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Jochen Stuhrmann, geboren 1976, hat Mathematik und Bildende Kunst studiert. Nachdem ihm klar wurde, dass er nicht Lehrer werden wollte, studierte er Illustration an der Fachhochschule in Hamburg. Jochen Stuhrmann lebt in Hamburg und arbeitet als Illustrator für Zeitschriften und Verlage, u.a. für Geo und Stern.

Da mir die Bilder in „Norbert Nackendick“ so gut gefallen haben, habe ich die Gelegenheit genutzt und Jochen ein paar Fragen bezüglich seiner Arbeit gestellt.

 

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Ada: Hallo Jochen! Am 26. November findet der 7. bundesweite Vorlesetag statt. Hat dir in deiner Kindheit auch jemand vorgelesen?

Jochen Stuhrmann: Ja, ziemlich sicher. Wenn ich aber versuche mich an konkrete Situationen oder Bücher zurückzuerinnern, wird die Erinnerung sehr vage. Ich war wohl noch recht jung, sicher kann ich mich aber an Lesungen aus Leo Lionis „Frederick“ oder auch aus Petzi-Büchern erinnern. Außerdem haben wir Märchen vorgelesen bekommen.

Ada: Was fandest du spannender: Die Geschichten oder die Bilder?

Jochen Stuhrmann: Kann man das als Kind klar trennen? Bei den Petzi-Büchern weiß ich noch, dass ich sehr gerne beobachtet habe, was die kleinen Nebenakteure Schildkröte und Frosch in den Bildern so trieben, und die beiden finden ja im Text fast keine Erwähnung. Viele Bücher habe ich mir auch alleine angesehen, ohne sie lesen zu können; gemocht habe ich auch Geschichten ganz ohne Texte, z.B. die Bücher von Ali Mitgutsch oder Rolf und Margarethe Rettich.
Auf der anderen Seite habe ich Märchen eher als Geschichten ohne Bilder in Erinnerung behalten. Deswegen würde ich keiner der beiden Seiten als wichtiger ansehen.

Ada: Hast du als Kind auch schon gerne gezeichnet und gemalt?

Jochen Stuhrmann: Gerne gezeichnet habe ich auf jeden Fall schon früh, sehr gerne zum Beispiel dramatische Schlachten von Cowboys und Indianern. Mit der Einschulung fand das natürlich schwerpunktmäßig „gelenkt“ im Kunstunterricht statt, aber später kam dann durch selbstgezeichnete Comicgeschichten wieder das freie Erfinden von Geschichten in Bildern zurück.

Ada: Bevor du Illustrator wurdest, hast du Mathematik und Bildende Kunst auf Lehramt studiert. Wie leicht fiel dir die Entscheidung, beruflich umzuschwenken? Hast du deine Entscheidung jemals bereut?

Jochen Stuhrmann: Da meine Umorientierung schon während des Studiums und vor jeglicher praktischen Erfahrung im Lehramt stattfand, kann ich diese Arbeit schlecht direkt mit der des Illustrators vergleichen. Damals habe ich  gewechselt, da ich mir zwar vorstellen konnte, Kunst zu unterrichten, aber als Mathelehrer wäre ich ein schlechte Besetzung: Ich bin nämlich einer dieser Typen, die auf eine Formel sehen und sie intuitiv verstehen, aber nie sonderlich gut darin sind, sie zu erklären, so nach dem Motto „…wieso, das ist doch alles ganz trivial!“. Eine gute Kombination, um Schüler zu Mathehassern zu erziehen, denke ich.
Der Beruf des Illustrators ist so abwechslungsreich und enwicklungsfähig, dass ich in jedem Fall nochmal so wählen würde. Und gerade als Illustrator für populärwissenschaftliche Medien ist man ja wieder indirekt ein Lehrender.

Ada: Auf deiner Homepage habe ich mir verschiedene Arbeiten von dir angesehen. Neben Kinderbüchern illustrierst du auch Artikel in Fachzeitschriften und Postkarten. Welche Aufträge machen dir am meisten Spaß?

Jochen Stuhrmann: Eigentlich alle. Ich finde so viele Dinge in der Welt beschreibens- oder in meinem Fall eher bezeichnenswert, und je tiefer ich mich beispielsweise in ein wissenschaftliches Sachgebiet einarbeite, desto fantastischer erscheinen diese Dinge. Und natürlich möchte ich gerne jedem Inhalt, sei es nun eine wissenschaftliche Theorie oder ein simpler Glückwunsch, eine möglichst schöne und unterhaltsame optische Fassung geben. Deswegen würde ich am liebsten noch viel mehr unterschiedliche Medien ausprobieren, speziell Film oder auch Spieldesign reizt mich sehr.

Ada: „Norbert Nackendick“ ist eine Geschichte von Michael Ende, einem der bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands. Wie fühlt es sich für dich an, seinen Text zu bebildern?

Jochen Stuhrmann: Ehrlich gesagt habe ich nach dem allerersten Lesen des Textes daran gedacht, ihn NICHT zu illustrieren, da er mir auf die Schnelle betrachtet recht spröde erschien und er darüber hinaus für einen Illustrator große Hindernisse bereithält: Es gibt sehr wenige Schauplätze (eigentlich nur zwei) und ein ziemlich großer Teil des Buches besteht nur aus einem Dialog zwischen zwei einsamen Figuren, von denen die eine sich auch noch lange Zeit überhaupt nicht bewegt.
Allerdings hat dann natürlich nicht zuletzt der große Name Michael Ende mich dazu gebracht, die Geschichte einmal mit dem Zeichenstift durchzuproben und ich war überrascht, welche Qualitäten und Möglichkeiten der Text auf den zweiten Blick doch zeigte.
Das deckt sich aber auch mit meiner Erfahrung, dass Texte oder Textstellen, die auf den ersten Blick nach Bildern geradezu schreien, bei mir oft am Ende viel langweiligere Bilder anstoßen als vermeintlich langweilige oder unmöglich darzustellende Texte.
Und so entschloss ich mich, bei Norbert Nackendick aus dem scheinbaren „Mangel“, dass nämlich der Text weniger aus Handlungen sondern stark aus Dialogen besteht, zum bildnerischen Grundkonzept zu machen und viel mit gemalten Dialogen in Sprechblasen zu arbeiten. Die Lösung des Problems in der Geschichte ist ja auch eine kommunikative, der Tyrann Norbert wird ja durch Sprache „besiegt“.

Ada: In dem Buch spielen Tiere die Hauptrolle. Hast du für deine Illustrationen Vorlagen benutzt, z.B. in Form von Dokumentationen und Zoobesuchen?

Jochen Stuhrmann: Ja, ich habe nach Büchern und Recherche im Internet gearbeitet. Speziell bei den Bildern von der großen Versammlung der Tiere im Talkessel lag mir sehr daran, möglichst viele verschiedene und spannende Bewohner der afrikanischen Savanne zu zeigen. Bei einem Tier aber musste ich von der Realität abweichen: Bei Norbert Nackendick höchstpersönlich. Denn hier gab Michael Ende am Anfang des Textes eine ziemlich genaue Beschreibung: Mit Panzerplatten und zwei spitzen Hörnern auf der Nase. Mein Problem war hier: Das Panzernashorn hat nur ein Horn und lebt überdies in Indien, das Breitmaulnashorn hat zwei Hörner, aber nicht die in dem Text beschriebenen Panzerplatten.
Deswegen ist mein Norbert eine Mischung aus beiden Tieren.

Ada: Orientierst du dich bei der Bebilderung nah am Text oder ergänzt du ihn durch die Illustrationen mit deinen eigenen Vorstellungen und Empfindungen während des Lesens?

Jochen Stuhrmann: Sehr unterschiedlich. Ich habe mal den wie ich finde ganz passenden Vergleich gelesen, dass sich Bild und Text ähnlich wie ein tanzendes Paar verhalten: Mal enger zusammen, mal führt die eine Person, mal die andere. Und manchmal lösen sie sich komplett und tanzen ganz frei. Genauso spannend kann der bildnerische Tanz um den Text herum sein, man kann ihm folgen, ihn umtänzeln, ergänzen oder aber ihn auch unterlaufen.
Interessant ist es ja auch, dass es mich oft mehr reizt, einen fremden Text zu bebildern als einen eigenen: Beim fremden Text ist der Partner wirklich ein eigenständiger, der mir Widerstand entgegensetzt, der mir Interpretationsmöglichkeiten lässt und gegen den ich auch anarbeiten kann. Einen eigenen Text zu illustrieren ist dagegen mehr ein Tanz mit sich selbst.

Ada: Vor ein paar Jahren hast du selbst ein Bilderbuch geschrieben und es passend bebildert. Möchtest du in dieser Richtung weiterarbeiten oder war das ein einmaliges Projekt?

Jochen Stuhrmann: Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass das Formulieren von Texten mir ungleich schwerer fällt als das Bildermachen. Allerdings erfinde ich sehr gerne Geschichten, Charaktere und Situationen. Und so entstand auch mein erstes Bilderbuch („Ernesto„) erstmal nur als Geschichtskonzept, das aber dem Verlag so gut gefiel, dass ich damals einen Vertrag dafür bekam. Anschließend entstanden zuerst die Bilder und ganz am Schluss schrieb ich den Text dazu.
Da ich noch viele Konzepte und Ideen für Bücher habe und Bilder dazu machen möchte, werde ich sicher weiterschreiben – aber wie gesagt: Für mich ist der Text der schwierigste Teil.

Ada: Arbeitest du im Moment an einer neuen Kinderbuchillustration und kannst du uns verraten, worum es dabei geht?

Jochen Stuhrmann: Im Moment arbeite ich an einem neuen Bilderbuch mit einem eigenen Text. Es wird eindeutig ein Buch für Jungs, voller dröhnender Motoren, über fatale Fehlentscheidungen und mit immensem Blechschaden. Aber natürlich trotzdem mit einem triumphalen Ende für alle.

Vielen Dank, Jochen!

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Jochens Webseite

Jochen bei Illustratoren Organisation E.V.

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