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1818 wartet der noch unbekannte Philosoph Arthur Schopenhauer auf die Veröffentlichung seines ersten Werkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Zwischen ihm und dem Verleger Friedrich Arnold Brockhaus gibt es Unstimmigkeiten, nicht zuletzt auch wegen des verzögerten Erscheinungstermins. Erst Anfang 1819, mehrere Monate nach der Leipziger Buchmesse, auf der das Buch eigentlich vorgestellt werden sollte, erscheint Schopenhauers Werk. Im selben Jahr begibt er sich auf eine Reise durch Italien.

Christoph Poschenrieder bettet die Handlung seines Romans „Die Welt ist im Kopf“ in eben diesen Abschnitt aus Schopenhauers Leben:
Wütend auf seinen Verleger reist der junge Philosoph mit der Postkutsche nach Italien, um sich eine Auszeit nach seinem vierjährigen Schaffensprozess zu gönnen und zugleich Venedig, Rom und Neapel zu erkunden. Auf seinem Weg begegnen ihm allerhand amüsante, aber auch kuriose Persönlichkeiten, vor allem jedoch Teresa, eine Italienerin, die Schopenhauer auf den ersten Blick den Kopf verdreht. Entgegen seiner Pläne verweilt dieser nun wochenlang in Venedig, gewinnt neue Freunde, aber auch Feinde und hofft durch ein Empfehlungsschreiben Goethes den berühmten Dichter Lord Byron zu treffen.
Zunächst gestalten sich die Tage in Venedig äußerst angenehm, doch dann erreicht Schopenhauer eine Nachricht, die das unverhoffte Glück abrupt beendet…

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Meine Meinung über dieses Buch ist zwiegespalten.

Einerseits gibt es vieles, was mir sehr gut gefallen hat, so z.B. Poschenrieders Schreibstil. Mit viel Schwung und erfrischendem Humor beschreibt der Autor Schopenhauers Reiseerlebnisse. Die Wortwahl ist der damaligen Zeit perfekt angepasst, ohne dabei allzu verstaubt zu wirken. Im Gegenteil, nicht selten muss man wegen des einen oder anderen Ausspruchs schmunzeln und vergisst während des Lesens die Zeit. Es kostet keine Mühe über die Zeilen zu fliegen und allein der sprachliche Unterhaltungswert ist sehr hoch.
Zudem erschaffen die malerischen Umschreibungen Bilder im Kopf, die das Erzählte lebendig werden lassen.

Ähnlich verhält es sich mit der Handlung, solange sich diese um Schopenhauers Reise und seinen Aufenthalt in Venedig dreht. Fidelis, ein junger Student, mit dem Schopenhauer einen Teil des Weges gemeinsam reist, hat eine sehr leichtfüßige Lebensart und lockert damit die schwermütigen Gedanken des Philosophen auf unterhaltsame Weise auf.
Kurz vor Venedig geht jeder wieder seines eigenen Weges, sodass Schopenhauer zunächst noch etwas fremd und ziellos durch die Stadt steift, jedoch nach und nach ein Teil eben jener wird. Er lernt Menschen kennen, die der Atmosphäre eine sehr herzliche Note geben. Zudem lässt Schopenhauers Begegnung mit Teresa dessen Menschlichkeit durchscheinen, was ihn durchaus sympathisch macht.
Diesen Teil der Handlung habe ich also sehr gerne gelesen.

Anders hingegen verhält es sich mit den regelmäßigen Einschüben, die sich mit den damaligen Staatsoberhäuptern und allerhand anderen Nebencharakteren befassen. Gerade zu Beginn des Buches wirkt dieser sprunghafte Wechsel der Schauplätze und den dazugehörigen Personen etwas verwirrend. Mir fiel es recht schwer, mich in die Geschichte einzufinden und auf den ersten 50 bis 100 Seiten bereitete mir das Lesen noch kein allzu großes Vergnügen.
Außerdem bleiben viele Figuren durch den kleinen Raum, der ihnen vom Autor zugeteilt wird, recht blass. Zu distanziert wird ihr Verhalten beschrieben und die kurzen Episoden unterbrechen nicht nur einmal den Lesefluss.

In meinen Augen wäre es besser gewesen, wenn sich der Autor entweder nur auf Schoppenhauers Reiseerlebnisse konzentriert hätte oder aber bei den Nebencharakteren mehr in die Tiefe gegangen wäre. So bewegt sich der Leser stets an der Oberfläche und weiß nie so recht, was wirklich in den Personen vorgeht.
Diese Distanz findet man zwar auch in den Beschreibungen Schopenhauers, allerdings lassen einen seine Begegnungen mit anderen Menschen hinter die Fassade schauen.

Alles in allem finde ich es bedauerlich, dass die oben beschriebene Umsetzung das Lesevergnügen ein wenig bremst. Denn eigentlich handelt es sich bei „Die Welt ist im Kopf“ um eine sehr humorvolle und unterhaltsame Geschichte, in der es darum geht, wie sich die damaligen Ereignisse um den berühmten Schopenhauer zugetragen haben könnten.
Der Roman weckt den Wunsch, sich näher mit dem Philosophen zu befassen, sodass einem auf recht lebhafte Weise die Tür zu einem Thema geöffnet wird, das auf den ersten Blick vielleicht etwas trocken wirkt. Doch dieser Aspekt lässt mich nicht gänzlich über die genannten Kritikpunkte hinwegsehen.
Poschenrieders Debüt ist also durchaus interessant und sprachlich sehr gelungen, jedoch in meinen Augen inhaltlich noch ausbaufähig.

© Ada Mitsou

341 Seiten / 21,90 € ~ Diogenes (26. Februar 2010) ~ ISBN: 3257067410

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