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© Ada Mitsou

Wie bei fast jedem Werk des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami fällt es mir nicht ganz leicht, die Vielseitigkeit von 1Q84 in Worte zu fassen. Vorweg möchte ich anmerken, dass das Buch Band 1 und 2 der Trilogie umfasst. Band 3 ist in Japan bereits erschienen, wird jedoch in Deutschland voraussichtlich erst im Herbst 2011 veröffentlicht.

Ob man 1Q84 auch unabhängig vom dritten Band lesen kann? Momentan denke ich schon, dass man das Buch zuklappen kann, ohne es allzu sehr zu bedauern, dass man noch ein Jahr auf den offiziellen Schluss warten muss. Doch natürlich schwebt man vorerst in einer Luft, die randvoll mit rätselhaften Ereignissen und Interpretationsmöglichkeiten ist. Das Ende von 1Q84 bleibt offen und der Kopf schwirrt einem, weil sehr viele Fragen unbeantwortet bleiben – in meinen Augen ein typisches Merkmal für Murakamis Geschichten. Trotzdem möchte man natürlich wissen, inwiefern sich die Zusammenhänge in Band 3 offenbaren werden.

Doch worum geht es in 1Q84 überhaupt? Im Folgenden fasse ich den Inhalt kurz zusammen. Natürlich ohne den weiteren Verlauf oder die Auflösung von 1Q84 zu verraten. Wer trotzdem nichts darüber wissen möchte, kann nach dem zweiten ~ weiterlesen.

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Es ist das Jahr 1984. Aomame, eine Frau um die 30, ist Fitnesstrainerin und zugleich Profikillerin. Im Auftrag einer alten Dame bringt sie Männer um, die ihre Frauen seelisch, aber vor allen Dingen auch körperlich misshandeln. Aomame kann das mit ihrem Gewissen vereinbaren und arbeitet schnell und zuverlässig.
Auch sonst läuft ihr Leben recht geordnet. Sie lebt alleine, ernährt sich überaus gesund, hat sich und ihren Körper im Griff und möchte auch, dass das so bleibt. Nähe fällt ihr schwer, doch es scheint auch so, als würde sie diese – abgesehen von ein paar nächtlichen Abenteuern – nicht brauchen.

Auch Tengo, ebenfalls um die 30, lebt ein geordnetes Leben. Der unauffällige junge Mann unterrichtet Mathematik und versucht sich nebenbei als Schriftsteller. Nebenher liest er Manuskripte, die für den Literaturpreis einer Zeitschrift eingereicht werden.
Als er eines Tages das Manuskript der 17jährigen Fukaeri in die Hände bekommt, ist er hin und weg. Magisch zieht ihn die Geschichte um mysteriöse Little People, die ein kleines Mädchen dazu anstiften, eine Puppe aus Luft zu spinnen, in ihren Bann. Doch leider hat die Geschichte auch einen Haken: Fukaeris Schreibstil ist dem Inhalt nicht angemessen und so beschließen Tengo und der Redakteur der Zeitschrift, das Werk zu überarbeiten und mit der „Puppe aus Luft“ an die Öffentlichkeit zu treten.

Fukaeri ist damit einverstanden. Das schweigsame Mädchen, das unter einer Lese-Schreib-Schwäche leidet, wird als Autorin in der Öffentlichkeit auftreten und über Tengos Hintergrundarbeit Stillschweigen bewahren.
Auch ihr Vormund Ebisuno hat nichts dagegen einzuwenden. Seit Fukaeri vor sieben Jahren aus der religiösen Gemeinschaft ihrer Eltern ausgetreten ist, kümmert er sich um das Mädchen und erhofft sich durch die Veröffentlichung unter Fukaeris Namen mit deren Eltern in Kontakt treten zu können. Denn seit Fukaeri vor Ebisunos Tür stand, hat er nichts mehr von ihnen gehört.

Was alle Beteiligten nicht wissen: „Die Puppe aus Luft“ wird zu einem Bestseller und löst mit ihrem Erscheinen eine Kette mysteriöser Vorfälle aus. Das Schicksal aller wird miteinander verknüpft, sodass Tengo und Aomame in einen Strudel voller Geheimnisse geraten. Ein spannendes Katz und Maus Spiel beginnt…

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Über 1000 Seiten umfasst 1Q84. Da ist es nicht verwunderlich, dass Murakami die Fülle der Seiten nutzt, um eine Reihe äußerst rätselhafter Ereignisse miteinander zu verknüpfen.

Das erste Buch startet verhältnismäßig langsam. Die Charaktere werden vorgestellt, der Leser taucht in ihre persönlichen Schicksale ein und hier und da findet man Bezüge zu historischen Ereignissen. Der Schreibstil wirkt dabei ungewohnt distanziert und beschreibend. Als Leser ist man nicht mitten im Geschehen, sondern betrachtet die Figuren von außen.

Möglicherweise liegt das an der für Murakami eher untypischen Erzählperspektive, denn diesmal bedient er sich nicht der Ich-Perspektive, sondern erzählt in der dritten Person. Zudem neigt er dazu, manche Vorgänge wiederholt zu beschreiben, was mich an der ein oder anderen Stelle etwas Geduld gekostet hat.
Ich muss zugeben, dass ich abgesehen von den ersten Kapiteln doch ein wenig überrascht war. Konnte mich bisher fast jedes von Murakamis Werken fesseln, fand ich den ersten Teil der Trilogie ungewohnt langatmig. Zwar finden sich hier bereits mysteriöse Andeutungen, doch im Ganzen kam mir das gesamte erste Buch eher wie eine Einleitung vor.

Das ändert sich jedoch mit Beginn des zweiten Buches. Die Ereignisse werden überaus spannend. Es fällt zunehmend schwerer, 1Q84 beiseite zu legen und endlich häufen sich auch die undurchsichtigen Verstrickungen. Die zuvor parallel verlaufenden Handlungsstränge werden miteinander verwoben, sodass sich die Zusammenhänge herauskristallisieren. Wer jedoch auf klare Schilderungen und offensichtliche Berührungspunkte Wert legt, wird hier hoffnungslos verloren sein.

Murakami übertrifft in 1Q84 das Maß an Surrealismus seiner Vorgängerwerke um Längen.
Zwar gestaltet sich der Handlungsverlauf gewohnt fantastisch, doch es bedarf einer Menge Vorstellungskraft und Aufmerksamkeit, um das Gelesene greifen zu können. Die Geschichte ist so vielschichtig, dass zwar vieles in die passende Ordnung gebracht wird, zugleich aber auch sehr viel Raum für Spekulationen bleibt.

Auch thematisch zeigt sich Murakami vielseitig. In 1Q84 geht es um häusliche Gewalt und religiösen Fanatismus, aber auch um Freundschaft, familiäre Verstrickungen und eine lebenslange Liebe. Das Geschriebene wirkt gesellschaftskritisch, allerdings auch überaus romantisch, sodass sich  in dem Buch verschiedene Genres mischen: 1Q84 ist nicht nur ein ungewöhnlicher Thriller, sondern auch eine komplexe Familiengeschichte und  eine wunderbare Liebesgeschichte.

Ich muss zugeben, dass ich nach Beenden des Buches (noch) nicht alles begriffen habe, dennoch wirkt das Gelesene bereits jetzt rund. Stundenlang könnte ich darüber rätseln, was genau hinter den Details des Romans steckt und trotzdem scheint mir das Ende irgendwie passend.

So wirr der Inhalt nun auch scheinen mag, im Ganzen ist Murakami wieder ein kleines Meisterwerk gelungen, das zahlreichen Fans gefallen wird. Zwar unterscheidet sich der Schreibstil von den Vorgängern und vor allem das erste Buch erschien mir etwas langatmig, doch der zweite Teil ist randvoll mit murakamischer Fantasie, die von der Hand des Schriftstellers erstaunlich mühelos in eine bestimmte Ordnung gebracht wird.

Für Fans ist 1Q84 also durchaus empfehlenswert. Einsteiger sollten es lieber mit einem anderen Murakami versuchen, da die Konzentration der mystischen Elemente in diesem Buch leicht überfordern kann, wenn man mit Murakamis Schreibstil nicht vertraut ist.

Ich werde mir den dritten Band auf jeden Fall zulegen.

© Ada Mitsou

1021 Seiten / 32 € ~ Dumont Buchverlag (Oktober 2010) ~ ISBN: 3832195874

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