Schlagwörter

, , , ,

Foto: Sibylle Pietrek

Als Kind wollte Gina Mayer eigentlich Friseurin werden, doch bereits in der Grundschule entdeckte sie das Schreiben für sich  – mit Erfolg: 1977 wurde eines ihrer Gedichte auf der Kinderseite einer Fernsehzeitschrift abgedruckt.
Das erste Buch ließ allerdings etwas länger auf sich warten: Gina Mayers Debütroman „Die Protestantin“ erschien 2006 im Diana Verlag. Zeitgleich veröffentlichte der Sauerländer Verlag ihr Jugendbuch „Das Mädchen ohne Gedächtnis“.

Seitdem hat die in der Nähe von Düsseldorf lebende Autorin zahlreiche historische Romane und Jugendbücher veröffentlicht. Eines dieser Jugendbücher heißt „Die verlorenen Schuhe“ und erschien Anfang des Jahres im Thienemann Verlag –  ein Buch, das mich gefangen nehmen konnte und besser als jedes Geschichtsbuch die Flucht aus Schlesien im Zweiten Weltkrieg beschreibt. Mehr darüber…

Da ich besondere Bücher nicht nur gerne weiterempfehle, sondern auch etwas über den Menschen dahinter erfahren möchte, habe ich Gina Mayer ein paar Fragen zu ihrer Arbeit, dem Umgang mit Kritik und ihren Büchern gestellt.

~

Ada: Frau Mayer, wann und wie haben Sie mit dem Schreiben angefangen?

Gina Mayer: Oh, das ist schon eine ganze Weile ich her, ich glaube, so ungefähr hundert Jahre. Schon mein erster Roman war ziemlich gut, aber leider wollte das damals kein Verlag erkennen. Deshalb hat es bis 2006 gedauert, bis meine ersten Bücher erschienen sind.

Ada: Wenn Sie Ihre bereits veröffentlichten Romane noch einmal zur Hand nehmen, entdecken Sie dann Textstellen, die Sie heute ganz anders schreiben würden?

Gina Mayer: Ja, natürlich. Ich würde vor allem streichen, streichen, streichen. Adjektive, Füllwörter, ganze Sätze, Abschnitte, Seiten. Alles raus, unnützer Ballast, weg damit! Bei jedem Korrekturgang kürze ich wie von Sinnen, wenn die Bücher nicht irgendwann gedruckt würden, dann würde am Ende überhaupt nichts mehr übrig bleiben.

Ada: Wie arbeiten Sie an Ihrem Schreibstil?

Gina Mayer: Indem ich lese. Empfehlungen von Freunden, Zufallsfunde, Klassiker und Bestseller, Krimis und Jugendbücher und Zeitungen und Gedichte. Ich lese jeden Tag und in jeder freien Minute. Lesen bildet nämlich –auch den Schreibstil.

Ada: In Bücherforen wird immer wieder darüber diskutiert, wie Autoren mit negativer Kritik umgehen. Wie gehen Sie mit schlechten Bewertungen seitens der Leser um?

Gina Mayer: Ich ignoriere sie einfach. Was kümmert mich die Meinung der Leute? Überhaupt nicht. Ich könnte die Rezensenten würgen, treten, beißen und kratzen. Aber ich tu es nicht. Ich bin die Ruhe selbst. Schlechte Kritik lässt mich vollkommen kalt (Das ist mein Mantra. Man muss es oft genug aufsagen, dann glaubt man irgendwann daran.)

Ada: Ihr Jugendroman „Die verlorenen Schuhe“ kam ausgesprochen gut an. In dem Buch geht es unter anderem um die Flucht aus Schlesien zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Warum haben Sie sich dieses Thema ausgesucht?

Gina Mayer: Weil ich zufällig mit einer Zeitzeugin ins Gespräch kam, die 1945 als Sechzehnjährige aus Oberschlesien geflohen war. Ihre Geschichte war so packend und spannend und berührend, dass sie mich überhaupt nicht mehr los ließ. Und gleichzeitig wurde mir auch bewusst, dass wir die Berichte der Zeitzeugen jetzt sammeln und verarbeiten müssen. Die Menschen, die die Flucht bewusst miterlebt haben, sind alle über achtzig. Sie sind nicht mehr unendlich lange unter uns.

Ada: Wie reagieren bei Lesungen Ihre jugendlichen Zuhörer auf die Thematik?

Gina Mayer: Die Reaktionen, die ich bei meinen Lesungen und Vorträgen in Schulen und Buchhandlungen erlebe, sind wirklich toll. Meistens sind in den Gruppen ein oder zwei Schüler, deren Großeltern aus Schlesien geflüchtet sind. Ich bin immer überrascht, wie gut die Jugendlichen über die Geschichte ihrer Großmütter und -väter Bescheid wissen. Ich glaube, für die Enkelgeneration ist das Thema einerseits weiter weg, aber andererseits auch wieder faszinierender als für die Töchter und Söhne der Flüchtlinge.

Ada: Glauben Sie, dass ein Jugendbuch mit geschichtlichem Hintergrund pädagogisch wertvoller ist als ein Teenie-Roman, in dem es um Liebe, Lust und Herzschmerz geht?

Gina Mayer: Es gibt haarsträubend schlechte historische Jugendromane und ausgezeichnete Bücher über Liebe, Lust und Herzschmerz. Und andersrum. Das Genre allein ist noch kein Qualitätsmerkmal.
Außerdem schreibe ich immer über beides: über die Geschichte und über Gefühle und Beziehungen. Weil man das eine ohne das andere nicht verstehen kann.

Ada: Neben Jugendbüchern schreiben Sie auch Romane für Erwachsene. Welches dieser beiden Genres bevorzugen Sie?

Gina Mayer: Meine Jugendbücher sind ein bisschen dünner als die Erwachsenenromane, ich glaube, das ist so ziemlich der einzige Unterschied. Ob Jugendbuch oder Erwachsenenroman, mein Anspruch beim Schreiben ist immer derselbe: Ich hab eine Geschichte, die mich fasziniert, und will sie erzählen.

Ada: Und zu guter Letzt: Welcher Ihrer Romane liegt Ihnen besonders am Herzen und warum?

Gina Mayer: Ich liebe sie alle, auch die hässlichen und buckligen, ich bin ja ihre Mutter. Aber das Buch, an dem gerade arbeite, liebe ich immer noch ein bisschen mehr als die Vorgänger. Weil ich mich ja auch Tag und Nacht damit beschäftige.

Herzlichen Dank, Frau Mayer!

~

Gina Mayers neuester Roman trägt den Titel „Das Lied meiner Schwester“ und wird am 26. Juli bei Rütten & Loening erscheinen.

Hier geht’s zur Autoren-Homepage