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Im letzten Jahr konnte der dänische Krimiautor Jussi Adler-Olsen Tausende von Lesern mit seinem deutschen Debütroman „Erbarmen“ begeistern. Darin geht es um den äußerst eigenwilligen Vizekriminalkommissar Carl Mørck, der von seinem Chef dazu verdonnert wurde, in den Kellerräumen des Kopenhagener Präsidiums ungelöste Fälle neu aufzurollen. Seitdem leitet er das Sonderdezernat Q und sein vorwitziger Kollege Assad, ein Syrer, der eigentlich als Putzhilfe eingestellt wurde, greift ihm dabei tatkräftig unter die Arme.

Mørcks erster Fall drehte sich um die Suche nach einer verschwundenen Politikerin. Jetzt, knapp ein Jahr nach „Erbarmen“, ist Adler-Olsens neuer Roman „Schändung“ erschienen und somit auch der zweite Fall für das ungewöhnliche Ermittlerduo.

Allen interessierten Lesern empfehle ich die Reihenfolge einzuhalten, weil im zweiten Teil doch einige Anspielungen auf den ersten Fall vorkommen und man die Personenkonstellationen wesentlich besser verstehen kann, wenn man „Erbarmen“ bereits gelesen hat.

Mørck ist sauer! Als hätte er mit dem hochmotivierten Assad nicht schon genug zu tun, bekommt seine Abteilung nun auch noch eine neue Mitarbeiterin. Rose Knudsen ist mehrmals durch die polizeiliche Fahrprüfung gefallen, weshalb sie den Beruf der Polizistin nicht ausüben kann. Stattdessen soll die junge Frau nun als Sekretärin in Mørcks Kellerräumen arbeiten.

Das gefällt dem Vizekommissar gar nicht, doch dieses Problem muss erstmal hinten anstehen. Das Sonderdezernat Q hat einen neuen Fall: Vor zwanzig Jahren wurde ein Geschwisterpaar auf brutalste Weise ermordet. Unter Verdacht stand damals eine für ihre Gewalttaten berüchtigte Clique jenes Internats, das die Opfer besuchten. Ein Geständnis legte jedoch nur einer von ihnen ab. Bjarne Thøgersen sitzt seitdem im Gefängnis.

Eigentlich wäre der Fall damit bereits gelöst, gäbe es da nicht ein paar verdächtige Ungereimtheiten: Kimmie, das einzige Mädchen der Clique, ist seit vielen Jahren spurlos verschwunden. Zudem wächst Bjarnes Vermögen trotz seines Gefängnisaufenthaltes kontinuierlich weiter und letztlich untersagt die Polizeipräsidentin jegliche Ermittlungen in dem Fall.

Mørck traut der Sache nicht und geht der Spur auf eigene Faust nach. Ein äußerst heikles Unterfangen, das ihn in die höchsten Kreise der dänischen Gesellschaft, aber auch in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele führt…

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Zunächst einmal sei gesagt, dass „Schändung“ anders aufgebaut ist als „Erbarmen“. Lag die Konzentration im ersten Fall auf zwei Handlungssträngen – den Ermittlungen und der Situation des Opfers –, so gibt es in dem vorliegenden Roman drei verschiedene Blickwinkel:

An erster Stelle steht die Arbeit von Mørck und Assad. Mørcks private Probleme halten sich diesmal dezent im Hintergrund und doch lernen wir den Vizekommissar besser kennen. Der erste Eindruck wird vertieft und die Figur für den Leser greifbarer. Auch diesmal bin ich begeistert von der mürrischen Art und den bissigen Kommentaren des Kommissars. Neu ist jedoch Rose, bei der ich noch nicht genau weiß, was ich von ihr halten soll. Unsympathisch ist sie mir nicht, allerdings wird ihr Charakter erstmal nur grob umrissen.
Assad ist gewohnt vorwitzig und scheint ein Geheimnis zu hüten, das nicht gelüftet wird. Ebenso unklar bleibt der Fall, bei dem Mørcks Freund Hardy verletzt wurde. Dieses Motiv zieht sich zwar genau wie bei „Erbarmen“ durch das Buch und es kommen sogar neue Verdachtsmomente auf, doch letztlich erfährt man nichts Genaues.
Die Konzentration liegt auf den Ermittlungen bezüglich des Geschwistermordes.

Der zweite Erzählstrang handelt von Kimmie, der Frau, die vor Jahrzehnten spurlos verschwand und jetzt auf der Straße lebt. Durch die eingeschobenen Kapitel erfährt der Leser aus ihrer Sicht Schritt für Schritt, was damals wirklich passiert ist und dass mit Kimmie psychisch irgendwas nicht stimmt.

Zu diesen beiden Ebenen gesellt sich ein dritter Handlungsstrang: Die Freundschaft der anderen Cliquenmitglieder Ditlev, Torsten und Ulrik. Die drei gehören zur obersten Gesellschaftsschicht Dänemarks und verdienen mit Schönheitskliniken, Modedesign und Aktien ein Vermögen. Sie alle, inklusive Kimmie, hüten ein Geheimnis.

Anders als bei „Erbarmen“ gibt es in „Schändung“ nur wenige Cliffhanger am Ende der jeweiligen Kapitel. Bestand der erste Fall aus einem rasanten Wettlauf gegen die Zeit, dröseln sich die Zusammenhänge des zweiten Falls erst nach und nach auf. Es geht ruhiger zu, gleichzeitig jedoch auf subtile und realistischere Weise brutaler.
Was damals wirklich geschah, kann man sich ab einem gewissen Punkt zwar zusammenreimen, trotzdem erfährt man die genauen Umstände erst am Ende des Buches, das wieder in einem actionreichen Finale mündet. An Spannung fehlt es nicht, allerdings hätte ich mir gewünscht, dass der psychologische Aspekt noch ein bisschen besser und tiefgründiger herausgearbeitet worden wäre.

Entgegen den kritischen Leserstimmen, die ich bisher vernommen habe, bin ich von dem zweiten Fall des Sonderdezernats Q begeistert. Das Geschriebene konnte mich fesseln, die Handlung ist durchdacht und spannend und die Hauptcharaktere wachsen mir langsam, aber stetig ans Herz. Die kleinen Schwachpunkte konnten mein Lesevergnügen kaum trüben und ich freue mich schon auf den dritten Band der Reihe, der 2009 unter dem Titel „Flaskepost fra P“ in Dänemark erschienen ist und Gerüchten zufolge voraussichtlich im August 2011 unter dem Titel „Erlösung“ auf Deutsch erscheinen wird.

© Ada Mitsou

460 Seiten / 14,90 € ~ DTV (1. September 2010) ~ ISBN: 3423247878

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