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Gerade mal 156 Seiten umfasst der Debütroman von Walter Veltroni, dem ehemaligen Bürgermeister von Rom. Doch diesen begrenzten Raum hat er auf besondere Weise genutzt: Er fängt Stimmungen wie schimmernde Sonnenstrahlen ein und bewegt sich dabei zwischen der schwermütigen Dunkelheit der Nacht und dem zwielichtigen Schein des Morgens…

Giovanni Astegno archiviert Tagebücher. Er ist fasziniert von den persönlichen Schicksalen der unterschiedlichsten Menschen und bewundert ihren Mut, damit an die Öffentlichkeit zu treten. Zugleich legt er dem Leser seine eigene Familiengeschichte dar: Zwischen Giovanni und seiner Frau Giulia hat sich das Schweigen  breit gemacht. Ihre gemeinsame Tochter Stella hat das Down-Syndrom und seit diese Erkrankung festgestellt wurde, gibt sich Giulia die Schuld daran, ein „kaputtes Kind“ auf die Welt gebracht zu haben.

Während Giovanni versucht ein guter Vater zu sein, flüchtet sich Giulia in ihre Arbeit. Anders als sie geht der 20jährige Lorenzo mit Stellas Erkrankung um. Er kümmert sich rührend um seine Schwester, sodass es manchmal den Anschein hat, er übernehme die Vaterrolle.

Giovanni steht dieser Zuneigung zwiespältig gegenüber. Sein eigener Vater Giacomo verließ die Familie, als  er zwölf Jahre alt war. Kurz zuvor wurde Giacomos bester Freund ermordet, doch es gibt keinen Anhaltspunkt, dass der Mord und das Verschwinden zusammenhängen. Bis zu dem Tag, an dem Giovanni in das Ferienhaus seiner Kindheit zurückkehrt und dort ein alles veränderndes Telefongespräch führt…

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In „Die Entdeckung des Sonnenaufgangs“ spielen zwei zentrale Themen die Hauptrolle: Das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen sowie der Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen.
Veltroni bedient sich dabei einer sehr poetischen Sprache, die den Leser auf der einen Seite mit Wärme erfüllt, die andererseits jedoch eine große Melancholie zwischen die Zeilen legt. Von der ersten Seite an war ich gefangen von den stimmungsvollen Beschreibungen der Natur und dem liebevoll-traurigen Umgang innerhalb der Familie.

Giovanni strahlt Ruhe aus. Mit leisen Worten beschreibt er seine Eindrücke, die sich aus besonderen Momenten und alltäglichen Beobachtungen zusammensetzen. Das aktuelle Tagesgeschehen wird genauso festgehalten wie die nachdenklichen Gespräche mit seinem Sohn. Man spürt hinter den einfachen Worten sowohl die Liebe zu seinen Kindern als auch die Verzweiflung über den Verlust des Vaters.
Er hat dessen Verschwinden nie verarbeiten können und kann seinem Drang, die Wahrheit herauszufinden, nicht mehr widerstehen. Letztlich begibt er sich auf eine Reise in die Vergangenheit und begegnet dabei auf mysteriöse Weise dem Kind, das er damals war…

Veltroni beschreibt diese Suche mit klaren, unsentimentalen Worten, sodass man sich deswegen, aber auch wegen der geringen Dicke des Buches, sehr schnell durch die Geschichte liest.
Genau da liegt allerdings auch die Problematik: Für meinen Geschmack kam das Ende zu schnell. Das Geheimnis um das Verschwinden des Vaters baut so eine große Spannung auf, dass man letztlich bei der Auflösung etwas zu hart auf dem Boden der Tatsachen landet. Aufgrund dessen hätte ich mir gewünscht, dass die Geschichte mehr Raum bekommen hätte, zumal man aus dem einen oder anderen Handlungsstrang fast schon ein eigenes Buch hätte machen können. Die Umsetzung der Thematik ist in meinen Augen also durchaus ausbaufähig.

Nichtsdestotrotz konnten mich die wunderbare Sprache, die ergreifenden Stimmungen und das Gerüst der Handlung gefangen nehmen.
„Die Entdeckung des Sonnenaufgangs“ ist eine Familiengeschichte, die ich jedem Freund der schönen Worte unbedingt ans Herz legen möchte!

© Ada Mitsou

256 Seiten / 17,90 € ~ Klett-Cotta (Februar 2010) ~ ISBN: 3608937048

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