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Perry Kretz, geboren 1933 in Köln, studierte in den USA Journalismus und verdiente sein Geld zunächst als Fotograf für die New York Post, die Bildagentur Keystone und die New Yorker Polizei.
Ende der 60er Jahre begann er seine Arbeit als Fotoreporter beim Stern und bereiste in dessen Auftrag die halbe Welt. Sein Beruf führte ihn nicht nur zu den schönen Fleckchen dieser Erde, sondern vor allen Dingen in die Kriegsgebiete, in denen sein Leben mehr als einmal am seidenen Faden hing.
In „Augen auf und durch!“ erzählt Kretz von seinen Erlebnissen sowie den Gefahren und Abenteuern in 35 Jahren Fotojournalismus. Aus dieser Zeit nahm er nicht nur einen Schatz an Erfahrungen mit, sondern auch die zweimalige Auszeichnung der World Press Photo Foundation für das Pressefoto des Jahres – eine der höchsten Auszeichnungen für Fotografen.

Mein Leben als Kriegsreporter

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Während man Kretzs autobiografischen Bericht liest, hat man das Gefühl, man säße irgendwo in einer Bar an einem entlegenen Punkt dieser Erde neben ihm. Hin und wieder nippt man am Whiskey oder nimmt einen kräftigen Schluck Bier und lauscht gespannt seinen Erzählungen. Seine Ausdrucksweise ist dabei umgangssprachlich. Die Worte kommen aus dem Bauch heraus und hier und da schleicht sich ein emotionsgeladener Fluch ein. Doch man merkt, dass da jemand spricht, der Ahnung von seinem Beruf hat.

Kretz kennt die Tricks seiner Branche in und auswendig und um an sein Ziel zu kommen, wendet er sie an. Er wickelt Rebellenanführer und Diktatoren gleichermaßen um den Finger, lässt seinen Charme spielen und geht jedes Risiko ein, um den Lesern zu zeigen, was wirklich in der Welt vor sich geht.
Er begleitet amerikanische Soldaten im Irak, frühstückt mit dem haitianischen Diktator Baby Doc in dessen Villa und spricht sowohl mit afrikanischen Kindersoldaten und kroatischen Scharfschützen als auch mit Vergewaltigungsopfern und bedrohten deutschen Farmern in Südamerika.

Das Erzählte wirkt dabei spannend und schockierend zugleich. Die zahlreichen Fotos, die in dem Buch abgedruckt sind, bringen einem die Worte näher und nebenbei wird das Wissen über die Konflikte und Kriege der Vergangenheit auf eindringliche Weise aufgefrischt.

Und doch habe ich mich mehr als einmal gefragt, wie weit man gehen kann und darf, um ein gutes Foto zu schießen? Wie gut lässt es sich mit dem eigenen Gewissen vereinbaren, wenn man einem Mörder Honig um den Mund schmiert, mit den grausamsten (selbsternannten) Staatsoberhäuptern der Welt auf gut Freund macht und gemütlich mit ihnen ein Bier trinkt, während die Bevölkerung vor den Toren des Palasts im Elend versinkt?
Unterschwellig merkt man, dass die Reportagen für den Stern ein Geschäft sind. Sobald die deutschen Leser übersättigt sind, wird das Thema fallengelassen. Die nächste Sensationsstory wartet bereits, doch der Krieg von gestern hört nicht einfach auf.
Trotzdem und wie zu erwarten, ist „Augen auf und durch!“ auch eine kleines Loblied an eben jene Form des Journalismus bzw. die Vorgehensweise des Sterns.

In dem Punkt fühle ich mich hin und hergerissen: Einerseits finde ich es wichtig, dass man nicht die Augen verschließt vor dem, was viele tausend Kilometer entfernt geschieht. Man muss hinsehen, um wachgerüttelt zu werden und die Arbeit von Kriegsreportern ist ein wichtiger Bestandteil der Aufklärung über die Zustände in anderen Ländern. Es lässt sich nicht leugnen, dass Kretz seine Arbeit wirklich gut gemacht hat.
Zugleich widerstrebt es mir jedoch, dass das Elend anderer Menschen zum Geschäft wird. Eine Zeitung verkauft sich besser, wenn die Titelstory ein Schocker ist. Und ein Buch verkauft sich auch dann gut, wenn persönliche Schicksale ausgeweidet werden.

Perry Kretz ist kein Mann ohne Gewissen, das merkt man an vielen Stellen. Aber er ist eben auch ein Fotograf, der seinen Beruf liebt und alles dafür tut, um ein sensationelles Foto zu schießen. Er hat im Laufe der Jahre gelernt, das eine von dem anderen zu trennen. Mir hingegen fiel das während des Lesens oft schwer.

© Ada Mitsou

368 Seiten / 25 € ~ Hoffmann und Campe (16. März 2010) ~ ISBN: 3455501036

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