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©FinePic / Helmut Henkensiefken

Im Herbst 2006 erhält Judith End die Diagnose Brustkrebs. Diese unerwartete Nachricht reißt der jungen Mutter und Studentin zunächst den Boden unter den Füßen weg. Ihre Tochter Paula ist zu dem Zeitpunkt erst vier Jahre alt, Judith steckt mitten in der Examensprüfung und hat sich zudem gerade erst verliebt.

In ihrem Buch „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“ erzählt sie, wie es  ist, mit der Krankheit konfrontiert zu werden. Sie schildert  ihre Gedanken und Gefühle, beschreibt den Alltag mit ihrer Tochter und wie kräftezehrend sich die zahlreichen Behandlungen auf ihren Körper ausgewirkt haben.

Heute geht es Judith soweit wieder gut und ich freue mich sehr, dass sie die Zeit gefunden hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. In dem folgenden Interview spricht sie darüber, wie es sich anfühlt, mit ihrer persönlichen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, inwiefern der Krebs ihr Leben verändert hat und welche Pläne sie derzeit für die Zukunft schmiedet.

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Ada: Warum hast du dich dazu entschlossen, ein Buch über deine Geschichte zu schreiben?

Judith: Ich habe mir den Schritt, mit einer so privaten Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, gut überlegt. Ich erzähle sehr offen über all die Dinge, die mich bewegt haben während der Zeit meiner Erkrankung und gewähre damit einen Einblick in mein Leben und meine Seele. Aber bei aller Authentizität ist es immernoch eine literarische Verarbeitung und nicht mein privates Tagebuch, das ich veröffentlicht habe.
Ich habe mich während meiner Erkrankung oft sehr einsam gefühlt. Nicht, weil ich keine Freunde oder Familie gahabt hätte, die für mich da waren, sondern, weil ich die einzige unter ihnen war, die sterben konnte, die mit der Angst leben musste, vielleicht ihr Kind alleine lassen zu müssen. Auch wenn es heute durchaus eine gewisse mediale Präsenz gibt und das Thema nicht mehr ganz so stark tabuisiert wird, isoliert Krebs jeden Betroffenen immernoch sehr stark. Ich wollte mich mitteilen und erzählen, wie es nicht nur mir, sondern jedem Menschen geht, der mit einer solchen Diagnose leben muss und das sind nicht wenige. Brustkrebs ist die häufigste Todesursache bei jungen Frauen und jeder 3. Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Aber wenn jemand darüber schreibt oder spricht, wird er immernoch gefragt, warum die Öffentlichkeit erfahren sollte, wie man sich als Erkrankter fühlt. Das verstehe ich nicht.
Ich selbst dachte beim Schreiben immer wieder: Wenn es da draußen eine Handvoll Menschen gibt, die sich nach der Lektüre meiner Geschichte nicht mehr ganz so alleine fühlen, weil sie sich in meinen Gedanken wiedergefunden haben, dann hat es sich schon gelohnt.

Ada: Und wie bist du dabei vorgegangen? Hast du deine damaligen Gedanken im Nachhinein rekonstruiert oder liegt dem Geschriebenen ein Tagebuch zugrunde?

Judith: Ich habe vieles schon während der akuten Zeit aufgeschrieben und den Rest dann im Nachhinein rekonstruiert. So ist eine Mischung aus ganz Unmittelbarem, Impulsivem und Reflektion entstanden. Das hat gut funtioniert und so hatte ich die Gelegenheit, mir das Erlebte auch nochmal mit Abstand vorzunehmen, was mir bei der Verarbeitung sehr geholfen hat.

Ada: Wie hast du den passenden Verlag gefunden?

Judith: Über eine Literaturagentur. Das war ganz unkompliziert und so erspart man sich selbst das Verhandeln und Anbieten.

Ada: Als ich dein Buch gelesen habe, hatte ich oft das Gefühl, wie eine zurückhaltende Bekannte auf deinem Sofa oder auf einem Stuhl in der Ecke des Krankenhauszimmers zu sitzen. Einerseits fühlt sich diese Nähe irgendwie freundschaftlich an, andererseits auch ein bisschen komisch – so als würde man das Tagebuch eines Fremden lesen und so in dessen Privatsphäre eindringen. Wie fühlt es sich für dich an, dass nun viele Menschen deine stillen und sehr persönlichen Gedanken nachlesen können?

Judith: Menschen, die mich nicht kennen, lesen im Grunde einfach eine Geschichte, etwas gefühlt Fiktives, wenn man so will. Daher fühlt es sich nicht seltsam an. Das Gefühl sehr viel preisgegeben zu haben, stellt sich eigentlich nur ein, wenn Bekannte und Freunde das Buch lesen. Ich habe mich ja aber bewusst dafür entschieden, das Buch so zu schreiben wie es ist, also authentisch und ohne Zensur und Eitelkeiten. Ich glaube schon, dass mich einige Menschen noch besser kennen lernen durch das, was ich aufgeschrieben habe. Aber ich schäme mich ja nicht für das, was ich erzähle, daher finde ich es völlig in Ordnung. Anders macht so ein Buch auch keinen Sinn.

Ada: Erkennen dich Leute auf der Straße wieder? Falls ja, wie reagieren sie?

Judith: Nach Auftritten oder Beiträgen im TV wurde ich schonmal auf der Straße angesprochen, aber das kam vielleicht zwei Mal vor bis jetzt. Auf der Buchmesse ist es auch ein paarmal passiert, aber wenn ich vor meinem Buch stehe, ist es auch nicht schwer, mich zu erkennen. Die Menschen waren bisher immer sehr sehr nett und sind sehr offen auf mich zugegangen und haben ihre Eindrücke zum Buch geschildert. Wenn man anderen offen begegnet, kommt ja meist Offenheit zurück. Das finde ich ganz schön.

Ada: In deinem Buch erzählst du davon, dass du in der Zeit nach der Diagnose oft ein mitleidserfülltes Lächeln oder Zwinkern geschenkt bekommen hast. Welche Reaktionen hättest du dir in der Zeit gewünscht und welche Verhaltensweise würdest du Menschen empfehlen, die nicht so recht wissen, wie sie mit dem Betroffenen bzw. seiner Erkrankung umgehen sollen?

Judith: Der Umgang mit einem sehr kranken Menschen ist zugegebenermaßen nicht ganz leicht. Ich selbst bin da auch schon an meine Grenzen gestoßen, obwohl ich denke, ich müsste eigentlich wissen, was man in so einer Situation möchte und was nicht. Die Begegnung mit einem jungen kranken Menschen erinnert an die eigene Sterblichkeit und das verstört und verusichert zusätzlich. Viele denken, dass es leichter ist, wenn man sich nichts anmerken lässt, aber das funktioniert in der Regel nicht. Man möchte aber auch nicht mit Mitleid überschüttet werden, denn oft bemitleiden die Leute in Wahrheit nur sich selbst. Man darf auch sagen: Ich bin unsicher. Oder: Ich weiß jetzt nicht so recht, was ich sagen soll oder wie ich mit dir umgehen soll. Das ist allemal besser als so zu tun, als sei nichts oder irgendwelche seltsamen Übersprungshandlungen an den Tag zu legen. Man möchte auch nicht ständig mit Samthandschuhen angefasst werden. Ehrliches Mitgefühl wünscht man sich schon, aber trotzdem möchte man als normaler Mensch behandelt werden.

Ada: Mir fällt es schwer, deinem Buch eine Sternebewertung zu geben, wie ich es sonst bei Romanen tue. In meinen Augen kann man ein persönliches Schicksal und die damit verbundenen Gedanken nicht im klassischen Sinne bewerten, weil es eben echte Erfahrungen und Gefühle sind und keine konstruierten Geschichten, die der Unterhaltung dienen. Wie empfindest du dieses Bewertungssystem in Hinblick auf deine Geschichte?

Judith: Ich finde man kann durchaus sagen, das Buch hat mir gefallen oder es hat mir nicht gefallen. Unabhängig von der Geschichte, kann man bewerten, ob man findet, dass es sich um ein gutes Buch, also eine gute Lektüre handelt. Meine Entscheidungen und Gefühle zu bewerten, ist schon etwas anderes. Das sollte man abstrahieren können, wenn man eine Bewertung abgibt. Das eine hat mit dem anderen auch nichts zu tun, finde ich. Ein Buch, in dem sich der Protagonist nicht so verhält, wie ich es selbst tun würde, oder gutheiße, ist ja noch kein schlechtes Buch und umgekehrt auch nicht. Wenn man diese Ebenen nicht vollkommen außer Acht lässt, kann man das Buch durchaus bewerten.

Ada: Wie hat sich dein Leben durch den Krebs verändert? Kannst du diesen Veränderungen auch etwas Gutes abgewinnen?

Judith: Ich bin selbstbewusster geworden und das meine ich im wortwörtlichen Sinne: Ich bin mir meiner Selbst bewusster. Ich kann meine Gefühle besser wahrnehmen und besser darauf reagieren. Ich kann mich besser abgrenzen und weiß heute schon sehr viel mehr darüber, was ich vom Leben will und was mir wichtig ist.
Man wird auf sehr brutale Weise auf sich selbst zurückgeworfen in einer solchen Situation und hat praktisch kaum eine andere Wahl, als sich mit seiner eigenen Person und seiner Seele zu beschäftigen. Wenn man das Glück hat, wieder gesund zu werden, hat man durchaus die Chance, gewachsen aus einer solchen Lage hervorzugehen.
Trotzdem ärgere ich mich auch heute noch genauso über Kleinigkeiten. Man wird nicht automatisch weise und gelassen, weil man dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Aber ich habe eine gewisse Demut und Dankbarkeit gelernt, die ich vorher nicht so bewusst empfunden habe und verstehe es heute besser, im Hier und Jetzt zu leben und mir nicht so viele Gedanken um die Zukunft zu machen. Die kommt oder kommt eben nicht, aber das Leben findet immernoch im jeweiligen Moment statt. Am großen Glück arbeite ich zwar noch, aber ich bin mir selbst nach dieser schweren Zeit wesentlich näher als vorher, obwohl ich lange dachte, der gute Teil meines Lebens, der als unbeschwerter junger Mensch, sei unwiederbringlich vorbei und verloren. Jetzt glaube ich sicher, der beste Teil kommt noch.

Ada: Was ist für dich heute das Wichtigste im Leben?

Judith: Mein Kind
Meine Familie und meine Freunde
Meine Gesundheit
Zufriedenheit im allgemeinen

Ada: Ich habe die Episoden mit Paula sehr gerne gelesen, weil du sie darin so warm und liebenswürdig beschreibst. Sie scheint ein sehr einfühlsames und cleveres Mädchen zu sein und trotz der Schwere des Themas musste ich an vereinzelten Stellen auch über ihre kindlichen Fragen schmunzeln. Bist du mittlerweile in den Genuss eines Paula-Tees zum Frühstück gekommen?

Judith: Oh ja. Wenn Paulas beste Freundin bei uns übernachtet, haben die beiden ein Ritual entwickelt und kümmern sich ums Frühstück. Das heißt dann, dass morgens um 5 die ersten Teller zu Bruch gehen und ich spätestens um 6 geweckt werde. Dann gibt es nicht nur Tee, sondern alle verfügbaren Schüsseln und Kannen wurden mit irgendwelchen kreativen Saft-Quark-Marmeladen-Kakao-Mischungen angefüllt. Ich werde also sehr verwöhnt, nur leider gehört das anschließende Aufräumen und Spülen noch nicht zu den Leidenschaften der Mädchen.

Ada: Möchtest du, dass deine Tochter dein Buch irgendwann liest und hast du dafür ein bestimmtes Alter vorgesehen?

Judith: Ob sie das Buch lesen will, muss sie irgendwann selbst entscheiden. Ich denke aber vor 14, 15 sollte sie es nicht lesen, das könnte neue Ängste schüren. Aber im Grunde liest sie dann ja auch ihre Geschichte und wird sich an manches wohl auch noch erinnern können. Ich kann mir vorstellen, dass es auch für sie noch einmal eine Verarbeitung des Ganzen sein kann, wenn sie es als junge Frau oder im Teenageralter lesen wird.

Ada: Wie sieht für dich ein perfekter Tag aus?

Judith: Frei haben, Sonne, Freunde um sich, gutes Essen, eine glückliche Tochter. Mehr braucht es nicht.

Ada: Magst du uns zum Abschluss noch etwas über deine Zukunftspläne erzählen?

Judith: Ich habe sowohl beruflich als auch privat noch einiges vor, aber was das genau ist, muss ich erstmal selbst rausfinden. Ich möchte gerne weiterschreiben, das weiß ich. Und ich möchte mehr Zeit für mich und meine Tochter haben.
Sehr viel mehr Pläne will ich gar nicht machen, denn ich weiß ja, dass in der Regel sowieso alles anders kommt.

Ich bedanke mich für das Interview und wünsche dir und deiner Tochter alles Gute!

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Judiths Buch

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