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Ich habe bereits einige Jugendbücher über den zweiten Weltkrieg gelesen. Darin ging es um die Machtergreifung Hitlers, die Judenverfolgung, aber auch um die Zeit nach dem Krieg und den Wiederaufbau Deutschlands. Keines dieser Bücher erzählte etwas über Schlesien, die Provinz, aus der Ende des zweiten Weltkriegs tausende von Menschen vor der Roten Armee flüchteten.

Ich wusste also nicht gerade viel über dieses Thema, bevor ich Gina Mayers Jugendbuch „Die verlorenen Schuhe“ las und das, obwohl meine eigene Oma zu der damaligen Zeit in Oberschlesien lebte. Sie hatte den Krieg miterlebt, konnte mir jedoch nie davon erzählen, da ich noch zu klein war, als sie starb. Von meiner Mutter wusste ich lediglich, dass es im Leben meiner Oma eine Zeit gab, über die sie nicht gerne sprach. Wahrscheinlich fiel es ihr genauso schwer darüber zu reden, wie den Zeitzeugen, die Gina Mayer für ihr Buch interviewte. Doch über manche Ereignisse muss man reden – damit sie nicht in Vergessenheit geraten und vielleicht auch, um durch ein Jugendbuch zu erfahren, was die eigenen Großeltern erlebt haben könnten…

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Schlesien im Oktober 1944: Die 18jährige Inge hat es gut getroffen. Sie lebt mit ihrer Familie auf Gut Hohenau, besucht eine Höhere Mädchenschule und führt mit dem umschwärmten Wolfgang von Brandt eine geheime Liebesbeziehung. Die beiden sind miteinander verlobt, doch genau wie alle anderen Männer des Ortes muss auch Wolfgang an der Front kämpfen.
Die Arbeit auf dem Gut wird unterdessen von Fremdarbeitern bestellt. Wanda, ein kräftiges, robustes Mädchen ist eine von ihnen. Sie wurde von den Deutschen aus ihrer Heimatstadt in Polen verschleppt und ersetzt nun den Pferdeknecht des Hofes.
Während Inge in romantischen Träumereien schwelgt, arbeitet Wanda hart, sodass die beiden wenig miteinander zu tun haben.

Erst als der Krieg verloren scheint und die russische Armee immer näher rückt, ändern sich die Umstände. Schon seit Wochen machen sich die in Schlesien lebenden Deutschen bereit für die Flucht und als Inge eines Tages von der Schule nach Hause kommt, ist ihre Familie bereits aufgebrochen. Nur Wanda ist zurückgeblieben, ausgerechnet das Mädchen, das Inge so furchtbar unsympathisch findet! Doch ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich der Polin anzuschließen. Mit einem alten Pferdekarren, ein paar Lebensmitteln und einem Koffer voller Kleider machen sich die Mädchen auf den Weg Richtung Westen. Die Bedingungen sind allerdings härter als erwartet: Während ihrer Reise setzen bitterkalte Schneestürme ein, sie haben weder ein Quartier für die Nacht noch eine Vorstellung davon, was auf sie zukommt. Nur eins wissen sie: Die Rote Armee ist ihnen dicht auf den Fersen und damit verbunden die Angst, ihren Grausamkeiten ausgeliefert zu sein…

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In ihrem Jugendroman „Die verlorenen Schuhe“ verbindet Gina Mayer auf fesselnde Weise historisches Hintergrundwissen mit dem fiktiven Schicksal zweier Mädchen.

Wanda und Inge sind eigentlich grundverschieden: Während Wanda clever, stark und kämpferisch wirkt, scheint Inge naiv, sensibel und verwöhnt zu sein. Jede von ihnen lebt ihr eigenes Leben mit all seinen Erinnerungen und Träumen. Und jede von ihnen hat eine eigene Sicht auf den Krieg. Inge glaubt daran, dass die Deutschen den Krieg gewinnen und dass Wolfgang in seiner Position als Soldat das Richtige tut. Sie vertraut auf das, was man ihr sagt.
Wanda hingegen verabscheut die Deutschen, die so blind ihrem Führer hinterherlaufen und ohne Zweifel seiner Ideologie folgen. Durch die wechselnde Erzählperspektive stehen sich diese gegensätzlichen Denkweisen direkt gegenüber.

Erst als die Mädchen ein gemeinsames Ziel haben, verändern sich ihre Sichtweisen. Sie nähern sich einander an, entdecken Gemeinsamkeiten und erkennen, was der Krieg aus den Menschen macht. Die Wandlung der Charaktere wirkt als Resultat der Ereignisse glaubhaft und die Schilderungen der Gefühle machen die Figuren für den Leser greifbar. Nicht selten fallen dabei wichtige Sätze, die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Mayer bettet die Fakten jedoch so geschickt in die Handlung ein, dass sie nicht belehrend wirken oder langweilen, sondern lediglich das Gerüst der Reise  bilden.

„Die verlorenen Schuhe“ überzeugt auf unterschiedlichen Ebenen:  Die Geschichten der Mädchen, die sich an ihre verlorenen Familien und Lieben erinnern, berühren einen. Die Kriegszustände und die damit verbundene Unmenschlichkeit der Deutschen und Russen schockieren und zu guter Letzt klärt das Geschriebene über historische Hintergründe auf.

In meinen Augen ist „Die verlorenen Schuhe“ ein wichtiges und gutes Buch, das sich mit einem Thema befasst, das bisher in der Jugendliteratur vernachlässigt wurde. Gina Mayer bewegt sich durch ihre gründliche Recherche nah an den geschichtlichen Fakten, ohne dabei das Alter ihrer Leser zu vergessen. Themen wie die erste Liebe und echte Freundschaft verschaffen den Jugendlichen Zugang zu den historischen Ereignissen, die letztlich selbst zu fesseln vermögen.

Im Ganzen gibt es nur einen kleinen Kritikpunkt: Das Ende kam mir persönlich etwas zu schnell und schien mir zu gegensätzlich zu dem zuvor Erzählten. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich das Buch unbedingt weiterempfehlen möchte.

Altersempfehlung: ab 14 Jahren

© Ada Mitsou

384 Seiten / 18 € ~ Thienemann (18. Januar 2010) ~ ISBN: 352220073X

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