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Dieses Buch ist kein gewöhnliches Buch. „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“ ist weder ein Roman, der unterhalten soll, noch ein Sachbuch, das über den Verlauf und die Heilungschancen von Brustkrebs aufklären möchte. Vielmehr handelt es sich um das ganz persönliche Tagebuch von Judith End, einer jungen Mutter, die mit 25 Jahren erfährt, dass in ihrer rechten Brust ein Tumor wächst.

Fast zwei Jahre lang lässt sie den Leser an ihren Ängsten und Sorgen, ihren Gedanken und Freuden teilhaben. Vieles von dem Geschriebenen spielt sich in ihrem Inneren ab. Judith stellt sich Fragen, die ihre Erkrankung unmittelbar auslöst: Was passiert, wenn ich sterbe? Wie wird Paula ohne Mama klarkommen? Und wie soll ich mit dieser Diagnose den Alltag bewältigen, als wäre nichts geschehen?
Gerade letzteres gestaltet sich nicht leicht. Judith muss sich mehreren Operationen unterziehen, gleichzeitig aber dafür sorgen, dass Paula so wenig wie möglich aus ihrem gewohnten Alltag gerissen wird. Nebenher stehen auch noch Prüfungen an der Universität an.

Zu Beginn scheint das alles ein riesiger Berg zu sein, den Judith aus eigener Kraft nicht bewältigen kann. Die Behandlungen schwächen ihren Körper, ihr Selbstbewusstsein leidet unter den optischen Veränderungen und die mitleidigen Blicke der anderen hängen ihr zum Hals raus. Sie leidet und weint, badet manchmal im Selbstmitleid und fühlt sich einfach nur schwach und elend. Sie trauert um ihr altes Leben und weiß zugleich, wie wichtig es wäre, zu kämpfen.

Vielleicht ist es auch Paula zu verdanken, das Judith nicht aufgibt – dem kleinen, einfühlsamen Wesen, das seine Mama über alles liebt und doch hin und wieder böse wird, weil ihr die ganze Situation einfach zuviel wird. Mama kann nicht mehr richtig spielen und schläft den halben Tag, dann bekommt sie eine furchterregende Glatze und die anderen Kinder im Kindergarten sagen böse Sachen. Sie hat es nicht leicht und doch boxt sie sich durchs Leben wie eine tapfere, kleine Kriegerin.

Steht auf der einen Seite die Konfrontation mit Krankheit und Tod, spürt man hier wie viel Liebe zwischen den Zeilen steckt. Die Dialoge zwischen Judith und Paula gehen ans Herz, ohne kitschig zu sein. Paulas kindliche Fragen verleiten einen hin und wieder zum Schmunzeln und letztlich ist es bewundernswert, wie gut Judith immer noch in ihren Rollen als Mutter, Freundin und Studentin funktioniert.

Diese Bewunderung begründet sich jedoch nicht in Effekthascherei. Das Geschriebene wirkt nicht ausgeschmückt, sondern sehr realitätsnah und umgangssprachlich. Judith möchte kein Mitleid haben. Vielmehr schreibt sie einfach nur nieder, was sie bewegt, wie die Tage während der Chemotherapie verlaufen und wie es sich anfühlt, mit all den neuen Ängsten konfrontiert zu werden.
Ich hatte oft das Gefühl, während des Lesens ganz in ihrer Nähe zu sein. Als wäre ich eine Bekannte, die das Geschehen mitverfolgt, eine junge Frau, die Judith im Club beim Tanzen beobachtet oder eine Besucherin, die sie im Krankenhaus sieht.
Manchmal fühlte sich das sehr familiär und warm an, manchmal auch sehr ernüchternd und fremd.

„Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“ ist kein Ratgeber. Ich weiß nicht, wie sich andere Frauen fühlen, die an Brustkrebs erkranken. Und ich weiß auch nicht, wie ich jetzt am besten reagiere, falls ich jemals einer Betroffenen begegne.
Trotzdem habe ich dieses Buch gerne gelesen, weil es einem unverfälschte Einblicke in die Gedankenwelt einer jungen Frau mit Brustkrebs gibt. Das ist berührend und informativ und zugleich macht es dank Paula und Judiths liebevollem Umgang mit ihr auch ein bisschen warm.

Kurzum: Der Inhalt dieses Buches ist keine große, fantastische Geschichte, sondern einfach menschlich. Und genau das macht es so gut.

© Ada Mitsou

297 Seiten / 16,95 € ~ Droemer/Knaur (4. Oktober 2010) ~ ISBN: 3426275392

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