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Dörte hält nicht viel von sozialen Kontakten. Sie spielt die Rolle der gewöhnlichen jungen Frau zwar fast perfekt, doch sobald ihr jemand zu nahe kommt, ergreift sie die Flucht. Bei ihrem psychologischen Gutachten ist das nicht weiter verwunderlich, denn demnach zeigt sie von klein auf eine Reihe gestörter Verhaltensweisen: Angefangen bei antisozialem Verhalten über autistische Züge bis hin zu leichter Schizophrenie.

Sich dieser Diagnosen durchaus bewusst, hält sich Dörte so gut es geht von ihren Mitmenschen fern und widmet sich stattdessen lieber ihrer exotischen Käferzucht. Sie ist  promovierte Biologin und sucht nach einem wirksamen Heilmittel gegen Krebs – eine Arbeit, in der Dörte vollkommen aufgeht.

Als eines Tages eine Leiche auftaucht, in der Larven ihrer Käfergattung gefunden worden sind, denkt sich Dörte zunächst nichts dabei. Erst eine zufällige Begegnung mit ihrem ehemaligen russischen One-Night-Stand sowie der Kontakt zu ihrer neuen Arbeitskollegin Petra bringen Dörte auf einen Verdacht, der sie langsam, aber mit großer Aufregung aus ihrem Schneckenhaus lockt…

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„Die Käferfrau“ ist zunächst ein höchst seltsames Buch. Auf den ersten Seiten wirkt Dörte für den Leser unnahbar. Sie schwelgt in wissenschaftlichen Theorien, schildert ihre Liebe zu Insekten und wirft mit Fachausdrücken nur so um sich. Der Einstieg in die Handlung gestaltet sich also etwas schwierig. Trotzdem lohnt es sich, dranzubleiben, da das Fachchinesisch irgendwann der eigentlichen Handlung weicht und diese mit einer ergreifenden Mischung aus Spannung, Psychologie und zwischenmenschlichen Beziehungen aufwartet.

In erster Linie geht es um Dörte und ihre Vergangenheit. Sie wuchs als Heimkind auf, wurde von einer Pflegefamilie zur anderen gereicht und dabei allerhand unmenschlichen Zuständen ausgesetzt. Dörte weigert sich zunächst, ihren Wurzeln auf den Grund zu gehen und lässt nur hier und da sequenzartige Erinnerungen an ihre Jugend einfließen. Mit fortlaufender Handlung wächst in ihr jedoch der Wunsch, zu erfahren, was damals wirklich passiert ist. Sie macht sich auf die Suche nach ihren Eltern und stößt dabei auf Akten, in denen viele verwirrende und traurige Dinge zur Sprache kommen. Dennoch oder gerade deswegen kämpft Dörte beharrlich darum, ihrer leiblichen Mutter irgendwann gegenüberstehen zu können.

Parallel zu dieser Thematik stehen Dörtes Beziehungen zu Viktor, dem russischen ONS, und Petra, einer scheinbar typischen Blondine, die offensichtlich mehr als eine Schönheits-OP hinter sich hat. Beide Figuren fügen sich mit ihren Eigenarten perfekt in die skurrile Personenkonstellation ein und sorgen mit ihrer bisweilen etwas naiven, aber sehr menschlichen Art für eine unfreiwillige Komik.
Ohne die beiden wäre es bestimmt schwierig, einen Zugang zur Protagonistin zu finden, doch so wächst diese einem mit ihrem kratzbürstigen Umgangston, aber auch einer großen Portion Verletzlichkeit langsam ans Herz. Die merkwürdige Dörte wurde mir im Laufe des Buches durchaus sympathisch, vor allen Dingen auch, weil sie einen feinen Sinn für schwarzen Humor hat und man als Leser nach und nach erfährt, wo die Ursachen für ihr Verhalten liegen.

Beide Handlungsebenen – die Familiengeschichte und Dörtes neue Bekanntschaften – sorgen für traurige, schockierende, aber auch amüsante und anrührende Lesemomente. Ergänzend dazu kommt durch den Fund der Leiche und Dörtes Nachforschungen diesbezüglich etwas Spannung ins Spiel. Zwar macht diese Thematik aus dem Roman noch keinen richtigen Krimi, sie sorgt aber durchaus für rätselhafte Ereignisse und temporeiche Abschnitte.

Überhaupt ist Mika Frankenbergs Schreibstil im Ganzen sehr flüssig zu lesen. Hier und da muss man sich zwar etwas anstrengen, um die wissenschaftlichen Passagen nicht zu überfliegen, allerdings wirken diese sehr glaubwürdig und durchaus gut recherchiert. Den Rest des Buches habe ich mühelos und mit Vergnügen verschlungen.

Alles in allem ist „Die Käferfrau“ vielleicht nicht jedem Leser zu empfehlen, doch wer eine Vorliebe für seltsame Geschichten, skurrile Charaktere sowie Psychologie und Familienschicksale hat, dem möchte ich dieses bisher zu Unrecht etwas unbeachtete Werk ans Herz legen. Ich persönlich werde die eigenartige Dörte und ihre Freunde vielleicht sogar ein bisschen vermissen…

© Ada Mitsou

336 Seiten / 12,90 € ~ DTV (1. Januar 2009) ~ ISBN: 3423246987

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