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Flattersatz habe ich durch das Bloggen kennengelernt. Er ist einer der wenigen männlichen Blogger in meiner Linkliste und schreibt in meinen Augen ganz wunderbar und tiefgründig über Bücher. Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, kann ihn gerne auf seinem Blog aus.gelesen besuchen.
Neben dem Bloggen liest Flattersatz gerne vor und weil das so gut zu dem bevorstehenden Vorlesetag passt, habe ich ihm ein paar Fragen dazu gestellt.

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Von afrikanischen Früchten, brüllenden Löwen und lachenden Hexen

Ada: Hallo Flattersatz, auf deinem Blog habe ich gelesen, dass du mit Begeisterung Kindern vorliest. Welchen Stellenwert gibst du Büchern in der heutigen Zeit und welche Rolle spielt das Vorlesen dabei?

Flattersatz: Meiner Erfahrung nach sind Kinder gut für Bücher zu begeistern. Bücher haben gegenüber den ganze elektronischen Medien einen großen Vorteil: Man kann Kinder schon in den frühesten Tagen an sie heranführen. Die Gute-Nacht-Geschichte, die Mama oder Papa am Bett aus einem Buch vorlesen, kann sozusagen der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft sein… Man kann Bücher anfassen, begreifen, toll mit Mamas Lippenstift ausmalen, sogar Origami läßt sich üben (nur sollte man den Kindern dann keine Erstausgaben in die Hand drücken..). Mit anderen Worten: Das Elternhaus ist wichtig. Wenn Bücher dort etwas Selbstverständliches sind, man bei Fragen nicht nur  googelt, sondern vielleicht auch ein gedrucktes Lexikon in die Hand nimmt, dann werden Bücher Teil des Lebens. Und das Vorlesen halte ich insofern für extrem wichtig, weil die ersten Jahre die Tatsache, dass jedes Buch ein Abenteuer ist, eine neue Welt bedeutet, nur dadurch deutlich wird, dass man es vorliest, schließlich können die Kinder ja noch nicht lesen und wir können sie nur durch das Vorlesen teilhaben lassen und mitnehmen in die Buchwelt.

Man muss sich auch darüber klar sein, daß Kinder Geschichten nicht primär mit dem Verstand aufnehmen, sondern viel mehr über das Gefühl. Und um dieses Gefühl zu reproduzieren, können Kinder eben auch ein Märchen x-mal hintereinander hören. Aber das ist auch ein wahnsinnig effektiver Zugang, um Kindern Bücher wertvoll zu machen, weil man eben alle Gefühle in ihnen erzeugen kann durch eine gute Geschichte.

Ada: Liest du hauptsächlich in deinem privaten Umfeld oder arbeitest du mit bestimmten Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen zusammen?

Flattersatz: Beides. Wenn man einmal den Einstieg gefunden hat, läuft es eigentlich von selbst weiter. Was den privaten Bereich angeht, versuche ich mehr für Erwachsene zu lesen. Das sind aber Einzelveranstaltungen, keine regelmäßigen Termine. Obwohl – mit ein wenig Glück ist mir da jetzt der Anschluss an eine Gruppe gelungen, die regelmäßig mit schon etwas ausgedehnterem Bekanntheitsgrad liest. Schaumermal.

Ada: Wie oft finden diese Vorlesestunden statt und wie viele Kinder nehmen durchschnittlich daran teil?

Flattersatz: Regelmäßig lese ich einmal monatlich an einer Grundschule, dort bin ich jetzt mit den Kindern in die zweite Klasse versetzt worden. Es sind immer so 22, 23 Kinder da, die mich mittlerweile schon mit viel Hallo auf dem Schulhof begrüßen und sich sichtlich auf die Lesestunde freuen. Auf „Anforderung“ lese ich auch noch mit einigen Kollegen zusammen in einer anderen Grundschule. Das ist etwas anstrengender, da wir hier dann in einer Stufe lesen, also unter Umständen in drei verschiedenen Klassen, so dass dann mit Pausen etc. fast ein Vormittag vergeht.

Daneben finden immer noch mal unregelmäßig Veranstaltungen statt, bei denen ich gefragt werde, ob ich nicht mal was vorlesen könnte. Am Volkstrauertag zum Beispiel lese ich im Rahmen einer kleinen Buchausstellung der örtlichen katholischen Bücherei in der Kirche vor, am Vorlesetag bin ich natürlich dabei. Sowas ergibt sich dann automatisch….

Ada: Erinnerst du dich noch an deine allererste Vorlesestunde? Wie hast du dich dabei gefühlt?

Flattersatz: Natürlich ist man dann etwas nervös, aber im Grunde war ich mir sicher, dass ich halbwegs vernünftig vorlesen kann. Wenn man dann nach ein paar Minuten merkt, dass die Kinder von der Geschichte gefesselt sind, mit offenen Mündern dasitzen, das Nasebohren vergessen und der Finger bewegungslos im Nasenloch steckenbleibt, dann läuft es eh wie von selbst und man fühlt sich toll. Gottseidank bin ich bis jetzt noch nicht in die Situation gekommen, dass eine Geschichte überhaupt nicht gefallen hat.

Ada: Wie viel Zeit beansprucht die Vorbereitung für eine solche Veranstaltung und wie gehst du bei der Auswahl der passenden Lektüre vor?

Flattersatz: Die Auswahl der Lektüre ist ein schwieriger Punkt. Mit „meiner“ Lehrerin spreche ich mich halt immer ab, wir treffen uns dann ein paar Tage vor dem Lesen und reden über die Stunde. Sie gestaltet dann mit viel Liebe das Umfeld (für die Afrika-Geschichte zum Beispiel einen Tisch mit „afrikanischen“ Früchten und Gegenständen (Masken, Palmen u.ä.)). Ansonsten bin ich der Meinung, eine unpassende Geschichte gut gelesen ist immer noch besser als eine passende Geschichte, die man langweilig liest… ;-) Ehrlich gesagt, das Auswählen der Texte bei den Kindern ist nicht meine Stärke, ich bin immer ganz zufrieden, wenn mir ein Text gegeben wird.

Wieviel Zeit… das ist wohl sehr individuell, jeder hat hier seinen eigenen Stil. Der Mitleser von letztem Samstag (für Erwachsene) hatte seine Textblätter wie Partituren mit Strichen, Haken, Bögen gekennzeichnet, entsprechend professionell waren seine Texte dann auch interpretiert. Ich selbst lese mir meine Texte vorher zwei-, dreimal laut vor. Laut ist wichtig, damit man merkt, wo die wichtigen Stellen sind, wie man betonen muss und ob man Mimik und Gestik einsetzen kann. Der Rest wird improvisiert, wobei ich auch immer versuche, die Stimmung aus dem Zuhörerkreis aufzunehmen.

Ada: Ist es schwer, die Aufmerksamkeit der kleinen Zuhörer zu gewinnen und vor allen Dingen auch aufrecht zu erhalten?

Flattersatz: Ich denke, man kann davon ausgehen, dass die Kinder erst einmal grundsätzlich neugierig sind. Natürlich ist (leider) die Fähigkeit zur Konzentration unterschiedlich, man hat immer wieder mal ’nen Zappelfillip in der Klasse oder Gruppe. Da ist es dann gut, wenn noch eine andere Person dabei ist (wie bei mir die Lehrerin), die dann eingreifen kann, weil das für die anderen Kinder störend ist. (In Kindergärten ist es oft ungünstiger, manche Kindergärtnerinnen nutzen die Vorlesestunde zur kleinen Pause zwischendurch und man ist dann allein mit den Kindern, die vielleicht viel lieber mit den Bauklötzen oder den Puppen spielen möchten als still zu sitzen …)

Man muss sich, wenn man vor Kindern liest, klar darüber sein, dass dies ein sehr kritisches Publikum ist, weil die ganzen sozialen Gepflogenheiten, die unter Erwachsenen herrschen, noch nicht so ausgebildet sind. Wenn ein Kind eine Geschichte schlecht findet, dann sagt oder zeigt es dies auch, im Gegensatz zu Erwachsenen, die vielleicht aus lauter (und vermeintlicher) Höflichkeit still bleiben. Ich lese daher „ergebnisorientiert“: Es muss den Kindern Spaß machen, es muss spannend sein. Ich habe also keine Probleme, einen Teil der Geschichte einfach auszulassen, wenn ich meine, dass dieser zu langatmig oder zu kompliziert ist. Und dann bemühe ich mich im Grunde, nicht vorzulesen.

Ada: Glaubst du, dass jeder, der des Lesens mächtig ist, vorlesen kann oder braucht man dazu bestimmte Eigenschaften und ein besonderes Talent?

Flattersatz: Nein, besondere Eigenschaften oder Talente braucht es dafür wohl nicht, obgleich ich denke, nicht jeder kann gleich gut vorlesen. Jeder hat natürlich auch (und entwickelt) seinen eigenen Stil. Ich zum Beispiel bemühe mich, die Kinder mit einzubeziehen. Du gebrauchst später den Begriff „lebendiges Vorlesen“, der trifft es eigentlich ganz gut. Wenn es also z.B. eine Szene gibt, in der sich das Mädchen Johanna auf der Verfolgung des Meisterdiebes hinter einem Vorhang verstecken muss, les‘ ich ganz leise und langsam, habe den Finger vor dem Mund und schaue sehr intensiv in die Runde der Kinder. Und dann zählt Johanna von zehn bis eins rückwärts, bis sie ihr Versteck wieder verlässt und wir alle zählen leise mit: zehn, neun, acht…. das macht den Kindern sehr viel Spaß (und eine erste Klasse übt dabei auch noch die Zahlen…). Wenn bei einer Tiergeschichte der Löwe brüllt, der Elefant trompetet, der Hund bellt und die Büffel trampeln, sitzen wir auch alle da und brüllen, trompeten, bellen und trampeln, was das Zeug hält (für solche Aktionen ist ein Stop-Wort sehr sinnvoll.. :-D) . Wenn es im Text heißt „Die Hexe lacht hämisch“, dann lach ich eben auch hämisch und lese den Text entsprechend. Das gleiche mit Schnarchen, Grunzen etc pp. Man kann mit der Stimme so viel machen. Wenn es wenige Personen sind, kann man die auch mit verschiedenen Stimmen lesen, das gefällt den Kindern immer sehr gut…. Du siehst, Phantasie ist alles, und alles ist erlaubt, nur keine Langeweile!

Ada: Kann man lebendiges Vorlesen erlernen?

Flattersatz: Ich denke ja.  Es sind ja nur ein paar Tricks, Augenkontakt zum Publikum, den Text durch das Lesen strukturieren (Pausen sind z.B. sehr wichtig, bei Erwachsenen lese ich auch wichtige Passagen zweimal vor, um sie herauszustellen), das Lesen muss zum Text passen: Nachdenkliches also leise und langsam lesen, wenn gerannt wird oder eine Prügelei im Gange ist, laut und ohne Punkt und Komma….. Ich habe es oben schon gesagt, die Stimme ist sehr wichtig, was die Deutlichkeit, die Lautstärke und die Variabilität angeht. Aber das kann man üben und man kann sich auch von Testhörern Tipps geben lassen….

Ada: Deine Begeisterung wirkt ansteckend auf mich. Hast du zum Abschluss noch ein paar Tipps, wie ich selbst eine Vorleserin werden kann und wo ich die passenden Ansprechpartner dafür finde?

Flattersatz: Da ich schon etwas älter bin, ist für mich der Einstieg ins Vorlesen über Senioreninitiativen erfolgt. Ich lese natürich noch immer im Rahmen der Lesepaten mit, aber bei mir läuft auch vieles über private Kontakte, da ich das Glück habe, Freunde zu haben, die z.B als Lehrerin mit Kindern zu tun haben. Ansonsten kann man einfach Schulen (Lehrer) oder Kindergärten ansprechen, ob und inwieweit Interesse besteht. Aber ich muss zugeben, dass ich da nicht wirklich fundiert Auskunft geben kann. Ich könnte mir denken, dass Veranstaltungen immer ein guter Einstieg sind, jetzt zum Beispiel die kommenden Nikolaus- und Weihnachtsfeiern, und wenn der Einstieg erst einmal gelungen ist….

Ich bedanke mich herzlich für dieses spannende und aufschlussreiche Interview!

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