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Von japanischen Brotbüchsen, indischen Göttern, komischen Alpendialekten, süßen Südstaaten, afrikanischen Kriechtieren und der Köstlichkeit des langsamen Reisens

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Kristian Ditlev Jensen arbeitet in Dänemark als Journalist, Schriftsteller und Übersetzer. Im Januar 2005 bekommt er das Angebot, für Ud & Se, das Magazin der dänischen Bahn, ein Portrait über den Kronprinzen zu schreiben, doch Jensen findet diesen Auftrag zu trocken. Nach tagelangem Brainstorming hat er schließlich eine bessere Idee: Er möchte mit dem Zug die Welt bereisen und anschließend über seine Erlebnisse und Eindrücke berichten.
Ud & Se ist einverstanden und zeigt sich zudem spendabel, sodass Jensen bereits einen Monat später losfahren kann. Zu seinen Reisezielen gehören Japan, Australien, England, Peru, die Schweiz, Dänemark, Italien, Skandinavien, die USA, China, Südafrika und Indien.
Teilweise nutzt er den Luftweg und die Straßen, um zu seinem Ziel zu kommen, doch letztlich sind es die Zugfahrten innerhalb der bereisten Länder, die seine Berichte ausmachen. Dabei berücksichtigt er nicht nur den Komfort der Bahngesellschaften, sondern schildert auch seine Begegnungen mit fremden Menschen, testet das landestypische Essen und philosophiert über das Reisen im Allgemeinen.

Die ersten Seiten des Buches lesen sich noch etwas trocken. Landschaften werden recht nüchtern beschrieben, Jensens philosophische Ausflüge schweifen vom Thema ab und es passiert zunächst nicht mehr, als dass er mit dem Zug durch Dänemark fährt. Erst nach und nach entfaltet sich das Potential seiner Idee, denn sobald er die Grenzen des eigenen Landes verlässt, wird das Geschriebene spannend.

Diese Spannung äußert sich nicht darin, dass dem Reisenden aufregende Dinge passieren, sondern vielmehr in seiner feinen Bebachtungsgabe. Mit Zeit und Muße nimmt er die jeweils landestypische Kultur unter die Lupe, lässt das Erlebte mit all seinen Sinnen auf sich wirken und hört sich die Lebensgeschichten seiner Reisebekanntschaften an.
Er kostet japanische Spezialitäten, beschreibt die Mängel und Vorteile der Bahn- und Fluggesellschaften, sinniert über die Einsamkeit, wenn man alleine durch die Welt reist und streut hier und da Erinnerungen an seine Kindheit ein.

Zwar wird so manches Thema recht kurz und gebündelt abgehandelt, doch im Ganzen verbuche ich diese Vorgehensweise nicht als Minuspunkt. Es ist vielmehr, als säße man neben Jensen im Zug. Wir teilen uns ein Abteil, fahren unabänderlich dem Ziel entgegen und vertreiben uns nebeneinander die Zeit. Ich sehe ihn, während er aus dem Fenster starrt, bemerke seine neugierigen und offenen Blicke und höre ihm zu, wenn er Lust hat zu reden.

Genauso wie er im Zug sitzt, reist er auch in seinen Gedanken. Hier und da streift er historische Eckpunkte, verbindet technische Fakten mit menschlichen Umgangsformen oder bestaunt einfach nur die verschiedenen Landschaftsformen.
Der wünschenswerte Tiefgang äußert sich in Jensens Begegnungen mit ihm zunächst fremden Menschen. Detailliert und bildhaft beschreibt er deren Besonderheiten, führt interessante Gespräche und lässt sich dadurch zur inneren Reflektion anregen.

Spätestens an diesem Punkt sind die trockenen ersten Seiten vergessen, sodass „Die Köstlichkeit des langsamen Reisens“ zu einem sehr interessanten Reisebericht jenseits aller Hektik wird.
Übrigens, ein Freund Jensens hat ihm vor der Abreise einen Soundtrack zusammengestellt, wodurch die verschiedenen Stationen durch passende Musik untermalt werden. Eine Liste der Lieder befindet sich im Anhang des Berichts.

Alles in allem handelt es sich um ein schönes, kleines Büchlein für all jene, die gerne Zug fahren oder einfach detailverliebte Geschichten über fremde Länder lesen möchten.

© Ada Mitsou

221 Seiten / 19,95 € ~ Hoffmann und Campe (12. August 2008) ~ ISBN: 3455400922

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