforderung, endlich zu handeln, machen „Tagsüber dieses strahlende Blau“ so spannend. Während man sich zu Beginn noch fragt, ob sich Roberts Ausführungen wohl durch das ganze Buch ziehen und man hin und wieder über deren Umständlichkeit stolpert, vollzieht sich während des Lesens eine Wandlung, die einen gefangen nimmt.

Eigentlich erzählt Stefan Mühldorfer eine ganz gewöhnliche Geschichte, doch dahinter stecken viele Denkanstöße, denen man sich nicht entziehen kann. Die Sätze treffen ins Schwarze und obwohl der Ausgang der Geschichte im Nachhinein vorhersehbar scheint, ist man während des Lesens genauso überrascht wie Robert. Alles, was zuvor so sicher schien, gleitet ihm aus den Händen und letztlich wird er zu einem von denen, die er vorher so spielend  leicht analysieren konnte.

„Tagsüber dieses strahlende Blau“ ist auf den ersten Blick ein ruhiger Roman. Doch wenn man sich erstmal darauf eingelassen hat, kann man sich dem Leben Roberts nicht mehr entziehen. Auf der letzten Seite findet man sich plötzlich an ganz anderer Stelle wieder, als man zu Beginn vermutet hat und genau diese Wendung ist der Clou der Geschichte.

Das Buch ist sicherlich nichts für ungeduldige Menschen, doch aus meiner Sicht gehört es zu jenen Werken, die durchaus mehr Beachtung verdienen!

© Ada Mitsou

240 Seiten / 14,90 € ~ DTV (1. April 2009) ~ ISBN: 3423247150

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