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mit Illustrationen von Jochen Stuhrmann

Blick ins Buch

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Norbert Nackendick ist ein sehr gefährliches und tyrannisches Nashorn. Sein ganzer Körper ist gepanzert und auf der Nase sitzen zwei spitze Hörner. Die anderen Tiere fürchten sich vor ihm, denn Norbert hat immer schlechte Laune und die kleinste Kleinigkeit macht ihn furchtbar wütend!
Um eine Lösung für das Problem zu finden, versammeln sich die Steppenbewohner in einem Tal fernab von Norbert und beratschlagen darüber, wie sie das wütende Nashorn loswerden können. Doch es scheint aussichtslos. Den Tieren bleibt nichts anderes übrig, als zu fliehen und somit ihre Heimat zu verlassen.
Nur einer lässt sich nicht verscheuchen: Karlchen Klammerzeh! Der kleine Vogel mit der spitzen Zunge hält Norbert einen Spiegel vor und das, was Norbert darin erblickt, sieht so furchtbar aus, dass er sich vor sich selbst fürchtet…

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Michael Ende ist einer der bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands. Werke wie „Momo“, „Jim Knopf“ und „Die unendliche Geschichte“ haben unzählige Kinder und auch Erwachsene zum Staunen gebracht. Mit seiner Fantasie erschafft Ende Welten, die etwas Magisches haben und einen dazu einladen, vollkommen darin abzutauchen.

Auch in die Welt von Norbert Nackendick kann man eintauchen. Die Steppe ist ein ganz eigener Lebensraum und die Tiere sind seine Bewohner. Zwischen ihnen herrschen Gesetze, damit ein friedliches Miteinander funktioniert, doch Norbert bringt die Ruhe mit seiner unkontrollierten Wut aus dem Gleichgewicht.
Jedes Tier zeichnet ein bestimmtes Merkmal aus: Die Affen haben den Schalk im Nacken sitzen, die Elefanten sind weise und sanftmütig, die Hyäne kichert ihr hämisches Lachen und der Löwe ist der starke König der Tierwelt.
Ende verleiht den Tieren mit seiner Beschreibung Charakter und nimmt einen mit seiner Erzählweise gefangen.

Doch in seiner Schreibe sehe ich auch einen Kritikpunkt: „Norbert Nackendick“ wird für Kinder ab vier Jahren empfohlen. In Anbetracht dessen habe ich mich hier und da über Endes Wortwahl gewundert. Begriffe wie Philosophie, Niveau, Revolution und das Stürzen eines Herrschers fallen. Ich frage mich, inwiefern Vier- bis Sechsjährige hinsichtlich dessen den Sinn des Geschriebenen erfassen können. Der Vorlesende kann natürlich Hilfestellung leisten und die Wörter erklären. Das wiederum stört jedoch den Lesefluss.
Zudem wirkt die Geschichte ungefähr ab der Hälfte des Buches auf mich zu theoretisch. Karlchen erklärt vieles auf relativ abstrakte Weise, doch es passiert währenddessen wenig. Ich weiß nicht, inwiefern die Aufmerksamkeit der kleinen Zuhörer darunter leiden könnte.

Nichtsdestotrotz hat Norberts Geschichte eine wichtige Aussage: Es geht um den Unterschied zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung, um die Erkenntnis des eigenen Fehlverhaltens und darum, dass es innendrin manchmal ganz anders aussieht als es von außen den Anschein hat.

Ein großer Pluspunkt des Buches, der jegliche Kritik in den Schatten stellt, sind die Illustrationen von Jochen Stuhrmann. Die Bilder untermalen die Geschichte unglaublich passend und machen den stellenweise spröden Text lebendig. Auf jedem Bild gibt es etwas zu entdecken: Affen, die mit Kokosnüssen werfen, Flamingos, die Norbert am liebsten davontragen würden, hüpfende Zebras und eben auch ein zorniges Nashorn, das vor Wut schnaubt. Die im Text enthaltenen Stimmungen finden in feinen Details Ausdruck und die warmen Erdtöne unterstreichen das fremde Klima.

Meiner Meinung nach bräuchten die Illustrationen gar keinen Text, weil man allein durch die bildliche Darstellung eine Geschichte erzählt bekommt, die für sich selbst spricht. Sollte der Text also zu anspruchsvoll sein, kann man sich die Geschichte auch selbst ausdenken, während man mit dem Nachwuchs die schönen Bilder anschaut.

Alles in allem halte ich „Norbert Nackendick“ für empfehlenswert. Die Geschichte ist rund, die Tierwelt spannend und die Kombination zwischen Text und Bild passt sehr gut. Zudem eignet sich das Buch bestens, um einen bevorstehenden Zoobesuch vorzubereiten, da man sich dort alle genannten Tiere auch in Echt ansehen kann und somit ein toller Lerneffekt erzielt wird.
Allerdings bin ich mir unsicher, ob die anspruchsvollen Wörter nicht den Lesefluss stören könnten und es besser wäre, den Text bei den Kleinsten ein wenig abzuändern. Die schönen Bilder leisten dabei eine hervorragende Hilfestellung.

Altersempfehlung: ab 4 Jahren

>> Zum Interview mit dem Illustrator Jochen Stuhrmann

© Ada Mitsou

40 Seiten / 12,90 € ~ Thienemann Verlag (15. September 2010) ~ ISBN: 3522436687