Schlagwörter

, , , ,

Ketil Bjørnstad ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Pianist und Komponist. All diese künstlerischen Tätigkeiten fließen in seiner Trilogie um den jungen Pianisten Aksel Vinding zusammen.
„Die Frau im Tal“ ist der dritte und letzte Band der Vinding-Trilogie. In meinen Augen muss man die Vorgänger gelesen haben, damit man die Zusammenhänge, aber vor allen Dingen auch die Gefühle in dem vorliegenden Buch verstehen kann.

Nach dem Freitod von Aksels Frau Marianne, versucht sich der 19jährige Pianist das Leben zu nehmen. Er wird in letzter Sekunde aus dem Wasser gefischt und wirft nach diesem Einschnitt seine bisherigen Pläne über den Haufen. Eigentlich sollte er durch Europa touren, als er jedoch auf Mariannes Beerdigung deren Schwester Sigrun kennenlernt, beschließt er der Ärztin in den hohen Norden Norwegens zu folgen. Nahe der russischen Grenze möchte er Rachmaninows Stücke einstudieren und die Seele des russischen Komponisten ergründen.
Sigrun und ihr Ehemann Eirik nehmen Aksel herzlich auf, doch jener unterliegt schnell der geheimnisvollen Anziehungskraft, die von Sigrun ausgeht und bisher alle Skoog-Frauen auf ihn ausgeübt haben. In der Dunkelheit des Nordens finden sich die beiden in der Musik…

~

Wie auch in den beiden anderen Teilen „Vindings Spiel“ und „Der Fluss“ gefällt mir Bjørnstads Schreibstil unheimlich gut. Das Geschriebene liest sich sehr leicht und mühelos, doch die Sprache, die hinter den Worten steckt, erzählt viel mehr als bloß eine Geschichte.

Die Wörter reihen sich wie eine Melodie aneinander. Sie wurden feinfühlig komponiert, tragen die Geschichte wie ein Blatt im Wind, das mal ruhig und leicht dahinsegelt, mal wild  im Sturm wirbelt. Der Wind selbst ist im übertragenden Sinne die Leitmelodie. Er ist die Melancholie, die unterschwellig zwischen den Zeilen steckt und sich unermüdlich durch Aksels Leben zieht.
Diese Schwermut nimmt den Leser gefangen. In der Kälte Norwegens folgt man Aksels Spuren im Schnee, vernimmt seine Silhouette im Schein des Polarlichts und taucht ein in eine Welt, die sowohl die klassische Musik als auch obsessives Begehren thematisiert.
Bjørnstad erschafft damit eine Gefühlswelt, die man nicht nur nachempfinden, sondern durch den hohen Stellenwert der Musik auch hören kann.

Im Vordergrund steht Aksels Spiel. Mit Leidenschaft entlockt er dem Klavier Töne, die all das ausdrücken, was in ihm vorgeht: Verwirrung, Zärtlichkeit, Verzweiflung und Trauer. Sigruns Geigenspiel ergänzt die Komposition mit Wehmut und Zerbrechlichkeit. Zusammen scheinen sie stark.

Doch genau dieses neue Zusammenspiel der beiden Romanfiguren entlockt mir hinsichtlich der Bewertung des Buches ein Seufzen. Einerseits findet die Trilogie durch das Zusammentreffen von Aksel und Sigrun ein rundes Ende. Beide trauern um etwas. Beide begegnen sich in einer Phase der Verzweiflung. Auch das etwas überraschende Ende des Romans wirkt auf seine Weise stimmig.
Doch letztlich – und hier kommt das Seufzen – hat Bjørnstad dasselbe Motiv zum dritten Mal in Folge aufgegriffen. Im ersten Band verliebte sich Aksel in Anja. In seiner Trauer nach deren Tod begegnet er Marianne, der Mutter seiner ehemaligen Freundin, und verliebt sich in sie. Das fand ich damals etwas merkwürdig, aber doch alles in allem gut umgesetzt. Jetzt trifft er auch noch die Schwester von Anjas Mutter und das Spiel beginnt von vorne.

Beim dritten Mal wirkt die Obsession für die Skoog-Frauen einfach aufgewärmt und somit weit weniger leidenschaftlich als zuvor. Hinzu kommt das Selbstmordmotiv, das sich vom ersten bis zum letzten Band durch die Geschichte zieht, mal glaubwürdig, mal fast nebensächlich eingeschoben.
In meinen Augen ist das Thema ausgereizt und ehrlich gesagt, bin ich auch ein bisschen froh, dass es nicht noch eine Tochter oder Schwester gibt, die im vierten Teil eine Rolle spielen könnte.

Nichtsdestotrotz bewerte ich „Die Frau im Tal“ mit vier Sternen. Die Sprache ist poetisch und transportiert Stimmungen und Gefühle auf einfühlsame Weise. Die Begeisterung für die klassische Musik verleitet dazu, sich die Stücke anzuhören und wenn man dies tut, merkt man, dass Bjørnstad nicht nur Musiker ist, sondern die Musik auch wunderbar und vor allen Dingen erstaunlich treffend in Worte fassen kann.
Wer melancholische, leise und zugleich aufwühlende Bücher mag, sollte die Vinding-Bücher unbedingt lesen. Der dritte Band verkörpert trotz der inhaltlichen Schwächen das Gefühl des Ankommens und bringt die vorherigen Ereignisse zu einem runden Ende.

© Ada Mitsou

335 Seiten / 22,90 € ~ Insel Verlag (20. September 2010) ~ ISBN: 345817477X

 

Advertisements